Ägypten

Auf Kairos Straßen gelten Frauen als Freiwild

Tatschende Hände, Anzügliches und Schlimmeres: 83 Prozent der ägyptischen Frauen sind sexuell belästigt worden. Männer finden das normal.

Marwa Sayid fährt schon lange nicht mehr Bus, und die U-Bahn benutzt sie auch nicht mehr. „Ich hasse alle öffentlichen Verkehrsmittel, dort haben die Schweine leichtes Spiel“, sagt sie und zieht sich ihren lilafarbenen Seidenschleier tiefer ins Gesicht. Immer wieder sei es vorgekommen, dass sie im Gedränge der Hauptverkehrszeit plötzlich eine fremde Männerhand an ihrem Körper gespürt habe. Von den vielen anzüglichen Bemerkungen, den Pfiffen und Blicken ganz zu schweigen, denen sie auf den Straßen ihrer Heimatstadt Kairo ausgesetzt ist.

Als Marwa ihren Eltern davon erzählte, erntete sie Schweigen. Ein Onkel sagte ihr dann die Meinung. „Er erklärte, ich wollte es ja nicht anders, weil ich abends um sechs über den Markt gegangen bin, oder ich wollte es ja nicht anders, weil ich morgens U-Bahn gefahren bin. Jedenfalls war immer ich an den Belästigungen schuld!“, entrüstet sich die 26-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften. Doch die Wahrheit sei einfach: „In deren Augen will ich es ja gar nicht anders, einfach weil ich eine Frau bin!“ Nur ihr kleiner Bruder habe sie trösten wollen: Sie solle sich nichts daraus machen, es gehe doch allen ägyptischen Frauen so, habe er gesagt.

98 Prozent der ausländischen Frauen sexuell belästigt

Erfahrungen wie diese machen in Ägypten viele Frauen. Erst vor wenigen Tagen wurde die französische Journalistin Sonia Dridi, die für ihren Sender France 24 live aus Kairo berichtete, auf dem Tahrir-Platz angegriffen und sexuell belästigt. In dem Land am Nil haben diese Vorfälle unvorstellbare Ausmaße angenommen. Das ägyptische Zentrum für Frauenrechte befragte 2008 mehr als 1000 Frauen und kam zu einem schockierenden Ergebnis: 98 Prozent der ausländischen Frauen gaben an, bereits sexuell belästigt worden zu sein.

Unter den Ägypterinnen waren es immerhin noch 83 Prozent. Noch beunruhigender aber war die Reaktion der befragten Männer: 62 Prozent von ihnen machten nicht einmal ein Geheimnis daraus, bisweilen Frauen zu belästigen. Mehr als die Hälfte aller Männer waren zudem davon überzeugt, die Frauen seien eigentlich selbst schuld. „Wenn eine Frau in einem Bus sitzt oder ein anderes Transportmittel benutzt, wird sie von dem Mann auf ihrer rechten und dem Mann auf ihrer linken Seite belästigt“, predigte vor zwei Jahren der angesehene Geistliche Saad Arafat im Fernsehen und kam kurzerhand zu dem Schluss: „Ich sagte der Frau: Du bist die Ursache und der Grund dafür!“

Die wahre Tragödie aber sei, dass viele Frauen das auch so sähen, sagt Nihad Abul Qumsan, die Vorsitzende der für die Umfrage verantwortlichen Organisation. Die Unterschiede bei den Antworten der ägyptischen und ausländischen Frauen seien sehr auffällig gewesen. Während die Ausländerinnen selbstverständlich fordern, sich gefahrlos frei bewegen zu dürfen, sei dieser Anspruch bei den einheimischen Frauen so gut wie gar nicht ausgeprägt, sagt Abul Qumsan.

Unrechtsbewusstsein in Ägypten fehlt

Das Bewusstsein dafür, dass sexuelle Belästigung ein Verbrechen sei, fehle eben nicht nur bei den Männern, sondern auch bei vielen Frauen. Als das beste Mittel gegen die Übergriffe gelte in Ägypten immer noch, als Frau nicht aus dem Haus zu gehen oder sich züchtig zu kleiden. Die überwältigende Mehrheit der Befragten jedenfalls glaubt, verhüllte Frauen liefen weniger Gefahr, belästigt zu werden. Doch auch das sei ein Irrtum, stellt Abul Qumsan klar. In Wahrheit hätten 72 Prozent der befragten Opfer keine Miniröcke, sondern einen Schleier getragen. Vielleicht seien auch deshalb die unverschleierten Frauen auf den Straßen sehr selten geworden, vermutet die Frauenrechtlerin.

Als es im vergangenen Jahr während der Massendemonstrationen gegen den ehemaligen Präsidenten Husni Mubarak zu relativ wenigen sexuellen Übergriffen kam, hegten einige schon Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang mit Frauen im neuen Ägypten. Doch heute sei alles längst wieder beim Alten, sagt Marwa: „Es ist sogar noch schlimmer geworden.“

Im Juni habe sich auf einer Demonstration gegen die Machtübernahme des Militärrates beispielsweise ein Mann von hinten an sie gedrängt: „Er hat mich eine Schlampe genannt und mich begrapscht.“ Als Marwa um Hilfe schrie, sei er zwar geflüchtet, aber niemand habe ihn aufgehalten. „Andere Demonstranten sagten, es sei ja nichts passiert, und es gäbe jetzt wichtigere Dinge zu tun“, erinnert sie sich. Mehrmals wurden Frauen auf dem Tahrir-Platz von einem ganzen Männermob angegriffen und teilweise gewaltsam entkleidet. Teile der Sicherheitskräfte sind nicht unbedingt besser: In den Monaten nach dem Sturz Mubaraks unterwarf das Militär festgenommene weibliche Demonstranten einem sogenannten Jungfräulichkeitstest. Bei offenen Türen wurden die jungen Frauen von weiblichen Wärtern untersucht, während die lachenden Männer sie nackt fotografierten. Wer keine Jungfrau mehr sei, solle der Prostitution angeklagt werden, habe man ihnen gedroht, so die Betroffenen. Immerhin wurde die Praxis Ende 2011 für illegal erklärt.

Erste Klagen vor Gericht

An Entschuldigungen und Erklärungen hat es den Männern nie gemangelt. Man sei ja nun mal ein südliches Land mit einer sehr warmherzigen Kultur, da könne man einer Schönheit schon mal zu ihren wunderbaren Augen gratulieren, heißt es dann. Und die tägliche Belästigung sei einfach ein Weg junger Männer, ihre sexuelle Frustration abzubauen. „Das ist auch richtig“, bestätigt Fatma Eman von der Frauenorganisation Nazra. „Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele junge Männer sind ohne Arbeit und ohne Geld. Selbst wenn sie eine Braut gefunden haben, können sie nicht heiraten.“ Denn eine Mitgift von rund 200 Euro sollte man schon beisammenhaben, um bei der Familie der Umworbenen eine Chance zu haben – für viele Ägypter ist das zu viel Geld.

Nur sehr langsam beginnen sich die Dinge zu verändern. Ein Meilenstein war im Jahr 2008 die erste Verurteilung wegen sexueller Belästigung. Auch die französische Journalistin Dridi kündigte an, sie werde Klage gegen unbekannt einreichen. Seit August 2010 können Frauen auf der Internetseite Harass-Map angeben, wo sie belästigt wurden. Immer wieder kommt es zu Demonstrationen, auf denen junge Menschen Forderungen erheben wie: „Sei ein Mann und schütze sie.“ Manchmal ist auch Marwa mit dabei, ihren jüngeren Bruder nimmt sie mit.

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