US-Wahlkampf

Hillary Clinton – die Stehauf-Frau hat das Ziel in Sicht

| Lesedauer: 9 Minuten
Dirk Hautkapp
Nach weiteren klaren Vorwahlsiegen führt Hillary Clinton als erste Frau die US-Demokraten in den Wahlkampf um das Weiße Haus – viel mehr Freude hat sie sich öffentlich nicht gegönnt.

Nach weiteren klaren Vorwahlsiegen führt Hillary Clinton als erste Frau die US-Demokraten in den Wahlkampf um das Weiße Haus – viel mehr Freude hat sie sich öffentlich nicht gegönnt.

Foto: Peter Foley / dpa

Hillary Clinton könnte die erste Präsidentin der größten Macht der Erde werden. Sie weiß, wie viel Überzeugungsarbeit vor ihr liegt.

Washington.  Sie kann sich nicht gehen lassen. Auch nicht im Gänsehaut-Moment ihres bislang größten Erfolges. Dabei sieht es für Sekunden am späten Dienstagabend im Navy Yard von Brooklyn/New York so aus, als würde Hillary Clinton gleich Tränen vergießen über die historische Leistung, die sie sich und Amerika abgetrotzt hat. Sichtlich berührt saugt sie den frenetischen Jubel ihrer Anhänger ein, die seit 240 Jahren zum ersten Mal eine so-gut-wie-offizielle Präsidentschaftskandidatin vor sich haben. Immer wieder legt sie die rechte Hand auf Herz. Ihre Lippen formen „Thank you“. Aber als sie ans Mikrofon tritt, muss irgendwas den Schalter in ihrem Kopf umgelegt haben.

„Wir haben einen Meilenstein erreicht“, ruft sie in den ohrenbetäubenden Lärm, erinnert an Protagonisten der Frauenbewegung und ihre vor fünf Jahren verstorbene Mutter. „Ich wünschte, sie wäre heute hier.“ Viel mehr Schmetterlingsgefühle, viel mehr Pathos gesteht sich die 68-Jährige nicht zu. Schon die nächsten Sätze klingen geschäftsmäßig. Sie reicht ihrem unterlegenen Widersacher Bernie Sanders rhetorisch die Hand, auf dessen noch nicht greifbare Kooperationsbereitschaft sie nun bitter angewiesen ist. Donald Trump, ihr republikanischer Gegner im Kampf um das Weiße Haus am 8. November, bekommt die erwarteten Breitseiten ab – „charakterlich ungeeignet“, „schlecht für Amerika“. Dann ist der vorläufig wichtigste Tag im Leben der Hillary Clinton nach 14 Monaten zermürbenden Wahlkampfes vorbei. Freude, die nicht auf ihre mediale Wirkung hin abgeschmeckt wirkt? Fehlanzeige.

Wie wird man nur so, so vorsichtig und selbstkontrolliert?

Politische Erweckung im Frühjahr 1969

Man kann Amerikas potenziell erste Präsidentin nicht ohne das Frühjahr 1969 verstehen. Als junge Studentin am Wellesley College erlebt die aus Chicago stammende Tochter eines mittelständischen Unternehmers ihre politische Erweckung. Und erfährt zum ersten Mal, was es heißt, sich gegen die herrschenden Verhältnisse zu stellen. In ihrer Abschlussfeier-Rede widerspricht die junge Hillary Diane Rodham, damals 21, einem Senator, der gegen die Bürgerrechtsbewegung und die Umbrüche der Zeit agitiert. Politik müsse die Kunst sein, „das Unmögliche möglich zu machen“, ruft sie mit dickrandiger Brille auf der Nase trotzig in den Saal. Die Kommilitoninnen sind begeistert, Eltern und Professorenschaft entsetzt. Seither haftet er ihr an: der Ruf, unbequem zu sein und trotzdem ihren Weg zu gehen.

