Geiselnahme

In diesen Ländern werden die meisten Deutschen gekidnappt

Jeden Monat wird im Schnitt ein Deutscher im Ausland entführt. Die Hoffnung ruht dann auf Krisenberatern. Opfer und Berater berichten.

Auch die Taliban in Pakistan haben die Entführung und Erpressung von Ausländern als Einnahmequelle entdeckt.

Auch die Taliban in Pakistan haben die Entführung und Erpressung von Ausländern als Einnahmequelle entdeckt.

Foto: Ishtiaq Mahsud / AP

Berlin. Pascal Michel hört, wie die Geisel ans Telefon geholt und eine Waffe geladen wird. Ein Schuss fällt. Der Hörer wird aufgelegt. In der Stille, die einsetzt, ist es wichtig, einem Impuls zu widerstehen: zurückzurufen. Die Täter sollen lernen, dass Drohungen nicht wirken. Drei Tage später melden sie sich wieder. Es war eine Scheinhinrichtung, ein Bluff.

Pascal Michel wird als Krisenberater gerufen, wenn sich ein Mensch einem Risiko aussetzt oder gar Gefahr im Verzug ist, weil er bedroht, erpresst, entführt wurde. Wer Michel engagiert, will in die Freiheit gelotst werden – und zwar ohne Aufsehen. Keine Medien, keine Sirenen.

Entführungen werden zum Geschäftsmodell

Es ist eine Nischenbranche – und ein weites Feld. In Nigeria oder Mexiko spricht man gar von einer „Entführungsindustrie“ und von „Marktpreisen“. Es gibt Versicherungen gegen „Kidnapping and Ransom“ (Entführungen und Lösegeld). Ein Geschäftsmodell, das seit 1998 von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zugelassen ist.

Obgleich die Prämien gesunken sind, hat sich ihr Volumen in 30 Jahren global von 60 auf schätzungsweise 300 Millionen Dollar verfünffacht. Die Welt ist unsicherer, zugleich sind die – nicht zuletzt von Gerichten verschärften – Fürsorgepflichten für Unternehmen und Organisationen mit ihren Mitarbeitern in Krisenregionen größer geworden.

Seit 2010 wurden 143 Deutsche in 37 Ländern entführt

Der Streifzug durch eine ungewöhnliche Branche führt über einen Speicher am Binnenhafen in Münster zum palaisähnlichen Sitz der Münchener Rück, einem der weltweit größten Rückversicherer, der auch „Spezialrisiken“ zu händeln weiß.

Hier, am Englischen Garten, kommen an einem Novembermorgen etwa 80 Menschen zu einer Tagung zusammen. Ihr Thema: „Krisenmanagement bei Vorfällen in der realen und virtuellen Welt“. Die Sicherheitsbeauftragten namhafter Unternehmen sind dabei, Vertreter von NGOs oder auch die Koordinatorin der ARD-Auslandstudios.

Unter den Anzugträgern fällt ein Mann im Pullover auf: Bernd Mühlenbeck aus Twistringen, Ex-Entwicklungshelfer der Welthungerhilfe. 33 Monate lang war er in Pakistan in Geiselhaft der Taliban, vom 19. Januar 2012 bis zum 9. Oktober 2014. Mühlenbeck weiß: „Es ist am Ende Lösegeld geflossen.“ Ihm wurde allerdings bedeutet, es sei besser, wenn er nicht so genau wisse, wie viel.

Offiziell zahlt die Bundesregierung kein Lösegeld. Sie verrät auch nicht, wie viele Bundesbürger aktuell im Ausland als verschleppt gelten. Seit 2010 wurden 143 Deutsche in 37 Staaten entführt, wie sie auf Anfrage des Linken-Fraktionschefs Dietmar Bartsch mitteilte. „Das ist eine sehr hohe und besorgniserregende Zahl“, sagte er unserer Redaktion.

Die meisten Opfer wurden in

  • Nigeria (19),
  • Syrien (13),
  • Mexiko (12),
  • Afghanistan (11) und
  • Senegal (7) verzeichnet.

2018 zählte das Bundeskriminalamt im Inland 68 Fälle (darunter zehn Versuche) von „erpresserischem Menschenraub“.

Firma spezialisiert sich auf Entführungen

In München-Grünwald sitzt Smart­RiskSolutions, die Firma von Pascal Michel, Michael Pülmanns und Marc Brandner. Zwei von ihnen arbeiteten früher bei einer Sicherheitsbehörde. Brandner war Elitekämpfer bei der Bundeswehr.

