Prozess

Westliche Spendengelder an Terrororganisation Hamas geleitet

Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision soll einen Großteil der Spendengelder an die Terrororganisation geleitet haben.

Hamas-Soldaten auf den Straßen von Gaza-Stadt.

Hamas-Soldaten auf den Straßen von Gaza-Stadt.

Foto: NurPhoto / ddp images/Majdi Fathi/NurPhoto/

Jerusalem.  Die christliche Hilfsorganisation World Vision steht zu ihrem Mitarbeiter. Trotz der Vorwürfe, der Mann habe Spenden in Millionenhöhe veruntreut und damit den Kauf von Waffen ermöglicht. Man sei „schockiert“ über die Verhaftung von Mohammed al-Halabi und müsse sich erst einmal die Beweise genau ansehen. „Nach derzeitigem Informationsstand gibt es keinen Anlass, anzunehmen, dass die Anschuldigungen begründet sind“, sagte ein Sprecher. Doch wenn wahr ist, was der israelische Staat dem Gaza-Chef der Organisation vorwirft, muss World Vision ihre Arbeit in dem Palästinensergebiet infrage stellen.

Am Donnerstag wurde gegen den 38-Jährigen vor einem israelischen Bezirksgericht in Berscheva Anklage erhoben. Al-Halabi, der bereits vor etwa zwei Monaten verhaftet wurde, soll über einen Zeitraum von elf Jahren insgesamt 45 Millionen Euro für den Kampf der Hamas veruntreut haben.

In Hilfsorganisation eingeschleust

Laut Anklage wurde er schon als Jugendlicher Mitglied der Terrororganisation. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts wurde al-Halabi dann militärisch ausgebildet und 2005 gezielt in die Hilfsorganisation eingeschleust. Er galt als besonders geeignet, schließlich hatten er und vor ihm bereits sein Vater für die Vereinten Nationen gearbeitet. Insgeheim aber stand er unter dem Befehl eines Divisionskommandanten der Hamas. 2010 stieg al-Halabi, außerdem Mitglied der Kassam-Brigaden, zum World-Vision-Geschäftsführer in Gaza auf. Damit bekam er noch bessere Kontrolle über die Gelder. Yoav Mordechai, Chef der israelischen Militärbehörde in den Palästinensergebieten: „Unser Beweis ist das Geständnis des inhaftierten Mohammed al-Halabi.“

Dessen Anwalt sagte der israelischen Zeitung „Haaretz“, sein Mandant habe gar nicht gestanden. Er sei kein Hamas-Mitglied und wäre lediglich zur Herausgabe bestimmter Waren gezwungen worden. Ein Hamas-Sprecher wies die Vorwürfe als „Lügen“ zurück. Die Israelis bleiben aber dabei: das Geständnis sei gerichtsfest dokumentiert.

Jährlich 6,4 Millionen Euro für Hamas

Darin soll al-Halabi beschrieben haben, wie 60 Prozent der Mittel – jährlich 6,4 Millionen Euro – zur Hamas umgelenkt wurden. Ein komplexes System mit Komplizen und Tarnorganisationen. So gab es fiktive Ausschreibungen für World-Vision-Projekte in Gaza. Über die Hälfte der dafür zugewiesenen Gelder gingen an die Islamisten, die den Küstenstreifen diktatorisch beherrschen. Außerdem wurden Hamas-Mitglieder als Mitarbeiter von Projekten eingestellt. Und al-Halabi sorgte für erfundene oder zu hohe Rechnungen. Zu den vermeintlichen Vorhaben gehörten der Bau von Gewächshäusern und psychologischen Einrichtungen sowie Hilfe für Fischer, Behinderte und Bauern. Wenn die Untersuchungen des israelischen Geheimdienstes zutreffen, ist klar: Immer profitierte die Hamas und damit der Terror.

Die Eiferer erhielten Material für den Bau von Tunneln, mit deren Hilfe sie seit Jahren versuchen, auf israelisches Gebiet einzudringen. Die Eingänge wurden in Gewächshäusern versteckt, deren Bau al-Halabi initiiert hatte. Während der Regierungszeit des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zwischen 2012 und 2013 nutzte die Hamas World-Vision-Gelder wohl auch für den Waffenkauf im Sinai.

Die israelischen Behörden gehen davon aus, dass al-Halabi nur der Kopf eines Hamas-Netzwerks in der Hilfsorganisation ist. In seinem Geständnis soll er erklärt haben, dass auch „UN-Organisationen in Gaza faktisch von Hamas kontrolliert werden“. Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Emmanuel Nachschon, sagte unserer Redaktion: „Wir unterstützen die Arbeit der Hilfsorganisationen, unsere Untersuchungen waren nicht auf sie, sondern auf Hamas fokussiert, aber sie müssen ihre Arbeit jetzt komplett überprüfen. Es muss mehr Transparenz geben.“

Vor allem die Ärmsten leiden

Nach israelischen Angaben haben al-Halabis Umtriebe vor allem den Ärmsten in Gaza geschadet. Im dem Küstenstreifen drängen sich 1,8 Millionen Menschen, die zu 80 Prozent von Hilfsgeldern leben. Der Hamas-Agent soll während des letzten Gaza-Kriegs 2014 Tausende Nahrungsmittel- und Hygienepakete für Kämpfer abgezweigt haben. Gelder für kriegsversehrte Kinder habe er an Hamas-Familien gegeben. Wer kein Hamas-Mitglied war, bekam fast nie etwas ab.

„World Vision bedient sich detaillierter Verfahren und Kontrollmechanismen, um sicherzustellen, dass uns anvertraute Gelder in Übereinstimmung mit rechtlichen Verpflichtungen ausgegeben werden, so dass sie keine Konflikte anfachen, sondern zum Frieden beitragen“, teilte die Organisation mit. Yoav Mordechai von der israelischen Armee widersprach am Freitag: „Übernehmen sie Verantwortung und bringen sie ihren Laden in Ordnung.“ Die Hilfsorganisation macht einen Jahresumsatz von 2,3 Milliarden Euro. Sie ist in 100 Ländern mit 46.000 Mitarbeitern im Einsatz. Der Hilfsriese lebt auch von staatlichen Zuwendungen. Deutschland und Australien haben die Unterstützung für Projekte in den Palästinensergebieten bereits gestoppt. World Vision droht ein immenser Imageschaden.