Nach Schmähfilm

Neue Karikaturen schüren Angst vor Gewalteskalation

Frankreich schließt aus Angst vor neuer Gewalt seine Botschaften in 20 Ländern. Auch die deutsche „Titanic“ plant eine Mohammed-Satire.

Foto: DIBYANGSHU SARKAR / AFP

Die Wut in der islamischen Welt über den Mohammed-Schmähfilm hat sich noch nicht gelegt, da drohen neue Karikaturen des Propheten in einem französischen Satiremagazin Öl ins Feuer zu gießen.

Frankreichs Regierung ordnete für Freitag als Vorsichtsmaßnahme die vorübergehende Schließung von Botschaften, Konsulaten, Schulen und Kulturzentren in 20 Ländern an, aus Angst, es könne nach den traditionellen Feiertagsgebeten abermals zu schweren Ausschreitungen kommen.

In Paris sicherten Polizisten die Büros des Satireblatts. Vertreter arabischer Länder nannten die Zeichnungen eine Provokation und warnten vor weiteren anti-westlichen Ausschreitungen. Die Bundesregierung verschärfte die Sicherheitsvorkehrungen an mehreren Auslandsvertretungen.

Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zeigt Mohammed nackt

Das Wochenmagazin „Charlie Hebdo“ reagierte mit seinen Karikaturen auf die durch den im Internet verbreiteten Film „Die Unschuld der Muslime“ ausgelösten Ausschreitungen, bei denen mehrere Menschen starben und unter anderem die deutsche Botschaft im Sudan gestürmt worden war.

Einige der Zeichnungen zeigen Mohammed nackt. Auf einem Bild kauert er unter dem Titel „Mohammed: Ein Stern ist geboren“ auf allen vieren, seine Genitalien sind zu sehen, der Hintern wird von einem Stern notdürftig bedeckt. Eine weitere Zeichnung spielt auf die Affäre um die Veröffentlichung von Oben-ohne-Fotos der Ehefrau des britischen Prinzen William an. Auf der Titelseite ist ein orthodoxer Jude zu sehen, der einen Mann mit einem Turban in einem Rollstuhl schiebt.

Für viele Muslime gilt allein eine Abbildung Allahs oder Mohammeds bereits als Gotteslästerung. 2005 war es wegen Mohammed-Karikaturen eines dänischen Zeichners zu heftigen Ausschreitungen in mehreren muslimischen Ländern mit mehr als 50 Toten gekommen.

Herausgeber weist Kritik zurück

„Charlie Hebdo“-Herausgeber Stephane Charbonnier, Zeichner der Karikatur auf der Titelseite, wies jede Kritik zurück. „Wir haben den Eindruck, dass wir offiziell das katholische Rechtsaußen angreifen, uns aber nicht über fundamentale Islamisten lustig machen dürfen“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. „Das zeigt ein Klima, in dem jeder von Angst umgetrieben wird. Und genau das ist es, was diese kleine Handvoll Extremisten, die überhaupt niemanden repräsentieren, wollen: dass alle Angst haben.“

Charbonnier steht unter Polizeischutz, seit im vergangenen November auf die Redaktion in Folge des Abdrucks einer Mohammed-Karikatur ein Brandbomben-Anschlag verübt worden war. Er sagte, die sonst übliche Magazin-Auflage von 35.000 werde er für die aktuelle Ausgabe wohl mindestens verdoppeln müssen, um die Nachfrage nach dem 2,50 Euro teuren Heft zu decken.

Arabische Liga bezeichnet Karikaturen als abscheulich

Der Chef der Arabischen Liga, Nabil Elarabi, bezeichnete die neuen Karikaturen als abscheulich. Diejenigen, die sich beleidigt fühlten, sollten aber friedlich ihren Missmut zum Ausdruck bringen. Tunesiens regierenden Ennahda-Partei sprach von einem „Akt der Aggression“ gegen Mohammed. Aber auch sie mahnte Muslime, nicht in eine Falle zu stolpern, die „den Arabischen Frühling aus der Bahn bringen und in einen Konflikt mit dem Westen“ verwandeln wolle.

