Golfregion

Religiös militantes Saudi-Arabien: Der falsche Verbündete

| Lesedauer: 4 Minuten
Martin Gehlen
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zu Besuch bei Salman bin Abdelasis al-Saud, König und Premierminister von Saudi-Arabien.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zu Besuch bei Salman bin Abdelasis al-Saud, König und Premierminister von Saudi-Arabien.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Gerade hat der Bundesnachrichtendienst Saudi-Arabien bescheinigt, die Stabilität der Golfregion zu gefährden. Wo liegen die Probleme?

Kairo.  Nach dem nächtlichen Massaker von Paris wird der außenpolitische Ton gereizter. Der Unmut in Deutschland und Europa wächst – vor allem über die beiden sunnitischen Regionalmächte Türkei und Saudi-Arabien. Nato-Mitglied Ankara fördert den „Islamischen Staat“ durch löchrige Grenzen, Dschihadisten-Transfer, Rohölschmuggel und Bombenangriffe auf kurdische Einheiten. Riads Salafistenmission, die Prediger in alle Welt schickt, wiederum schuf den Nährboden für eine globale Radikalisierung, ohne die der Zustrom von IS-Rekruten aus mehr als 100 Nationen nach Syrien und Irak nicht erklärbar ist.

Die Repressionen des saudischen Ölimperiums gegen Menschenrechtler empören Bürger weltweit. Der im März vom Zaun gebrochene Krieg im Jemen öffnete dem IS die Tür zur Südspitze der Arabischen Halbinsel. Auch der Terrorrivale al-Qaida ist dort stärker als je zuvor. Mit der Hafenstadt Mukalla und der Provinz Abyan beherrschen seine Kämpfer ein eigenes Kalifat.

Gabriel: „Zeit des Wegschauens vorbei“

Und so bescheinigte der Bundesnachrichtendienst (BND) dem superreichen Wüstenstaat letzte Woche eine „impulsive Interventionspolitik“, die die Stabilität der Golfregion gefährde. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) legte am Sonntag nach und warf Saudi-Arabien vor, islamischen Extremismus zu exportieren. Man sei zur Lösung der regionalen Konflikte zwar auf Saudi-Arabien angewiesen, sagte Gabriel der „Bild“-Zeitung. „Wir müssen den Saudis aber zugleich klarmachen, dass die Zeit des Wegschauens vorbei ist.“

Umstritten ist vor allem der junge Vizekronprinz Mohammed bin Salman, der Lieblingssohn des Königs. Als Verteidigungsminister spielt er eine zentrale Rolle bei der neuen forschen Linie. In politischen Kreisen in Riad, aber auch in Teilen der Königsfamilie ist wenig Gutes zu hören über den Aufsteiger, der als einziger der Führungsriege nicht im Ausland studierte. Er gilt als hyperehrgeizig, skrupellos, impulsiv und arrogant. Zusammen mit Innenminister und Kronprinz Mohammed bin Nayef steuert der 30-Jährige die Geschicke des Landes, während dem fragilen und kränkelnden 79-jährigen König Salman die Zügel offenbar entgleiten.

Zahl der öffentlichen Hinrichtungen verdoppelt

Kronprinz Nayef gilt als „Terroristenfresser“ und Verfechter eines harten Kurses im Inneren – gegen Extremisten, Bürgerrechtler, Kritiker des Königshauses und schiitische Aktivisten gleichermaßen. Ungeachtet internationaler Kritik ließ er in diesem Jahr die Hinrichtungen auf öffentlichen Plätzen verdoppeln, ihre Zahl kletterte mit mehr als 150 so hoch wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Parallel dazu streuen regimenahe Zeitungen Gerüchte, eine Massenexekution von 50 Terroristen, Oppositionellen und schiitischen Verurteilten stehe bevor.

Ideologisch fungiert Saudi-Arabien seit drei Jahrzehnten als wichtigste Drehscheibe religiöser Militanz. Das wahabitische Missionsprogramm, geschmiert mit Milliardenbeträgen aus dem Ölgeschäft, hat seine Wurzeln in einer speziellen Machtallianz zwischen dem Königshaus Al-Saud und der wahabitischen Klerikerkaste. Die ultrakonservativen Geistlichen verleihen den Herrschern religiöse Legitimität. Dafür bekommen ihre Eiferer nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, ihren puritanischen, intoleranten und frauenfeindlichen Einheitsislam weltweit zu verbreiten.

Gleichschaltung erreicht jeden Winkel der Erde

Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien, zunehmend auch in Europa dämonisieren die ultraorthodoxen Emissäre die lokale Frömmigkeit als unislamisch oder häretisch. Opulente Stipendienprogramme in Mekka und Medina für Abertausende Nachwuchsimame aus aller Welt sorgen dafür, dass diese aggressive Gleichschaltung inzwischen jeden Winkel der Erde erreicht. Auch die Freitagspredigten in Saudi-Arabien der staatlich besoldeten wahabitischen Gelehrten unterscheiden sich kaum von der archaischen Korandoktrin des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi. Die religiös-ideologischen Überzeugungen sind verwandt. Beide Seiten praktizieren barbarische Scharia-Körperstrafen. Menschen werden ausgepeitscht, gekreuzigt, bekommen Gliedmaßen abgehakt oder mit einer Klinge den Kopf vom Rumpf geschlagen.

Entsprechend doppelgesichtig wirkt das Agieren Saudi-Arabiens gegenüber seinen radikalen Zöglingen. Während der Königshof den Bürgern per Dekret verbot, Gruppen wie dem „Islamischen Staat“ und al-Qaida „moralische oder materielle Unterstützung zu geben“, konterten fünfzig Hardliner-Kleriker mit einem Aufruf an alle Muslime, sich gegen Russland, den Iran und das Assad-Regime in Syrien zusammenzuschließen. Die Dschihadisten in Syrien priesen sie dabei ausdrücklich als „heilige Krieger“.

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