Ukraine

Flug MH17 wohl „aus Versehen“ abgeschossen

Die Opfer des Flugzeugabsturzes in der Ukraine werden in den Niederlanden erwartet. Experten vermuten, dass Seperatisten die Maschine versehentlich abschossen. Jetzt wird die Black Box ausgewertet.

Foto: Sergei Kozlov / dpa

Fast eine Woche nach dem Absturz der Passagiermaschine der Malaysia Airlines holen die Niederlande am Mittwoch die ersten Opfer der Tragödie heim. Für den Tag der Ankunft der Leichname hat die Regierung zudem eine Staatstrauer ausgerufen, im ganzen Land sollen die Kirchenglocken läuten. Jeder Bürger könne sich an einer Schweigeminute beteiligen, hieß es.

Die Malaysia-Airlines-Maschine mit der Flugnummer MH17 stürzte am vergangenen Donnerstag in den von Separatisten kontrollierten Gebieten in der Ostukraine ab. Alle 298 Menschen an Bord kamen um. Die Regierung in Kiew und westliche Staaten werfen den Rebellen vor, das Flugzeug mit einer Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt zu haben.

US-Geheimdienstvertreter legten dazu am Dienstagabend in Washington neue Erkenntnisse vor: Es gebe bisher zwar keine zwingenden Hinweise für eine direkte Verwicklung der russischen Regierung in den Abschuss der Maschine. Doch habe Moskau erst die „Bedingungen“ für den Abschuss „geschaffen“, indem es die Aufständischen bewaffnet habe.

Die Geheimdienstbeamten äußerten sich bei einem Briefing vor Reportern, wollten jedoch anonym bleiben. Dabei beriefen sich die Gewährsmänner auf abgefangenen Telefonmitschnitten, Satellitenfotos und von Rebellen auf sozialen Netzwerken geposteten Nachrichten, die zum Teil von US-Experten als authentisch eingestuft wurden.

Maschine „aus Versehen“ abgeschossen

Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass die Maschine aus Versehen abgeschossen wurde, sagte einer der Geheimdienstler. Die Rebellen hätten einen Fehler gemacht. So hätten sie in der Vergangenheit schon zwölf ukrainische Kampfjets abgeschossen. Ob russische Funktionäre beim Start der Rakete zugegen waren, könnten sie nicht sagen. Ebenso unklar sei, ob die Schützen in Russland im Umgang mit den Waffen ausgebildet wurden.

Nach tagelanger Verzögerung wird nun bald mit der Untersuchung und Identifizierung der Opfer von Flug MH17 begonnen. Ein Zug mit den Leichen kam am Dienstag in der Stadt Charkow an, von wo aus die sterblichen Überreste in die Niederlande gebracht werden sollten. Der zuständige niederländische Beamte Jan Tuinder sagte jedoch, höchstens 200 von den 282 bisher entdeckten Leichen seien transportiert worden. Sobald die Leichensäcke jedoch vollständig inspiziert seien, dürften weitere Leichen gefunden werden.

Zwei Militärflugzeuge mit Leichnamen werden am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr auf einem Luftwaffenstützpunkt in der Stadt Eindhoven erwartet. König Willem-Alexander und Königin Máxima werden vor Ort sein, um die Maschinen zu empfangen.

Fast zwei Drittel der Insassen von Flug MH17 waren Niederländer. Aber auch alle anderen Toten sollten erst dorthin gebracht werden. Die Identifizierung einiger der Leichen könne sehr rasch geschehen, bei anderen der insgesamt 298 Toten könnte es aber „Wochen oder sogar Monate“ dauern, erklärte der niederländische Regierungschef Mark Rutte.

Laut einem niederländischen Experten, der die Opfer des Absturzes untersuchte, die am Vortag von den Separatisten in einem Kühlzug nach Charkow überstellt worden waren, befanden sich nur 200 Leichen in dem Zug. Die Separatisten hatten die Zahl mit 282 angegeben. Ein Sprecher der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sagte, Mitarbeiter hätten am Absturzort an mindestens zwei Stellen noch Leichenteile gesehen.

Der Westen hatten den Separatisten vorgeworfen, acht- und pietätlos mit den sterblichen Überresten der Opfer umzugehen. Zudem gab es Vorwürfe, sie würden Hinweise auf die Absturzursache beseitigen. Laut dem OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw wurden am Absturzort tatsächlich Teile des Wracks bewegt. Allerdings könnte dies auch zur Bergung von Opfern geschehen sein.

Flugschreiber übergeben

Der Flugschreiber der Maschine wurde unterdessen an niederländische Ermittler übergeben. Die malaysischen Experten, die das Gerät von den prorussischen Separatisten erhalten hatten, händigten es am Dienstagabend am Flughafen von Kiew dem Niederländischen Untersuchungsbüros für Sicherheit (OVV) aus, wie das Außenministerium in Den Haag mitteilte. Demnach soll die sogenannte Black Box, die den Flugdatenschreiber und den Stimmenrekorder enthält, zur Auswertung ins britische Farnborough gebracht werden.

Die Auswertung soll Hinweise auf die Absturzursache liefern. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass sie einen Rückschluss auf die Urheber des Angriffs zulässt.

Neue Sanktionen beschlossen

In Brüssel beschlossen die EU-Außenminister neue Sanktionen gegen russische Vertreter. Dabei handelt es sich um Einreiseverbote und Kontensperrungen, wie der niederländische Außenminister Frans Timmermans am Dienstag erklärte. Die Außenminister hätten auch die EU-Kommission darum gebeten, schärfere Wirtschaftssanktionen vorzubereiten, sollte Moskau nicht aufhören, die Ukraine zu destabilisieren. Derartige Strafmaßnahmen könnten auf den Waffen-, Energie- und Finanzsektor abzielen. Moskau habe nicht genug getan, um zu einer Deeskalation der Ukraine-Krise beizutragen, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Wie viele Personen von den neuen Sanktionen betroffen sind, sagte Timmermans nicht. Auch nannte er keine Namen. Europa und die USA hatten bereits Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Der Flugzeugabsturz hat die diplomatischen Spannungen wegen des Ukraine-Konflikts verschärft; in Washington, Brüssel und Malaysia richtet sich die Wut vor allem gegen Moskau.

Kremlchef Wladimir Putin sagte bei einem Treffen seines nationalen Sicherheitsrats, Russland sei bereit, die Separatisten in der Ostukraine unter Druck zu setzen. Aber das reiche nicht aus, um den Konflikt zu beenden. Putin kritisierte Kiew erneut wegen dessen Militäroffensive, um die Aufständischen zu vertreiben. Zudem stelle er er erneut die Legitimität der ukrainischen Regierung infrage. „Personen sind auf eine bewaffnete, verfassungsfeindliche Weise an die Macht gekommen“, sagte Putin.