Flüchtlingskrise

Flüchtlinge auf Lesbos fordern eine bessere Behandlung

Am Wochenende hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon das Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Der Frust der Flüchtlinge dort sitzt tief.

Flüchtlinge demonstrieren auf Lesbos während des Besuchs von UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon für eine bessere Behandlung.

Flüchtlinge demonstrieren auf Lesbos während des Besuchs von UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon für eine bessere Behandlung.

Foto: INTIME / REUTERS

Athen/Lesbos.  Die verzweifelten Menschen im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos haben schon viele prominente Besucher gesehen: Parlamentarier, Minister, Hollywoodstars, sogar der Papst war da. Ihre Lage hat das nicht gebessert. Nun ist UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu Besuch, doch die Geduld der Flüchtlinge ist am Ende: Als Ban am Sonnabend das Lager besucht, empfangen ihn die Menschen mit Plakaten, auf denen sie ihre schwierige Lage schildern, und verlangen lautstark mehr Unterstützung.

Bei Ban rennen sie im Prinzip offene Türen ein: Er fordert mehr Hilfen für Griechenland, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. „Griechenland sollte bei dieser Herausforderung nicht alleine gelassen werden“, hatte der UN-Generalsekretär schon nach einem Gespräch mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in Athen erklärt. Die Verantwortung für die Schutzsuchenden müsse in Europa und der ganzen Welt stärker geteilt werden, sagte Ban. Tsipras, der seinem Gast eine Flüchtlingsrettungsweste als Geschenk überreichte, bat um Unterstützung der UN: „Wir haben mit dem Pakt eine schwierige Einigung erzielt und kämpfen darum, dass sie beibehalten wird. Wir haben es damit geschafft, die Flüchtlings- und Migrationsströme und die vielen Todesfälle in der Ägäis zu stoppen“.

Der Frust im Lager entlädt sich in Gewaltausbrüchen

Jetzt auf Lesbos zeigt sich der UN-Generalsekretär besorgt über die nach wie vor hohe Zahl der Menschen, die bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ums Leben kommen. Er sagt aber auch: „Lesbos ist eine Insel des Friedens und euer Meer ein Meer der Solidarität.“

Das sehen nicht alle Flüchtlinge so. Fast 60.000 Schutzsuchende sitzen in Griechenland in der Falle, seit die Balkanstaaten im Februar ihre Grenzen dicht machten. So verzweifelt ist ihre Lage, dass manche bereits an eine Rückkehr in ihre Heimat denken.

Im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos entlädt sich die wachsende Frustration der Menschen immer wieder in Gewaltausbrüchen. Meist sind es nichtige Anlässe wie der Streit um eine Steckdose für das Handy, die zu Massenschlägereien führen. Auf Lesbos leben knapp 3500 Flüchtlinge und Migranten. Was die Behörden als „Hotspot“ zur Regis­trierung der Menschen und zur Bearbeitung ihrer Asylanträge bezeichnen, ähnelt einem Internierungslager, das von hohen Metallzäunen und messerscharfem Stacheldraht umgeben ist.

Bis über ihre Asylanträge entschieden ist, dürfen die Flüchtlinge die Insel nicht verlassen. Aber die Bearbeitung der Verfahren zieht sich viel länger hin als erwartet, weil die EU-Staaten immer noch nicht alle versprochenen Asylbearbeiter nach Griechenland geschickt haben. Vom Ausgang der Asylverfahren hängt ab, ob die Menschen in die Türkei zurückgebracht werden, wie es das Flüchtlingsabkommen der EU mit Ankara vorsieht, oder in Griechenland bleiben dürfen. Seit Inkrafttreten des Abkommens wurden erst 511 Syrer in die Türkei abgeschoben. Die Zahl ist nicht zuletzt deshalb so niedrig, weil die Asylrichter häufig die Türkei nicht als sicheres Drittland einstufen und den Antragstellern Asyl in Griechenland gewähren.

57.000 Menschen sitzen fest

Auch die Umsiedlung der in Griechenland gestrandeten Flüchtlinge stockt, weil nur wenige EU-Staaten zur Aufnahme bereit sind. Im vergangenen Monat wurden nur 780 Menschen umgesiedelt – das Planziel liegt bei 6000 pro Monat. Aktuell sitzen in Griechenland nach offiziellen Angaben fast 57.000 Menschen fest. Zwar ist die Zahl der Neuankömmlinge seit Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei stark zurückgegangen, aber die Uno-Flüchtlingsagentur UNHCR erwartet, dass bis Ende dieses Jahres weitere 92.000 Menschen nach Griechenland kommen werden. Und es ist nicht das einzige Ziel: Die europäische Grenzschutzagentur Frontex schätzt, dass in diesem Jahr rund 300.000 Migranten per Boot über das Mittelmeer in die EU kommen.

Zehntausende Flüchtlinge werden auf Jahre in Griechenland bleiben. Umso wichtiger wäre es, dass Griechenland endlich Konzepte für die Integration der Flüchtlinge entwickelt. Aber die Regierung wirkt völlig überfordert. Die meisten Flüchtlingsunterkünfte sind nicht winterfest. Es gibt keine Schulklassen für die Flüchtlingskinder, keine Sprachkurse für die Erwachsenen und keinerlei finanzielle Unterstützung. Die Menschen sind sich selbst überlassen. Aussichten auf einen Job dürften die allerwenigsten haben – die Arbeitslosenquote in Griechenland beträgt 24 Prozent. Immer mehr Flüchtlinge wollen deshalb zurück. Diese Woche nahm die griechische Polizei einen Fischer fest, der versuchte, neun Migranten über den Grenzfluss Evros zurück in die Türkei zu bringen. Die Fahrt sollte 50 Euro pro Person kosten.

„Ich will nur eines: weg von hier, egal wohin“, sagt auch Merwe. Die 19-jährige Afghanin kam im Februar aus der Türkei über die Ägäis nach Griechenland, auf eine Insel, deren Namen sie vergessen hat. Seit drei Monaten lebt sie mit ihrer Mutter in der Abflughalle des früheren Athener Flughafens Ellinikon. Die Luft in dem Terminal ist zum Schneiden dick, vor allem jetzt, während der ersten Hitzewelle dieses Sommers. „Das Essen ist schlecht“, sagt Merwe, „es gibt zu wenige Waschgelegenheiten und Toiletten, aber das Schlimmste ist die Ungewissheit: Was soll aus uns werden?“ Niemand kann auf diese Frage eine Antwort geben.