47 Jahre später, längst hat sie als Rechtsanwältin, Gouverneursgattin, First Lady, Senatorin und Außenministerin Amerika ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt, darf man Hillary Clinton als Stehauf-Frau schlechthin bezeichnen. Eine von unbändigem Ehrgeiz geleitete Persönlichkeit, die Niederlagen noch immer als Auftrag versteht, beim nächsten Mal mindestens schöner zu scheitern. Ohne dabei das große Ziel, die Präsidentschaft, aus dem Auge zu verlieren.

Clinton würde erste Oberbefehlshaberin der größten Macht der Erde

Nach dem Ausscheiden ihres Mann Bill aus dem Weißen Haus, dessen von Affären überschattete Karriere sie von der Zeit als Gouverneur im ländlichen Arkansas 1978 bis zur ersten Präsidentenwahl 1992 entscheidend ermöglicht und choreographiert hat, bastelte sie sich eine eigene Laufbahn als Senatorin in New York. Was ihr als First Lady passierte, als sie im Auftrag ihres Mannes ohne belastbare Prokura eine Gesundheitsreform plante und kläglich scheiterte, sollte sich nicht wiederholen.

Nach ihrer bitteren Niederlage im demokratischen Kandidaten-Rennen gegen den damaligen Hoffnungsträger Barack Obama 2008 wurde sie nach kurzem Wunderlecken seine anerkannte Chef-Diplomatin im Außenministerium.

Nach einer Auszeit als hochbezahlte Vortragsrednerin und Buchautorin steht sie nun davor, die sprichwörtliche Glasdecke zu durchbrechen und erste Commanderin-in-Chief der größten Macht der Erde zu werden.

Clintons Zähigkeit und Ausdauer sind unübertroffen

Hillary Clinton ist, so sagen ihre Biographen und engsten Wegbegleiter mit allem Respekt, „durch alle Stahlbäder gegangen, die man sich denken kann“. Ihre Zähigkeit und ihre Ausdauer sind unübertroffen. Wie ihr Misstrauen gegenüber einer Öffentlichkeit, von der sie sich seit Ewigkeiten missverstanden und zu wenig geliebt fühlt.

Nichts illustriert das durchschlagender als ihr Umgang mit den vor der Weltöffentlichkeit ausgebreiteten außerehelichen Eskapaden ihres Mannes, die in den kommenden Monaten von Donald Trump erneut in das hyperventilierende nationale Selbstgespräch Amerika eingeführt werden.

Dass sie Bill Clinton nicht zum Teufel jagte, spätestens nach Monica Lewinsky, wurde ihr als berechnende Zukunftsentscheidung ausgelegt. Ihr Machthunger, schrieben Kommentatoren, sei größer als ihr Selbstwertgefühl. Die Verletzungen, die aus dieser Zeit stammen, sie sind bis heute nicht wirklich auskuriert. Ebenso ihre tiefe Geringschätzung für das Gros der journalistischen Klasse, die sich auch in diesem Wahlkampf nicht entscheiden kann, was denn nun überwiegen soll bei Hillary Clinton: ihre Stärken oder ihre Schwächen?

Routinierte Mechanikerin der Macht

Als routinierte Mechanikerin der Macht ist Hillary Clinton per Definition politisch „mittig“. Sie kann zwar, wie in der bald absterbenden Auseinandersetzung mit ihrem internen Rivalen Bernie Sanders geschehen, problemlos nach links rutschen und großen Umverteilungs-Projekten das Wort reden. Am Ende aber hat sie sich stets in der größten Kompromiss-Schnittmenge wiedergefunden. Dort, wo auch linke Republikaner, konservative Demokraten und vor allem unabhängige Wechselwähler zuhaus sind.

Eine Haltung, die für viele nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Und doch genießt Clinton fünf Monate vor der Wahl bei drei relevanten Wählergruppen ganz anders als Trump überdurchschnittlich hohes Vertrauen: Bei Frauen, die durch ihre Kandidatur in hohem Maße mobilisiert und an die Wahlurnen gelockt werden könnten. Bei Latinos, die sie vor Trumps xenophoben Attacken und Mauerbau-Plänen an der Grenze zu Mexiko in Schutz nimmt. Und bei Afro-Amerikanern, denen bereits unter Bill Clinton viele bis dahin verschlossene Türen geöffnet wurden.

