Hacker-Angriff

Hacker schießen neue Salve im Cyberkrieg ab

Nach dem Angriff auf die Sony-Filmstudios in Hollywood sind Hacker nun in die Systeme des Betreibers der Atomkraftwerke in Südkorea eingedrungen. Sensible Daten sollen nicht erbeutet worden sein.

Foto: YONHAP / AFP

Nur wenige Tage nach der spektakulären Cyberattacke auf das das Sony-Filmstudio in Hollywood ist auch in Südkorea das Computersystem der Betreibergesellschaft aller Atomkraftwerke des Landes Opfer eines Hackerangriffs geworden. Ein Sprecher von Korea Hydro und Nuclear Power sagte am Montag in Seoul, bei dem Internetangriff seien keine sensiblen Daten erbeutet worden. Auch sei die Sicherheit der Atomanlagen zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Es sei ausgeschlossen, dass durch einen Cyberangriff ein Atomreaktor beeinflusst werden könne.

Umweltgruppe fordert Stilllegung

Das Energieministerium stützte diese Darstellung. „Das Kontrollsystem ist derart ausgerichtet, dass es keinerlei Risiko gibt“, sagte Vize-Energieminister Chung Yang Ho. Die Betreibergesellschaft der 23 Atommeiler in Südkorea machte „Kräfte, die soziale Unruhen entfachen wollen“ für den Angriff verantwortlich. Über Twitter bekannte sich eine Umweltgruppe zu der Hackerattacke und forderte die Stilllegung älterer Meiler. Zu der Glaubwürdigkeit des Tweets konnten die Behörden keine Angaben machen. Die Herstellung eines Zusammenhangs mit Nordkorea wurde allerdings peinlich vermieden.

Nordkorea unter Verdacht

Nordkorea steht indes aber weiter im Verdacht, hinter Angriffen auf das Sony-Filmstudio zu stehen, die zu einer Konfrontation zwischen den Regierungen in Washington und Pjöngjang geführt haben. Nachdem Nordkorea den USA zunächst gemeinsame Untersuchungen zur Cyberattacke auf Sony angeboten hatte, kommen nun wüste Kriegsdrohungen aus Pjöngjang gegen die USA. Die 1,2 Millionen Mann starke Armee Nordkoreas werde „mutig zu unserm härtesten Gegenschlag gegen das Weiße Haus, das Pentagon und das gesamte amerikanische Festland“ ausholen, teilte die Nationale Verteidigungskommission am Sonntagabend mit. Verbreitet wurde deren Stellungnahme von der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA. Darin wurden die USA zudem als „Kloake des Terrorismus“ bezeichnet.

Am Montag sagte die Führung in Pjöngjang zudem ihre Teilnahme an einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats über die Menschenrechtslage in Nordkorea ab. Nordkorea warf den USA und deren Verbündeten vor, die Menschenrechtsfrage als Vorwand nutzen zu wollen, um die Regierung in Pjöngjang zu stürzen.

Pjöngjang weist Verwicklung in Fall zurück

Washington wirft der Führung in Pjöngjang vor, hinter der Cyberattacke zu stecken, die offensichtlich mit Sonys Film-Satire „The Interview“ über ein fiktives Attentat auf Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in Verbindung steht. Bei dem Hackerangriff waren zahlreiche hochsensible Mitarbeiterdaten sowie Drehbücher und anderes Material gestohlen worden. Nach Bombendrohungen gegen Kinobetreiber in den USA sagte Sony den für 25. Dezember geplanten Start des Films ab. Nordkorea hatte zuvor bereits mehrfach geäußert, den Film als beleidigend zu empfinden. Eine Verwicklung in den Hackerfall wies Pjöngjang in der Erklärung erneut zurück. Obama verbreite vielmehr „frech“ Gerüchte über eine von Nordkorea orchestrierte Attacke.

Am Freitag hatte der US-Präsident eine „angemessene Reaktion“ auf die Cyberattacke angekündigt, aber keine Details genannt. In einem am zwei Tage später ausgestrahlten CNN-Interview brachte er dann eine Aufnahme Nordkoreas auf die US-Liste von Terror-Unterstützerstaaten ins Spiel. Auf dieser hatte Pjöngjang zwei Jahrzehnte lang gestanden, bis es 2008 im Zuge der Atomverhandlungen von der Bush-Regierung gestrichen wurde.

Internationale Reaktion

China hat mit Blick auf den Hackerangriff auf das Sony-Filmstudio jede Form von Cyberattacken verurteilt. Nach einem Telefonat mit US-Außenminister John Kerry erklärte der chinesische Außenamtschef Wang Yi am Montag, China verurteile jegliche Form von Internet-Attacken und Internet-Terrorismus. Nordkorea wurde in der Erklärung nicht erwähnt. Die USA bemühen sich nach Angaben aus Regierungskreisen um eine internationale Reaktion. Dazu sei auch Nordkoreas engster Verbündete China konsultiert worden. Bislang hatten die USA Peking als Hauptdrahtzieher von Cybersabotage und Industriespionage dargestellt. Im Mai hatte US-Justizminister Eric Holder Anklage gegen fünf mutmaßliche Hacker der Volksbefreiungsarmee erhoben. Wie Verbrecher wurden die Fotos ranghoher Militärs auf Steckbriefen Journalisten präsentiert. Die Geste wurde in China als diplomatische Kampfansage gewertet. Peking stoppte daraufhin eine Arbeitsgruppe mit den USA zur Cybersicherheit.

Grundsatzdebatte über Meinungsfreiheit

Die Entscheidung von Sony, den Kinostart zu kippen, entfachte in den USA eine Grundsatzdebatte über die Meinungsfreiheit. Obama hatte Sony vorgeworfen, damit einen „Fehler“ begangen zu haben. Sony-Chef Michael Lynton hatte sich am Freitag verteidigt. Er habe keine andere Wahl gehabt, nachdem die Kinoketten sich geweigert hätten, den Streifen zu zeigen, sagte er.

Ganz in den Archiven verschwinden soll der Film nicht. Das Filmstudio will aber erst entscheiden, was mit dem 44-Millionen-Dollar-Film um die Comedy-Stars Seth Rogen und James Franco passieren soll. Ein direkter Verkauf auf DVD oder an einen Video-on-Demand-Betreiber wie Netflix sei möglich, noch sei aber kein Interessent auf ihn zugekommen, so Sony-Chef Michael Lynton gegenüber „Spiegel Online“. Auch eine Veröffentlichung auf YouTube sei denkbar, wo jeder den Film kostenlos ansehen könne.