Heute führen sie ein Team von 25 Krisenberatern an: erfahrene Unterhändler wie ein ehemaliges Mitglied der FBI Crisis Negotiation Unit ebenso wie Psychologen, Ärzte, Anwälte, Sprachforensiker. Auf ihre Homepage hat die Firma für ihre Kunden eine Erste-Hilfe-Checkliste gestellt.

Eine Empfehlung lautet: „Bereiten Sie eine exklusive Telefonnummer bzw. SIM-Karte für die zukünftige Kommunikation mit den Entführern vor. Besorgen Sie, wenn möglich, ein neues (unbenutztes) Mobiltelefon.“

Warum? Um das Risiko zu minimieren, dass die Polizei Verhandlungen abhört. Zwischen Krisenberatern und Polizei besteht ein Spannungsverhältnis. Der Job der Polizei: Strafverfolgung. Eine gewaltsame Befreiung ist eine Option. Wenn sie Zeit gewinnen will, sich Vorteile für die Ermittlungen erhofft, wird sie Verhandlungen in die Länge beziehen.

Mit dem Entführer verhandeln

Die Krisenberater wollen die Geisel unversehrt und möglichst nach wenigen Tagen zu einem Preis freibekommen, der weder ihre Firma noch ihre Familie ruiniert, zugleich die Kriminellen nicht zu einer Wiederholungstat anstachelt. Michel und Brandner halten den Verhandlungsweg für den sichersten und schätzen die Überlebenschancen dort am höchsten ein, wo Kidnapping gang und gäbe ist.

Michel verweist auf US-Studien, wonach eine Politik ohne Zugeständnisse nicht zu weniger Entführungen führe. Nach einer Analyse des Londoner King’s College liege die Überlebenschance bei versicherten Kunden bei 97,5 Prozent.

Münster, Hafenweg 46, Sitz des Hansekuranz Kontors, bei dem jeder zweite deutsche Reeder gegen Piraterie versichert ist. Eine Auflage der Versicherer ist, dass Police und Versicherungssumme nur einem kleinen Kreis in der Firma bekannt werden. „Das steht nicht am schwarzen Brett“, sagt der Gründer und Leiter des Kontors, Peter Bensmann.

Vorgeschrieben ist von den Versicherern auch ein Krisenmanager. Er führt vor Reiseantritt Sicherheitstrainings durch und soll im Notfall „die Sache zu einem guten Ende führen“, so Bensmann. Vor allem bleibe der Berater „in einem vernünftigen Korridor – und die Preise gehen nicht nach oben“, ergänzt Brandner. „Es ist eine sehr spezielle Marktsituation.“

Unterschiedliche Preise in unterschiedlichen Ländern

Der Marktpreis liegt in Nigeria bei Piraterie höher als bei Entführungen auf dem Land, bei ausländischen Experten höher als bei Ortskräften. Michel hat schon mal einen Geschäftsführer überreden müssen, nicht mehr Geld anzubieten. Reine Erfahrungssache. „Eine Entführung ist erst dann zu Ende, wenn die Täter überzeugt sind, dass nicht mehr Geld zu holen ist.“

Es kommt vor, dass eine Geisel trotz Zahlung nicht freigelassen wird und Entführer zwei Mal kassieren. „Double Ransom“, sagen Experten nur. Die Übergabe sei die kritische Phase, so Brandner. „Von Angesicht zu Angesicht ist nicht der Normalfall.“ Bisher habe er erst eine Simultanübergabe erlebt. Erst das Geld, dann die Geisel. Das ist die Reihenfolge.

Bürgerkrieg: Das sind die wichtigsten Akteure im Syrienkonflikt
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Bei den Verhandlungen geht es zu wie auf einem Basar. Es kann passieren, dass Piraten für zehn Geiseln 4,4 Millionen Dollar verlangen. Das erste Gegenangebot lautet 27.500 Dollar. So viel liegt cash vor. „Quick and dirty“ (schnell und dreckig), sagen die Krisenberater dann. In unserem Fall aber ziehen sich die Gespräche 28 Tage hin – und der Abschluss gelingt letztlich erst bei 310.000 Dollar.

Was bei einer Entführung passiert

Wenn in München-Grünwald ein Notruf eingeht, hält ein Krisenberater den Kontakt aufrecht, derweil sein Kollege zum Ort des Geschehens eilt. Er wird einen Krisenstab etablieren, checken, wie viel Geld bereitsteht, welcher Preis „ortsüblich“ ist, sich mit der Firma und der Familie der Geisel abstimmen und einen Kommunikator schulen. Der Berater wird nicht die Verhandlungen führen. In Afrika oder Südamerika würde man sofort den Europäer heraushören und sich ermuntert fühlen, mehr Geld zu fordern.