Beim männlichen Kandidaten ein Plus – bei der Frau ein Makel

Dass Hillary Clinton über Jahrzehnte Netzwerke aufbaute, die vom Kongress in Washington bis in die internationale Politik von UN und Nato und bis zu Potentaten in Asien und im Nahen Osten reichen, macht sie zur welterfahrensten und erprobtesten Kandidatin, die Amerika jemals vor einer Wahl hatte. Was einem männlichen Kandidaten ohne zu zögern auf der Plus-Seite angeschrieben würde, sagt einmal die links und feministisch gestimmte Fernseh-Moderatorin Rachel Maddow, wird bei Hillary zum „Makel einer Frau des Establishments“.

Hier kommt ein Abnutzungseffekt zum Tragen. Jeder in Amerika glaubt sie zu kennen. Sie gehört zum Inventar. Hillary Clinton reißt niemanden vom Hocker. Sie ist das Gegenteil von Überraschung. Und Amerikaner lieben Überraschungen.

Dazu kommt: Sie ist weder sonderlich beliebt, noch besitzt sie einen Kapitalstock in der entscheidenden Währung eines Politikers: Vertrauenswürdigkeit. In Umfragen halten regelmäßig (zu) viele Amerikaner die erst vor kurzem Großmutter gewordene Yale-Absolventin für eine Opportunistin, die ihre Meinungen dem Zeitgeist unterordnet. Erst war sie für den Irak-Krieg, heute ist sie dagegen. Erst machte sie sich für das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP mit Asien stark, jetzt ist im Sog der protektionistischen Töne von Sanders und Trump dagegen.

Hillary Clinton fehlt die Gabe zur Menschenfängerei

Nun sind Positionswechsel in der Politik nicht per se verwerflich. Aber anders als ihrem Mann Bill, der ein begnadetes Verkaufstalent ist, fehlt Hillary Clinton die Gabe zur Menschenfängerei und Kumpelei. Selbst in kleineren Kreisen wirkt sie unnahbar, maskenhaft, einstudiert und immer auf der Hut. Sie kann nicht mit dem einfachen Volk, spricht nicht dessen Sprache. Gerade darum fällt sie gegen das unverstellt Volkstribunenhafte eines Bernie Sanders so dramatisch ab.

Hillary Clinton, ein Resultat vieler Tiefschläge während der Skandal-Zeit ihres Gatten Bill, ist außerdem eine Geheimniskrämerin von hohen Gnaden. Mit dem Hang, sich ihre eigenen Gesetze zu schreiben. Dass sie für ihren E-Mail-Verkehr als Außenministerin gegen alle Vorsichtserwägungen im Zeitalter von Cyber-Kriminalität einen privaten Server in ihrem Haus installieren ließ, was die Bundespolizei FBI seit Monaten auf strafrechtliche Relevanz untersucht, steht exemplarisch für die vielen Extrawürste, die sich Clinton gebraten hat.

Ihre intime Nähe zum großen Geld der Wall Street, die maßgeblich für die Weltfinanzkrise 2008 verantwortlich ist, beißt sich mit dem Credo, dass es unter ihrer Präsidentschaft mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Bankenaufsicht geben wird. Hillary Clinton hat vor der Hochfinanz etliche Reden gehalten; für obszön hohe Honorare von jeweils über 200.000 Dollar. Die Manuskripte will sie aber ebenso wenig öffentlich machen wie Donald Trump seine Steuererklärungen. Die Republikaner zeichnen sie als Spinne im Netz des Washingtoner Intrigenstadls.

Hillary Clinton weiß, wie viel Überzeugungsarbeit noch vor ihr liegt, wenn sie ihr Endziel erreichen will. Echte Triumphgebärden wird man von ihr erst am 8. November sehen. Wenn überhaupt.

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