„Das wird die Menschen natürlich zusätzlich verärgern“, warnte im Libanon Scheich Nabil Rahim, einer der führenden Salafisten in seinem Land. „Wir werden versuchen, die Dinge unter Kontrolle und friedlich zu halten, aber so etwas gerät leicht außer Rand und Band. Ich fürchte, dass es mehr Angriffe auf Ausländer geben könnte.“

In Ägypten forderte Essam Erian, ein führender politischer Kopf der mächtigen Muslim-Brüder, die französische Justiz auf, gegen „Charlie Hebdo“ einzugreifen. Eine kleinere muslimische Gruppe in Frankreich erstattete Anzeige, aber Berichte über größere Ausschreitungen lagen zunächst nicht vor. In der Pariser Vorstadt Sarcelles wurde ein Mensch bei einem Anschlag auf einen koscheren Supermarkt leicht verletzt. Die Polizei erklärte jedoch, es sei zu früh, um einen Zusammenhang zu den Karikaturen herzustellen.

Französische Regierung reagiert empört

Die französische Regierung, die sich bei dem Magazin für eine Nicht-Veröffentlichung der Karikaturen eingesetzt hatte, reagierte empört. „Wir haben gesehen, was letzte Woche in Libyen und in anderen Ländern wie Afghanistan passiert ist.

Wir müssen alle dazu aufrufen, sich verantwortungsbewusst zu verhalten“, sagte Außenminister Laurent Fabius in Anspielung auf die Proteste gegen das Mohammed-Video, in dem der Prophet Mohammed als Kinderschänder, Schürzenjäger und Homosexueller verunglimpft wird. In den vergangenen Tagen gingen Tausende wütende Muslime deswegen in zahlreichen Ländern auf die Straßen, teilweise kam es zu schweren Ausschreitungen.

So wurden am vergangenen Freitag mehrere westliche Botschaften gestürmt, darunter auch die deutsche Vertretung im Sudan, unter anderem weil hierzulande eine islam-feindliche Kundgebung nicht verboten worden war. Im libyschen Bengasi wurden am Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 der US-Botschafter und drei weitere Amerikaner getötet. Allerdings gehen die US-Behörden in diesem Fall mittlerweile von einem Terrorangriff aus, in den womöglich die radikal-islamische Al-Kaida verwickelt ist.

Auch deutsches Magazin „Titanic“ will Islam-Titel herausbringen

Auch das Satiremagazin „Titanic“ will in seiner Oktober-Ausgabe mit einem Islam-Titel herauskommen. „Der Westen in Aufruhr: Bettina Wulff dreht Mohammed-Film“ solle die Schlagzeile nach dem bisherigen Entwurf lauten, sagte Chefredakteur Leo Fischer der „Financial Times Deutschland“. Er wolle „vor weiteren schlecht gemachten Schmähfilmen warnen, insbesondere davor, dass sich abgehalfterte Prominente nun auch noch über billige Islamkritik profilieren“.

Der Titelbild-Entwurf, der der FTD nach eigenen Angaben vorliegt, zeige Bettina Wulff in den Armen eines islamischen Kriegers mit Turban und Schwert, der offenbar den Propheten Mohammed darstellen soll. Das Heft soll am 28. September erscheinen.

Das Satiremagazin hatte schon mit dem Cover des Juli-Heftes für Streit gesorgt. Darauf war der Papst mit einem großen gelben Fleck auf der Soutane zu sehen. Auf dem Titel hieß es in Anspielung auf den Skandal um den Verrat von internen Dokumenten: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“. Kurz vor der angesetzten Gerichtsverhandlung hatte der Papst den Antrag auf einstweilige Verfügung gegen den Titanic-Verlag überraschend zurückgezogen.

„Titanic“-Chef verteidigt „Charlie Hebdo“

Fischer verteidigte zugleich die Mohammed-Karikaturen in der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Der „Frankfurter Rundschau“ zufolge nannte er die Zeichnungen eine richtige Reaktion auf die „wahnsinnigen Ausschreitungen“. „Satire darf und muss alles“, sagte Fischer. Den Vorwurf, mit derartigen Veröffentlichungen die Proteste noch anzuheizen, verstehe er nicht, sagte der Chefredakteur. „Dann darf man gar nicht darüber berichten“, betonte er.

Die Karikaturen des französischen Satire-Magazins will „Titanic“ aber nicht nachdrucken. Sie seien „wenig interessant“ und „zu grob gestrickt“, sagte Fischer. Die Mohammed-Karikaturen, die 2005 im dänischen „Jyllands-Posten“ erschienen waren, hatte „Titanic“ gedruckt.