Ungarn

Das heikle Geschäft der ungarischen Taxifahrer

Der Taxifahrer Csaba Mérész hat unzählige Flüchtlinge durch Ungarn gefahren und gut an der Krise verdient. Diese Zeiten sind vorbei.

Warteschlange in Ungarn: Viele Taxifahrer verdienten gut an den Flüchtlingen

Warteschlange in Ungarn: Viele Taxifahrer verdienten gut an den Flüchtlingen

Röszke. Csaba Mérész ist hin- und hergerissen. Einerseits hat er seit ein paar Tagen wieder ein gutes Gewissen. Andererseits ist ihm das Geschäft eingebrochen. Als die Flüchtlinge noch über die ungarisch-serbische Grenze des kleinen Orts Röszke strömten, zählte sein Taxameter unaufhörlich. Er verdiente gut: 200 Euro nahm er für eine 180-Kilometer-Fahrt von dem Grenzort im südlichen Ungarn bis nach Budapest, von wo aus die meisten Geflüchteten weiter nach Westen gereist sind.

"Ich habe also in dieser Hinsicht schon vom Leid der Flüchtlinge profitiert", sagt Csaba. Und: „Natürlich kostet meine Fahrt mehr als ein Zugticket", sagt er. Moralisch einwandfrei sei das Ganze nicht, ja. "Aber es ist doch immer noch besser als mit Schleusern zu fahren, die dir die Waffe an den Kopf halten und dich auf halber Strecke rausschmeißen“, sagt er. Ein wenig klingt das wie eine Entschuldigung.

Als Taxifahrer bezahlt er an seinen Chef einen festen Grundbetrag im Monat, was er darüber hinaus einnimmt, das landet in seiner Tasche. Die Flüchtlingskrise hatte, zynisch gesehen, ihre guten Seiten für den jungen Ungarn.

Schleuser in den Waldstücken

Seit die Grenze dicht ist, bleibt Csaba die Kundschaft weg. An einem Montagabend sitzt er in seinem Taxi vor dem Bahnhof Szeged, rund zwölf Kilometer von Röszke entfernt, und wartet auf Kundschaft. Es ist dunkel, nur wenige Taxen und einige Straßenlaternen beleuchten den Bahnhofsvorsplatz.

An der Windschutzscheibe ist ein Navigationssystem befestigt, anschalten muss Csaba es nicht. Wer ihm eine Adresse in der Umgebung nennt, ob in Szeged oder Röszke, dem antwortet er: „Dont worry“. Keine Sorge. Und dann drückt er aufs Gaspedal von seinem silbernen Hyundai. Er kennt sich aus.

Die Taxifahrer in der Region sind gut untereinander vernetzt. Sobald Flüchtlinge zum Beispiel versuchen den Grenzzaun zu überwinden, vibriert Csabas Handy. Dann ist einer seiner Kollegen vom Taxiunternehmen Tempo dran. Okay, okay, sagt Csaba ins Telefon. Er düst zur Grenze. Csaba lacht dabei laut auf, als ginge es hier um ein Rennen, bei dem es gelte, als erster ins Ziel zu kommen.

An manchen Tagen regelrechte jagd auf Flüchtlinge

Der 36-Jährige kann viele Geschichten erzählen. Und er erzählt sie gerne. Csaba rast durch die Nacht, vorbei an Kornfeldern, Waldstücken und Farmen. „Die Schleusermafia hat viele Flüchtlinge an der Grenze mit falschen Versprechungen gelockt.“ Er zeigt aus dem Fenster auf ein schwach beleuchtetes Waldstück.

„Hier in den Wäldern haben die Schleuser ganze Familien aufgegriffen und 200 Euro pro Person nach Budapest verlangt.“ Das habe an einigen Tagen einer regelrechten Jagd auf Flüchtlinge geglichen. In ihrer Not hätten viele Menschen das Angebot angenommen. Auf den Parkplätzen der Autobahnen hätten noch vor wenigen Tagen die abgewrackten Fahrzeuge der Schleuser dicht beieinander gestanden, die Fahrer warteten auf ihre Beute.

Es sind immer wieder neue Nachrichten, die den Grenzort erschüttern. Für Csaba sind sie langsam zu einer Art Routine geworden. In der Nacht durchschneiden Flüchtlinge den Zaun und werden in Gewahrsam genommen. Csabas Handy leuchtet auf. Dont worry.

instagram taxifahrer

Die Nationalitäten von Csabas bisherigen Fahrgästen verraten auch etwas darüber, wie sich die globalen Flüchtlingsströme gewandelt haben. Wie viele Familien er aus Syrien, Irak und anderen Ländern von dem Grenzort Röszke ans Drehkreuz Budapest gebracht hat, kann der Ungar nicht sagen. Er kann aber aus eigener Anschauung berichten, wer wann kam.

Flüchtlinge rütteln am Zaun

„So richtig ging es im November im vergangenen Jahr los. Da kamen Tausende vor allem aus dem Kosovo.“ Seit diesem März, sagt er, waren es dann vor allem Syrer, die er fuhr. Vom Frühjahr an bot er seine Dienste vermehrt auch Familien aus Afghanistan an.

Und bevor die Polizei die Grenze komplett abgeriegelt hat, kamen auch immer mehr Menschen aus Bangladesch, die ihr Glück im Westen suchten. Als Hunderte Flüchtlinge vor rund zwei Wochen aus dem Auffanglager in der Region ausbrachen, um sich zu Fuß auf den Weg nach Österreich zu machen, waren die Straßen voller verzweifelter Menschen, erinnert sich der 36-Jährige. Er hat in den vergangenen Tagen viel Leid gesehen, sagt er. Aber er stecke das weg. So schnell bringe ihn nichts aus der Fassung. Dont worry.

Csaba tritt auf die Bremse und stoppt den Motor. Im Dunkel ist nur die Silhouette des Grenzzauns zu sehen. Einige Meter entfernt hat die Polizei die sogenannte Transitzone weitläufig abgesperrt. Auf der serbischen Seite des Zauns rütteln drei Jungs an dem Gitter und machen auf sich aufmerksam.

Studiert in Damaskus, jetzt nach Deutschland oder Schweden

Sie kommen aus Damaskus, sagt einer. Csaba nähert sich der Grenze. Er wirft eine Packung Zigaretten auf die andere Seite und eine Wasserflasche aus Plastik. Er erkundigt sich, ob genug zu Essen da sei. Das schon. Aber: „Polizisten in Griechenland haben mein Handy weggenommen“, sagt einer der jungen Syrer.

Die drei erzählen, dass sie studiert haben in Damaskus. Sie wollen weiter. Nicht nach Ungarn, sondern nach Deutschland oder Schweden. Sie fragen: Was sollen wir machen, warum dürfen wir nicht zu euch, wieso lassen sie uns nicht durch? Das Gespräch stockt, Stille für einen Moment. Schweigen. Csaba findet keine Worte. Kein dont worry. Das geht ihm, hier am Grenzzaun in Röszke, nicht über die Lippen.