US-Wahlkampf

Amerika „feels the Bern“ – der Aufstieg von Bernie Sanders

Vor der Vorwahl in New Hampshire liegt Demokrat Sanders in der Wählergunst weit vor Konkurrentin Clinton. Hat Hillary ihn unterschätzt?

Hampton/New Hampshire.  Bernie Sanders und seine Anhänger verstehen sich blind an diesem eiskalten Sonntagnachmittag im Great Bay Community College von Portsmouth. Weil die Turnhalle der Universität im Nordosten von New Hampshire bis unters Dach gefüllt ist, haben die Organisatoren der Wahlkampf-Veranstaltung die Cafeteria kurzerhand zum Hörsaal umfunktioniert. Gut 200 Menschen knubbeln sich dort vor zwei mickrigen Lautsprechern und lauschen der krächzenden Stimme des Senators aus dem Nachbarstaat Vermont. Demoskopen prophezeien dem 74-Jährigen bei der zweiten Vorwahl im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf am Dienstag auf Seiten der Demokraten einen fulminanten Sieg gegen die Favoritin Hillary Clinton.

„Haben wir die Kraft aufzustehen gegen eine Politik, die nur für die reichen 1 Prozent der Bevölkerung gemacht ist?“, ruft der vierfache Vater und siebenfache Großvater in den Saal, der mit seinem blauen V-Ausschnitt-Pullover wie ein Soziologie-Professor auf dem Podium wirkt. Frenetischer Jubel ist die Antwort, ein blaues Meer aus Plakaten gerät in Bewegung. Darauf steht: „Eine Zukunft, an die wir glauben können.“

Mehr als 45 Prozent der Bürger noch unentschlossen

Dorothea Dell Cecco, 73, Tochter griechischer Einwanderer, ist eine typische „Bernianerin“. Die ehemalige Lehrerin schätzt die „nüchterne Ansprache“ des Kandidaten. „Er hält sein Publikum nicht für dumm.“ Dass Sanders die großen Banken an der Wall Street aufspalten, Obamas Krankenversicherung auf alle Amerikaner ausweiten, das Studium an öffentlichen Colleges gebührenfrei stellen und das für Korruption anfällige System der Wahlkampffinanzierung auflösen will, findet die resolute Frau „überfällig“ und „absolut“ richtig: „Bernie hat mein Stimme sicher.“

Dass sie damit möglicherweise den ersten Einzug einer Präsidentin ins Weiße Haus verhindert, ist Dell Cecco bewusst. „Am Ende ist für mich nicht das Geschlecht entscheidend. Wir brauchen eine grundlegend andere Politik in Washington. Und die verkörpert nur Sanders.“

Noch ist das Rennen aber nicht gelaufen. Die Meinungsforschungs-Industrie überbietet sich zwar seit Tagen mit detaillierten Prognosen. Dabei wird aber oft als Fußnote versteckt, dass über 45 Prozent der Bürger noch unentschlossen sind. Besonders schwer einzuschätzen ist die Gruppe der unabhängigen Wähler, die in New Hampshire zwischen Bewerbern beider Parteien entscheiden können. Zum Beispiel Jill.

Bill Clinton als oberster Wahlkämpfer

Die 64-Jährige sitzt an der Rezeption des „Lamies Inn And The Old Salt Tavern“ in Hampton, eins der typischen Landgasthäuser an der Küste New Hampshires mit angeschlossener Pension. „Manches, was Donald Trump über die Einwanderung und die Bedrohung durch den Islam sagt, kann ich verstehen“, erklärt sie dem Gast aus Deutschland. „Ich mag auch Chris Christies unverstellte Art. Marco Rubio machte auf mich bis vor kurzem ebenfalls einen ansprechenden Eindruck. Jeb Bush ist dagegen eine nasse Nudel. Nur Hillary – die geht für mich gar nicht, einfach nicht vertrauenswürdig genug.“ Wen sie dann wählen wird am Dienstag? „Oh Boy, ich werde mich erst in der Wahlkabine entscheiden. Wenn der Schneesturm mich lässt.“

Hillary – „nicht vertrauenswürdig genug“? Die Formulierung ist wenige Stunden zeitversetzt einige Kilometer weiter in Milford allenfalls hinter vorgehaltener Hand zu hören. Weil seine Frau medienwirksam in Flint/Michigan gegen den dort seit Wochen landesweit die Gemüter erhitzenden Skandal um bleiverseuchtes Trinkwasser zu Feld zieht, schlüpft Bill Clinton in die Rolle des obersten Wahlkämpfers.

Wie der ehemalige Präsident das tut, der gesundheitlich angeschlagen wirkt, sorgt unter Beobachtern für Stirnrunzeln. Hatte Hillary Clinton ihren einzigen Konkurrenten um die demokratische Präsidentschaftskandidatur zuletzt bei Fernsehdebatten und öffentlichen Auftritten alles in allem pfleglich behandelt, so zieht ihr Ehemann die Samthandschuhe aus und wird zum Zuschläger.

Clinton zettelt Stellvertreter-Krieg an

„Heuchlerisch, unehrlich, illusorisch, hermetisch verschlossen gegen die Wirklichkeit“ – so bezeichnete Mr. Clinton die sozialdemokratisch geprägten Politik-Konzepte von Sanders. Gemessen am Applaus kam die brutale Attacke, in die Clinton sogar den Vorwurf von Sexismus und Frauenfeindlichkeit einwebte, unerwartet. „Seit wann spielen wir denn das hässliche Spiel der Republikaner und machen uns gegenseitig madig?“, empörte sich Bill McCoven. Der pensionierte Finanzangestellte fühlte sich unangenehm erinnert an die Breitseiten, die Bill Clinton schon 2008 gegen den damaligen Widersacher seiner Frau – Barack Obama – abgefeuert hatte. Vergebens, wie man heute weiß.

Hinter dem Versuch der Charakter-Beschädigung des als ehrliche Haut geltenden Sanders steht die wachsende Sorge im Clinton-Lager, dass der grantelnde Senior im Falle eines Sieges am Dienstag in New Hampshire seinen Attraktivitäts-Radius noch erheblich ausdehnen könnte: von den vielen jungen Wählern, die ihn zu fast 90 Prozent gegenüber Hillary bevorzugen, hin zu den demografisch relevanten afro-amerikanischen und hispanisch geprägten Wählerschichten, die bei den kommenden Vorwahlen in Nevada und South Carolina das Zünglein an der Waage sein werden.

Nicht nur Dorothea Dell Cecco reagiert unwirsch auf den Stellvertreter-Krieg, den Bill Clinton da in letzter Minute angezettelt hat. „Das könnte sich rächen.“ Aus ihrer Haus-Zeitung „Union Leader“ weiß sie, dass Bernie Sanders auch in der Wählergruppe der Frauen quer durch alle Altersklassen im Vorteil ist. „Seine Botschaft kommt einfach besser an. Hillary Clinton muss sich endlich fragen, warum das so ist.“

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