Partnerstadt Charkiw

Eine Ukrainerin auf der Suche nach Verbündeten in Berlin

Charkiw in der Ostukraine ist die Partnerstadt von Steglitz-Zehlendorf. Olga Bolibok ist zu Besuch in Berlin und wirbt um Unterstützung für ihre Stadt, die sich als Teil Europas begreift.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

– Neulich haben sie Lenin umgeschmissen in Charkiw. Demonstranten mit ukrainischen Fahnen brachten das größte im Lande noch stehende Denkmal des Revolutionärs zu Fall. Für Olga Bolibok war das ein Zeichen. Die Menschen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine, im Russischen Charkow genannt, sehen sich in großer Mehrheit als Teil Europas. Dabei ist die russische Grenze nur 35 Kilometer entfernt. Die Schlachtfelder zwischen pro-russischen Separatisten und ukrainischer Armee waren nahe an die 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt in der Ostukraine herangerückt. In Charkiw gab es vereinzelte Anschläge. Jetzt trennt eine Pufferzone mit weitgehend zerstörten Siedlungen die Region vom umkämpften Steinkohle- und Industriegebiet Donbass.

Olga Bolibok ist Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums in Charkiw, einer halb kommerziellen, halb gemeinnützigen Organisation, die sich um Kontakte nach Deutschland kümmert. Noch bis Ende der Woche wirbt sie in Berlin für Kooperation und Verständnis. Immerhin ist der Bezirk Steglitz-Zehlendorf Städtepartner von Charkiw.

Hunderttausende Flüchtlinge sind in die Stadt gekommen

Die Lage sei kompliziert, berichtet die 29-Jährige. Bis zu 400.000 Flüchtlinge aus der umkämpften Nachbarregion im Süden drängten sich in der Stadt. Im Militärhospital gegenüber ihrer Wohnung würden jeden Tag tote und verwundete Soldaten eingeliefert. Auf staatliche Stellen können die Bürger nicht bauen. Das Macht- und Kontrollvakuum habe jedoch die Zivilgesellschaft belebt, berichtet Bolibok. „Das erste Mal schließen sich die Leute in der Ukraine zusammen“, sagt die junge Frau. Es seien Freiwillige, die die Flüchtlinge unterstützen, ihnen Obdach gewähren, warme Kleidung spenden und verteilen, oder den Aufbau der zerstörten Dörfer in die Hand nähmen. Aber sie haben Angst vor dem nahenden Winter.

Olga Bolibok und viele ihrer europäisch gesinnten Mitstreiter sind in einer Zwickmühle. „Wir müssen über politische Reformen für unser Land nachdenken, und gleichzeitig stehen die Verwundeten und die Flüchtlinge jeden Tag vor der Tür.“ Die Menschen an der Ostgrenze der Ukraine warten dringend auf Zeichen, dass Europa sie nicht vergessen hat. „Wir wollten Europa. Was wir bekommen haben, waren Krieg und Inflation“, beschreibt sie die Frustration. Auch Deutschland müsse Präsenz zeigen in der Region, und sei es nur symbolisch. Geschehe das nicht, könnten sich gerade die einfachen Menschen doch wieder Putins Russland zuwenden.

Schnelle Hilfe müsse aus der Zivilgesellschaft kommen, ist Olga überzeugt. Staatliche oder europäische Stellen seien viel zu langsam. Der Berliner Grünen-Abgeordnete Oliver Schruoffeneger war kürzlich in Charkiw und Umgebung unterwegs und führt die Besucherin jetzt durch Berliner Institutionen: von der Industrie- und Handelskammer und der Rechtsanwaltskammer über Flüchtlingsinitiativen, Sozialverbände, Journalistenvereinigungen bis hin zum Steglitz-Zehlendorfer Bezirksamt. Am Donnerstag will sie sich mit Abgeordneten treffen.

Geld aus Berlin und Kontakte sollen Hilfe ermöglichen

Ein Ziel haben sie schon erreicht. Es wird wohl 25.000 Euro geben von Sozialverbänden, um das zerstörte Blockheizkraftwerk im psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Slowjansk (russisch: Slawjansk) wieder aufzubauen. „Wir werden das Geld aber nicht auf irgendein Konto schaufeln“, sagt Schruoffeneger, der die notorische Korruption in der Ukraine kennt. Stattdessen soll die Hilfe über persönliche zuverlässige Kontakte laufen. „Mit deutschen Abrechnungsregeln kommen wir dort nicht weiter“, ist der Politiker überzeugt.

Der Grüne möchte eine gemeinnützige GmbH aufbauen als Plattform für Kontakte in die Ukraine. So etwas gebe es nicht; wer helfen oder einen Austausch aufbauen wolle, der habe bisher keine wirklichen Ansprechpartner. Und die Kooperationsmöglichkeiten sind vielfältig. Theatergruppen sollen nach Berlin eingeladen werden, Stadtwerke könnten beim Aufbau moderner Energieversorgung helfen, das Gesundheitsamt Steglitz-Zehlendorf könnte mit einer Rehabilitationsklinik kooperieren, wo die Besucher aus Deutschland behinderte Kinder und ihre Mütter trafen, deren Männer wenige Kilometer entfernt aufeinander schießen.

Der RBB könnte helfen, Journalisten fortzubilden, Nachbarschaftsheime könnten Mitarbeiter mit vergleichbaren Zentren vor Ort austauschen. Der Bedarf nach Kooperation sei riesig, sagt Olga Bolibok. Gerade in Charkiw, einer jungen Stadt, die von zahlreichen Universitäten, Forschungsinstituten und Studenten geprägt sei. Ihre Stadt sei immer das intellektuelle Zentrum der Ostukraine gewesen und bildet ein international orientiertes Gegengewicht zum durch Industrie und Bergbau geprägten Donezk.

Für die junge Frau ist eine europäisch geprägte Ukraine inzwischen eine Herzensangelegenheit. Dabei ist Russisch, wie für die meisten Menschen in Charkiw, ihre Muttersprache. Sie sei halbe Russin. Es gehe nicht um einen Sprachenstreit, sondern um eine politische Perspektive. Der Konflikt habe in ihr eine ukrainische Identität entstehen lassen, sagt sie. Wenn Charkiw pro-ukrainisch bleibe, könne man den Konflikt in fünf Jahren lösen, lautet ihre Prognose. Kippe die Stimmung in der Stadt, werde der russische Einfluss von Dauer sein.