Russland

Gala, Kuchen und Verachtung zu Putins 60. Geburtstag

Einer der mächtigsten Männer der Welt feiert - und sein Land ist gespalten. Die Aktionen überbieten sich an Skurrilität und Schmeichelei.

Foto: Maxim Shipenkov / dpa

Aus den Lautsprechern dringt House-Musik, wie man sie in den Moskauer Bars hört. Auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik „Flakon“, neben Designerläden und Boutiquen drängen sich die Journalisten. An den Kameras vorbei flanieren drei junge Frauen. Hohe Schuhe, eng anliegende schwarze Jeans, weiße T-Shirts mit Kreml-Sternen darauf. An der Leine führen sie drei schwarze Labradore. Das ist nicht einfach: Die Hunde stampfen aufgeregt vor der Menschenmenge durch die Pfützen und stoßen mit ihren Nasen an die Beine der Journalisten. Die Frauen sind zu schmächtig, um die Hunde zu halten. „Njuscha, bei Fuß“, ermahnt eine ihren Hund und lächelt dabei die Fotografen an. Njuscha sieht ähnlich aus wie Koni, der Labrador des russischen Präsidenten Wladimir Putin, nur etwas kleiner. Sie sind hier, um dem großen Tierliebhaber Putin zum 60. Geburtstag zu gratulieren.

Putin küsst einen Welpen

„Präsident. Ein Mensch mit einer guten Seele“, heißt die Ausstellung, die hier am Sonntag eröffnet wird. Alle Gemälde sind vom Maler Aleksei Sergijenko, der in Putins Geburtsstadt Sankt Petersburg lebt. Sein erstes Bild malte er in der Nacht vom 4. März, erzählt er den Journalisten. An diesem Tag wurde Putin zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt, er stand am Manege-Platz und in seinem Gesicht waren Tränen zu sehen. Sergijenko fand dieses Moment rührend und griff sofort zum Pinsel. „Danke!“ nannte er sein Gemälde. Dieses Bild trägt er auch auf seinem schwarzen T-Shirt. Ein listiges Lächeln wechselt sich auf seinem Gesicht mit dem Ausdruck völliger Naivität ab, und sein Blick erinnert an den Protagonisten der Ausstellung.

Auf jedem der bunten, großformatigen Bilder ist Wladimir Putin zu sehen. Hier küsst er einen Welpen vor einem Hintergrund aus Kamillen. Da hält er ein Küken mit beiden Händen und schürzt seine Lippen sanft. Hier füttert er einen kleinen Elch aus der Milchflasche. Da streichelt er einen kleinen Tiger. Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd. Putin mit einer schwarzen Brille auf dem Motorrad. Putin und Berlusconi. Putin und der Labrador Koni. Putin auf einem Feld aus weißen Tulpen. Putin hält auf den Schultern eine Erstklässlerin mit weißen Bändchen im Haar. Das aktuellste Werk ist dem Flug des Präsidenten mit den jungen Kranichen gewidmet. „Carl Gustav Jung“ heißt das Bild.

Geburtstagssendung im Fernsehen

Fast alle diese Szenen sind real. Sergijenko ließ sich von den Fernsehbildern inspirieren, in denen sich Putin als Herrscher der wilden Natur inszenierte. In den letzten Jahren gibt es keinen Tag, an dem in den Nachrichten russischer Fernsehsender Wladimir Putin nicht erwähnt wird. Auf den Bildschirmen von Millionen Russen rügt er fahrlässige Beamte und Gouverneure, rettet das Land von der Finanzkrise und kämpft mit bösen Kräften aus dem Ausland. So ist es auch kein Wunder, dass die föderalen Fernsehsender, die für eine Mehrheit von Russen immer noch die wichtigste Informationsquelle bleiben, auch an Putins Geburtstag weiter am Bild des Präsidenten bauen. Am Sonntag zeigte der Sender NTW einen Film, der „die menschliche Seite“ Putins darstellen sollte. In seiner eigenen Geburtstagssendung kritisierte Putin dann auch die Opposition, die „nichts könne außer schreien“. Die Mehrheit der Russen stehe hinter ihm, betonte der Kremlchef.