Der Berater wird Gespräche simulieren, Tonbänder von ähnlichen Fällen vorspielen, er wird den Kommunikator coachen, danebensitzen und mithören, wenn „der“ Anruf eingeht, und über Karten signalisieren, was er sagen soll. Er ist derjenige, der bei der Scheinhinrichtung die Ruhe bewahrt.

Das letzte Wort hat die Familie, aber die ist meist emotional überfordert. Sie weiß nicht, ob eine Lösegeld-Versicherung vorliegt, und damit nicht, wie weit sie in Verhandlungen gehen könnte. Von den Familien kommt am ehesten die Drohung, sich an die Medien zu wenden.

Der Berater weiß, was dann kommt: Der Täter gerät in Panik, Regierung und Polizei unter Handlungsdruck, Trittbrettfahrer und angebliche Mittler treten auf den Plan. Die USA drohen Familien oder Firmen, die Lösegeld zahlen, mit Strafen. Nicht nur in Großbritannien erlischt bei Zahlungen an Terroristen der Versicherungsschutz. In Italien und Portugal sind Lösegeld-Versicherungen verboten.

In Deutschland darf man kein Geld an eine Terrorgruppe zahlen, wobei Paragraf 129 a (Unterstützung einer terroristischen Vereinigung) noch nie gegen Familien oder Firmen angewandt wurde. Bei Terror werden die Fälle oft öffentlich, die Polizei wird eingeschaltet und damit „dem Krisenberater das Heft des Handelns genommen“ (Bensmann).

Bei Terrorverdacht erlischt der Versicherungsschutz

Die Arbeit des Krisenberaters ist nicht zu Ende, wenn eine Geisel in die Freiheit gelotst hat. Dann beginnt die Betreuung. Jeder reagiert anders. Zu Brandner hat mal eine Geisel nach ihrer Freilassung gesagt, sie wolle erst mal ins Büro gehen, die Mails checken, die Akten auf dem Schreibtisch erledigen. Business as usual. Nicht wenige wollen zurück in die Krisenregion.

Manche ziehen den harten Schnitt. So wie der IT-Spezialist Peter Moore. Nach 31 Monaten Geiselhaft im Irak kauft sich der Brite eine Honda ST 1300 und tourt zwei Jahre lang durch die USA. Entwicklungshelfer Mühlenbeck schrieb die Story seiner Entführung auf. In der Gefangenschaft war ihm das Schreiben zur Routine geworden, er kam auf 10.000 handgeschriebene DIN-A4-Bögen. Er musste sie alle zurücklassen.

Varianten von Kidnapping

Neben der klassischen Entführung und der Geiselnahme – oft im Zuge eines Überfalls – bringen Seeräuber ganze Schiffsbesatzungen in ihre Gewalt. Bei Piraterie im Golf von Aden wird die Crew meistens an Bord festgehalten. Im Golf von Guinea entern die Täter mit Schnellbooten die Schiffe und verschleppen ihre Geiseln ins Inland. Express-Kidnapping hält nur wenige Stunden an – gerade genug um mit der PIN des Kreditkartenbesitzers Geld abzuheben. Eine Variante davon sorgt in Südafrika für Aufsehen: die Gelegenheitsentführung. Wenn bei einem Raubüberfall auf der Straße das Opfer zu wenig Geld bei sich hat, wird die Familie angerufen und zur Kasse gebeten. Die virtuelle Entführung ist ein Betrug: Kriminelle erwecken nur den Eindruck, dass sie jemand in ihre Gewalt genommen hätten. Die Rechnung kann aufgehen, wenn das Opfer stundenlang nicht erreichbar ist

„Lindbergh“-Fall gab den Anstoß für die „K & R“-Versicherungen

Als Geburtsstunde der „Kidnapping & Ransom“-Versicherungen gilt die Entführung des Babys des Luftfahrtpioniers Charles Lindbergh (1932). Die Deckungsgrenze liegt bei fünf bis zehn Millionen Dollar, im Einzelfall bei bis zu 25 Millionen. Mithin macht das Lösegeld nur einen Bruchteil der Kosten aus. Der größte Teil geht für die Beratung drauf, Transport- und Hotelkosten, Mietwagen, Bestechung, psychologische und medizinische Betreuung. Die Firma oder die Familie gehen in Vorleistung und rechnen mit der Versicherung ab.

Wie viele Fälle von Kidnapping es weltweit gibt, ist schwer zu sagen. Die Krisenberater von SmartRiskSolutions gehen jedenfalls von 50.000 aus. Als Hochrisikostaaten gelten Mexiko, der Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia, der Jemen, Syrien und Libyen.