Flugzeugabsturz

Russland stellt nach Absturz Flüge nach Ägypten ein

Präsident Putin hat den Rücktransport von russischen Passagieren angeordnet. Auf dem Flughafen von Scharm el Scheich herrscht Chaos.

Vor der Sicherheitskontrolle des Flughafens von Scharm el Scheich drängen sich die Passagiere bis zur Straße.

Vor der Sicherheitskontrolle des Flughafens von Scharm el Scheich drängen sich die Passagiere bis zur Straße.

Foto: Benno Schwinghammer / dpa

Kairo.  Wegen des Flugzeugunglücks mit 224 Toten in Ägypten stellt nun auch Russland seine Flüge in das Urlaubsland ein. Präsident Wladimir Putin habe die Regierung angewiesen, einen entsprechenden Vorschlag des Inlandsgeheimdienstes FSB umzusetzen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Freitag in Moskau. Zudem sollten die Behörden den Rücktransport russischer Reisender aus Ägypten organisieren. Behördenangaben zufolge befinden sich derzeit 45.000 Russen in Ägypten.

Zuvor hatte FSB-Chef Alexander Bortnikow einen Stopp der russischen Flugverbindungen in das Land am Nil vorgeschlagen. „Bis die wirklichen Gründe für die Vorgänge geklärt sind, halte ich es für nützlich, die russischen Flüge nach Ägypten einzustellen“, sagte er der Agentur Interfax zufolge. „Wir brauchen absolut objektive und bestätigte Daten über die Ursache der Katastrophe“, betonte der Geheimdienstchef. Mittlerweile vermuten die britische, die amerikanische und offenbar auch die russische Regierung, dass Terroristen am letzten Sonnabend eine Bombe an Bord des über dem Nordsinai abgestürzten russischen Airbus A-321 geschmuggelt haben.

Chaos auf dem Flughafen von Scharm el Scheich

Am Freitag drängelten sich Urlauber im Abflugterminal des ägyptischen Badeortes Scharm el Scheich. Doch die Evakuierung der über 20.000 Gestrandeten kam bereits in den ersten Stunden zum Erliegen – ausgelöst durch ein chaotisches Tauziehen zwischen den ägyptischen und britischen Behörden. Wie die Billig-Airline Easyjet am Mittag mitteilte, wurden ihr von ägyptischer Seite acht der zehn geplanten Flüge von Scharm el Scheich nach Großbritannien gestrichen. Ähnlich erging es auch anderen Chartergesellschaften, die ihre Kunden mit zusätzlichen Leermaschinen heimfliegen wollten. Bis zum Abend konnten lediglich acht der ursprünglich 29 vorgesehenen Flüge starten, so dass die Mehrzahl der Touristen wütend und empört in ihre Hotels zurückkehren mussten.

Obama: „Wir nehmen das sehr ernst“

London hatte am Mittwochabend nach einer Sitzung des nationalen Krisenrates sämtliche Flugverbindungen zwischen Großbritannien und Scharm el Scheich gestoppt - ein Schritt, dem sich inzwischen alle westlichen Fluglinien anschlossen haben. Nach dem britischen Premier David Cameron erklärte auch US-Präsident Barack Obama, ein Bombenanschlag sei „wahrscheinlich“. Es gebe die Möglichkeit, dass eine Bombe an Bord war, sagte Obama dem Radiosender CBS. „Wir nehmen das sehr ernst.“ Wie die Zeitung „The Times“ berichtete, haben die Geheimdienste beider Nationen nach dem Unglück Telefongespräche bekannter Terroristen in Syrien und auf dem Sinai per Satellit abgehört.

Dabei hätten sie Hinweise auf einen Anschlag entdeckt. „Ton und Inhalt der Botschaften überzeugten die Ermittler, dass eine Bombe an Bord geschafft wurde – entweder durch einen Passagier oder einen Mitarbeiter des Bodenpersonals“, schrieb das Blatt. Die BBC ergänzte, die Ermittler in London seien überzeugt, dass jemand vom Rollfeld aus kurz vor dem Start die Bombe im Inneren deponiert habe – entweder ein Gepäckarbeiter, jemand aus der Putzkolonne oder ein Angestellter der lokalen Catering-Firma „SS Air“. Kairos Außenministerium reagierte empört und bezeichnete den westlichen Terroralarm zum gegenwärtigen Stand der Untersuchung als „voreilig und nicht gerechtfertigt“. Auch hätten Briten und Amerikaner ihr Vorgehen nicht vorab mit den zuständigen Stellen in Ägypten abgesprochen.

Ägypten vermutet Hunderte Gotteskrieger auf dem Sinai

Für den ägyptischen Tourismus sind diese Nachrichten ein enormer Schlag. Denn sollte sich der Bombenverdacht erhärten, hätte sich erstmals ein Attentat der Terrormiliz „Islamischer Stat“ (IS) nicht mehr nur gegen Polizisten oder Soldaten, sondern gegen ausländische Feriengäste gerichtet. Gleichzeitig hieße dies, dass die ägyptische Führung entgegen aller Beteuerungen die Lage auf der gebirgigen und unruhigen Halbinsel nicht in den Griff bekommt. Ägyptische Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass „einige Hundert“ Gotteskrieger auf dem Sinai operieren. Sie sind in konspirativen Zellen von fünf bis sieben Mitgliedern organisiert. Diese Kommandos agieren weitgehend autonom und sind kaum untereinander vernetzt, um in Gefangenschaft andere nicht zu verraten.

Westliche Fluggesellschaften nehmen keine Koffer mit an Bord

Für Verstimmung auf ägyptischer Seite sorgte die Ankündigung der westlichen Fluggesellschaften, die Koffer der Passagiere würden in Scharm el Scheich nicht mit an Bord geladen und separat mit einer Frachtmaschine abgeholt. Wie der britische Transportminister Patrick McLoughlin erklärte, habe London schon vor zehn Monaten den Umgang mit dem aufgegebenen Gepäck in Scharm el Scheich bemängelt. Das Bodenpersonal müsse durch keinerlei Kontrollen, bevor es das Rollfeld betreten. Auch der berufliche und familiäre Hintergrund von ägyptischen Mitarbeitern werde nicht so geprüft, wie das auf europäischen Flughäfen üblich sei.

Die niederländische Fluglinie KLM dehnte daher die Gepäcksperre auch auf den Flughafen der ägyptischen Hauptstadt aus. Auf dem Frühflug am Freitag von Kairo nach Amsterdam ließ der Kapitän lediglich das Handgepäck der Passagiere an Bord zu.