Ukraine

Flug MH17 - Kühlzug reicht für Leichen nicht mehr aus

In der Ukraine werden nach dem Abschuss einer Passagiermaschine immer mehr Leichen geborgen. US-Außenminister Kerry wirft den prorussischen Separatisten vor Ort vor, betrunken und pietätslos zu sein.

Bergungskräfte am Ort des Absturzes der malaysischen Passagiermaschine in der Ukraine haben nach Angaben der Regierung bis Sonntagabend 251 Leichen und 86 Leichenteile geborgen. Unterdessen sei ein zweiter Kühlzug zur Lagerung der Toten eingetroffen, erklärte ein Regierungsausschuss am Montag in Kiew.

Rund 200 Leichen werden in einem ersten Kühlzug aufbewahrt. Die ukrainische Regierung verlangt den Abtransport der Toten in das von ihr kontrollierte Gebiet. Der Zug stehe aber noch immer in der Ortschaft Tores, weil „die Terroristen seine Abfahrt verhindern“.

Die Kühlwaggons würden im Bahnhof von bewaffneten Rebellen bewacht. Die Separatisten sind nach eigenen Angaben auch im Besitz des Flugschreibers. Nach Angaben des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte sollten niederländische Experten am Montag mit der Identifizierung der Leichen beginnen.

„Wir haben Bilder vom Raketenabschuss“

Die US-Regierung wies Russland deutlicher denn je Mitverantwortung am Absturz des Passagierflugzeugs mit 298 Insassen zu. Das gegen Malaysia-Airlines-Flug MH17 eingesetzte Abschusssystem könne nur „von Russland in die Hände der Separatisten gelangt“ sein, sagte US-Außenminister John Kerry am Sonntag.

„Wir haben Bilder vom Raketenabschuss, wir wissen über die Flugbahn Bescheid“, sagte Kerry dem Sender NBC. Ferner gebe es Aufnahmen von „prahlenden“ Separatisten nach dem „Abschuss“. Das Verhalten der prorussischen Rebellen am Absturzort der Boeing nannte Kerry „grotesk“. „Betrunkene Separatisten“ würden die Ermittlungsarbeiten behindern, pietätlos Leichen auf Lastern aufeinanderstapeln und Spuren verwischen“.

Nach Angaben der US-Botschaft in Kiew haben Experten zudem die Authentizität eines vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichten Audiomitschnitts bestätigt, der ein Gespräch zwischen „bekannten Separatistenführern“ nach dem Abschuss von MH17 wiedergeben soll. Nach dem Vergleich der Aufzeichnung mit früheren Tondokumenten sei nun klar, dass die Passagiermaschine von einer Boden-Luft-Rakete vom Typ SA-11 des Flugabwehrsystems Buk abgeschossen worden sein müsse, die vom Einflussgebiet der Rebellen aus abgefeuert wurde.

OSZE-Beobachter weiter ferngehalten

Trotz wiederholter Aufforderungen aus dem Ausland gewährten die Rebellen internationalen Experten weiterhin keinen freien Zugang zum Absturzort und zu den Leichen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erklärte, die prorussische Rebellen hätten sie darüber unterrichtet, dass die Leichen in einen Kühlzug gebracht worden seien. Die Markierungsstöcke an den Stellen, wo die Leichen gefunden worden waren, waren einem Reporter der französischen Nachrichtenagentur AFP zufolge verschwunden. Der ukrainische Vize-Regierungschef Wolodimir Groisman sagte, Kiew könne in dem Absturzgebiet „die Sicherheit nicht garantieren“.

Großbritannien, Frankreich und Deutschland verlangten gemeinsam freien Zugang unabhängiger Experten zur Absturzstelle. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse sich bei den Separatisten dafür einsetzen, verlangten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der britische Premierminister David Cameron und Frankreichs Präsident François Hollande. Sie warnten: Falls Russland nicht „sofort“ die „erforderlichen Maßnahmen“ treffe, würden die EU-Außenminister am Dienstag „Konsequenzen“ ziehen.

Laut der der US-Zeitung „Washington Post“ hatten die US-Geheimdienste vor gut einer Woche Hinweise darauf erhalten, dass die Boden-Luft-Raketen den prorussischen Rebellen zur Verfügung gestellt wurden. Der ukrainische Geheimdienstchef Witali Najda habe Fotos und andere Beweise, dass eine Buk-Batterie mit einer fehlenden Rakete am Morgen nach dem MH17-Absturz die Grenze nach Russland überquert habe.

Die prorussischen Aufständischen fanden nach eigenen Angaben am Absturzort Wrackteile, die Flugschreibern ähneln. Die gefundenen Teile könnten sie nicht selbst untersuchen, weil sie dafür keine Spezialisten hätten, sagte Rebellenführer Alexander Borodaj in Donezk. Ukrainischen Ermittlern brächten die Rebellen „kein Vertrauen“ entgegen, das Material könne jedoch internationalen Ermittlern übergeben werden.

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