US-Präsidentschaftskandidatur

Bernie Sanders sitzt Hillary Clinton im Wahlkampf im Nacken

Vor der ersten Vorwahl um die US-Präsidentschaftsnominierung rückt Bernie Sanders der demokratischen Favoritin Clinton auf die Pelle.

Hillary Clintons Angst vor einer Niederlage gegen Bernie Sanders bei der Vorwahl in Iowa wächst.

Hillary Clintons Angst vor einer Niederlage gegen Bernie Sanders bei der Vorwahl in Iowa wächst.

Foto: RANDALL HILL / REUTERS

Washington.  Alles – nur nicht wieder Iowa verlieren. Wer am Sonntagabend zwischendurch einfach mal den Ton des Fernsehers abdrehte, konnte es hinter der in Sorgenfalten liegenden Stirn von Hillary Clinton rumoren sehen. Es war die letzte TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor der ersten Vorwahl in Amerika in zwei Wochen.

Monatelang umgab die frühere First Lady eine sorgsam inszenierte Favoriten-Aura. Vorsprünge bis zu 50 Prozent ließen ihre männlichen Widersacher wie bemitleidenswerte Statisten aussehen. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Ihr einziger echter Rivale, der sozialistisch angehauchte Senator aus Vermont, Bernie Sanders, sitzt der früheren Außenministerin in Umfragen im Nacken.

Kopf-an-Kopf-Rennen im US-Bundesstaat Iowa

Mit seinen an den früheren SPD-Chef Oskar Lafontaine erinnernden Wutreden gegen Banken und Milliardäre, mit seinem permanenten Eintreten für die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht hat der 74-Jährige das Blatt gewendet. Im Bauern-Bundesstaat Iowa, wo Clinton bei ihrer ersten Bewerbung 2008 überraschend gegen Barack Obama das Nachsehen hatte und sich nie mehr davon erholte, trennen die beiden vor dem Wahlgang am 1. Februar nur noch drei Prozentpunkte. In New Hampshire, wo am 9. Februar gewählt wird, liegt er sogar mit 14 Prozent vorn.

Zwei Auftaktsiege könnten dem „roten Bernie“ so viel Momentum bescheren, dass es zu einem Domino-Effekt reicht und die Favoritin psychologisch auf die Verlierer-Straße gerät. Höchste Zeit also für Clinton, den alten Mann mit dem schlohweißen Haar, der beim Reden oft wie ein Dirigent mit den Armen fuchtelt, nicht länger mit Samthandschuhen anzufassen.

Hillary Clinton will Bernie Sanders entzaubern

Bei der vom Sender NBC ausgestrahlten Polit-Show in Charleston/South Carolina bediente sich die Ehefrau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton dabei eines Tricks, der ihr vor Monaten noch als völlig unglaubwürdig ausgelegt worden wäre. Clinton, die in außenpolitischen Dingen mit Barack Obama oft über Kreuz lag, präsentierte sich in der Innenpolitik (Waffengesetze, Gesundheitsreform etc.) als dessen zuverlässigste Nachlassverwalterin.

Wo immer Sanders, der selbst ernannte Anführer einer sozialdemokratisch angehauchten „Revolution“, Obamas Politikansätze komplett reformieren oder wie bei der Krankenversicherung enorm ausweiten will, wirbt Clinton stoisch für eine behutsame Fortentwicklung des Bestehenden im Geiste Obamas. Regelmäßig versuchte sie, Bernie Sanders als Kulissenschieber wegzulächeln. Tenor: Okay, Leute, leidenschaftlich reden kann er ja, aber Amerika braucht keinen Prediger, sondern eine „Leitende Angestellte“, die weiß, wie’s geht – mich!

Clintons Fallen schnappen nicht zu

Allein, alle Versuche, Bernie Sanders als überspannten Radikalen zu entzaubern, der auf das höchste Amt im Staate einfach nicht vorbereitet ist, misslangen. Der seit 40 Jahren gegen die Auswüchse des Raubtier-Kapitalismus und für ein Sozialstaatsmodell nach skandinavischem Vorbild streitende Sanders grummelte sich aus allen Fallen heraus, die Clinton ihm stellte.

„Das ist leider unaufrichtiger Unsinn“, konterte er ihre Behauptungen, ohne dass Widerspruch kam. Und schon war Sanders wieder beim zentralen Fluchtpunkt seines politischen Programms: das Unbehagen in weiten Teilen der demokratischen Wählerschaft über den seit Obamas Amtsantritt noch breiter gewordenen Graben zwischen Reichen und Otto-Normal-Bürgern.

Dass Sanders hier die großen Banken und Börsenspekulanten als Hauptquelle des Übels markiert, bringt Hillary Clinton in die Bredouille. „Ich nehme kein Geld von großen Banken. Ich bekomme keine persönlichen Vortragshonorare von Goldman Sachs“, rief Sanders triumphierend in den Saal. Hintergrund: Clinton hatte von dem Institut für Reden 2013 rund 600.000 Dollar erhalten. Clintons Lippen wurden schmal, ahnte sie doch, was noch kommen sollte. Ihr Plädoyer für eine Beschränkung der Bankenmacht („Keine Bank darf so groß sein, dass sie nicht mehr scheitern kann. Keine Person darf zu mächtig sein, um nicht ins Gefängnis zu gehen“) hebelte Sanders mit einer vergifteten Frage aus: „Kann man Wall Street wirklich reformieren, wenn man von dort Millionen von Dollar für Reden annimmt?“ Lautstarker Beifall.

Bernie Sanders punktet vor allem bei Jüngeren

Clinton wirkte in dem Augenblick so, als hake sie im Kopf Sanders’ politisches Sündenregister der vergangenen 50 Jahre ab – ohne wirklich fündig zu werden. Ihre kalkulierte Konfrontation mit dem ergrauten Menschenfänger, dem vor allem die Herzen junger Menschen zufliegen, setzte mehrfach beim Thema Waffen an. Schließlich fand die Debatte in unmittelbarer Nähe der Emanuel African Methodist Episcopal Church statt. In dem Gotteshaus waren im vergangenen Sommer während einer Bibelstunde neun Gläubige, darunter viele Schwarze, von einem weißen Rassisten erschossen worden. Clinton warf Sanders vor, zu viel Verständnis für die Waffen-Lobby NRA aufzubringen. „Das stimmt nicht“, blaffte Sanders zurück „ich kämpfe seit 1988 für schärfere Waffenkontrollen.“

Mit Macht bemüht sich der aus New York stammende Politiker um schwarze Wähler, die spätestens am 20. Februar bei den Vorwahlen in South Carolina den Ausschlag geben können: „Es ist skandalös, dass man für Marihuana-Besitz eine Vorstrafe kriegt, aber die Wall-Street-Banker, die die Weltwirtschaft ruiniert haben, nicht angeklagt werden.“

Beobachter sehen Bernie Sanders strategisch im Vorteil. Er stehe, um ein Wort von Obama aufzunehmen für „change“ – Wandel. Unter Hillary Clinton käme es zwar zur ersten weiblichen Präsidentschaft. „Aber vieles würde sich wie eine dritte Halbzeit mit Obama anfühlen.“ Was ist für den demokratischen Wähler am Ende solider und attraktiver? Iowa gibt am 1. Februar eine erste Antwort.