Das Geburtstagskind selbst verbrachte den Feiertag in seiner Heimatstadt. Putin sei am Morgen nach St. Petersburg geflogen, um dort mit Freunden und Familie zu feiern, teilte ein Kreml-Sprecher am Sonntag in Moskau mit. Doch das hinderte seine Landsleute nicht daran, ihren Präsidenten mit zahlreichen Versammlungen, Feiern und Galakonzerten zu würdigen. Die Mitglieder aus den kremlnahen Jugendbewegungen gratulierten Putin am Sonntag mit diversen Aktionen, etwa Lesungen unter freiem Himmel oder Sportwettbewerben unter dem Motto „Mach Klimmzüge für Putin!“. In der Stadt Taganrog im Süden Russlands waren Schulen in der vergangenen Woche aufgefordert worden, jeweils 100 Kinderzeichnungen zum Jubiläum des Präsidenten zu schicken. Als der Brief an die Schulen im Netz veröffentlicht wurde, erklärte das Bildungsministerium, das sei ein Fehler eines Mitarbeiters gewesen. Angesichts des Zustandes, in dem sich Russland am Sonntag befunden hat, sprachen Regierungsgegner von einem „Personenkult wie in Nordkorea“.

Geschenke von jungen Frauen

Als Nachfolger des Präsidenten Boris Jelzin zog der ehemalige Geheimdienstler Putin 2000 in den Kreml. Er versprach Russland Stabilität und wurde von einer fast unbekannten Figur zum populärsten Politiker des Landes. Mit den Ölpreisen stieg auch der Wohlstand in Russland. Seine zweite Präsidentenwahl gewann er mit mehr als 70 Prozent der Stimmen. Mit der vermeintlichen Stabilität kamen politische Repressionen und Einschränkungen der Pressefreiheit. Als Putin 2008 nicht mehr als Präsident kandidieren durfte, wurde er für vier Jahre zum Premierminister, um 2012 in den Kreml zurückzukehren. Auf die jüngsten Massenproteste der Opposition antwortete er mit weiteren Einschränkungen der Freiheiten.

Putin scheint seinen Kurs der Stabilität fortzusetzen und Veränderungen um jeden Preis zu vermeiden. Seine Popularität ist allerdings etwas gesunken: Im August wurde er laut der Umfrage des Lewada-Zentrums lediglich von 48 Prozent der Russen unterstützt. Dafür sagten 20 Prozent der Frauen, dass sie Putin gerne heiraten würden. Das Bild eines „starken Mannes“ kommt im Massenbewusstsein weiterhin gut an – gerade bei vielen jungen Russen. Zu seinem Geburtstag vor zwei Jahren machten Putin glühende Verehrerinnen so auch ein besonderes Geschenk: Die Studentinnen ließen sich barbusig für einen Kalender mit schriftlichen Liebesbekundungen ablichten. In diesem Jahr bekam der Präsident von jungen Damen immerhin einen Kuchen.

Demonstration für „Opa Putin“

Die Opposition dagegen wollte Putin zu seinem Geburtstag in die Rente schicken – das Renteneintrittsalter für Männer liegt in Russland bei 60 Jahren. So demonstrierten Kremlgegner unter dem Motto „Schicken wir Opa in den Ruhestand“ und sammelten in Moskau Geschenke, die er dafür brauchen könnte, wie etwa Lesebrille, eine Parkbank und Pantoffeln. Dutzende Menschen brachten zudem symbolische Gaben für den Präsidenten: Häftlingskleidung, Strick und Seife oder bunte Masken, wie sie die inhaftierten Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot getragen haben. Doch diese „Geschenke“ wird Putin wohl nicht bekommen – die meisten Aktivisten wurden von der Polizei festgenommen.

In die Galerie von Aleksei Sergijenko hat sich derweil eine Gruppe der Jugendorganisation der Partei Geeintes Russland versammelt. „Hurra auf den Präsidenten!“, rufen sie und stoßen mit Sekt in Plastikbechern an. „Ich bin ein Pop-Art-Künstler und male Medienfiguren. Putin ist die populärste Medienfigur in Russland“, sagt Sergijenko. Er würde Putin gerne mal treffen. Nicht, um ihn zu malen, sondern um mit ihm Sport zu treiben. „Er ist mir menschlich sehr sympathisch. Er ist sportlich, raucht und trinkt nicht. Obwohl er schon 60 Jahre alt ist, sieht er aus wie maximal 45.“ Von den Putin-Bildern hat er bereits zehn verkauft und hofft auf einen noch größeren Erfolg. Er will nicht die Frage beantworten, ob seine Ausstellung ernst oder ironisch gemeint wird. Sie solle vor allem eine positive Botschaft vermittelt. „Wenn wir über Putin gut denken und reden, werden unsere Gedanken über das Weltall auf ihn übertragen. Er fühlt unsere Herzensgüte und Liebe und wird dadurch selbst besser.“