Russland

Frauen von Pussy Riot wollen keine Gnadengesuche stellen

Nach der Verurteilung der drei Musikerinnen zu je zwei Jahren Haft fordert die russisch-orthodoxe Kirche eine Begnadigung.

Die Richterin Marina Syrowa hält eine dicke braune Ledermappe in der Hand, darauf ein goldener Adler, Russlands Staatswappen. Mehr als Hundert Seiten enthält die Mappe, das Urteil gegen die drei Frauen der Punkband Pussy Riot. „Tolokonnikowa, Samutsewitsch und Alechina sind schuldig“, liest die Richterin vor.

Die Frauen stehen hinter der Scheibe des verglasten Holzkastens, in dem Angeklagte die Sitzungen in russischen Gerichtssälen verfolgen müssen. Als die drei am Freitag den Schuldspruch hören, lächeln sie nur ironisch, als ob sie nichts anderes erwartet hätten. Sie müssen die ganze Zeit Handschellen tragen. Nadeschda Tolokonnikowa, in ihrem blauen T-Shirt, auf dem „No Pasarán!“ steht, die alte Widerstandslosung aus dem Spanischen Bürgerkrieg, hat die Hände vor der Brust gekreuzt. Maria Alechina, im schwarzen Kleid, versucht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu wischen. Jekaterina Samutsewitsch, im karierten Hemd, lächelt ihren Freundinnen verschwörerisch zu.

Aus dem kleinen Saal im Moskau Chamowniki-Gericht sind alle Bänke entfernt worden. Wie in einer orthodoxen Kirche darf man während der Verlesung des Urteils nicht sitzen. Der Saal ist voll mit prominenten Unterstützern der Angeklagten: Der Blogger Alexei Nawalny lehnt sich an die Absperrung. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck schreibt auf Twitter: „Staatsanwältin tupft sich den Schweiß aus dem Dekolleté. Im Gericht stehen sich das schöne, moderne und das muffige alte SU Russland gegenüber.“

Der Text, den die Richterin Syrowa vorliest, ist lang, im Begründungsteil muss sie die Argumente der Anklage und der Verteidigung wiedergeben und bewerten. Pussy Riot hätten Rowdytum aus religiösem Hass begangen und Gläubige tief beleidigt. Fast eine Stunde lang werden die Aussagen der neun Nebenkläger wiedergegeben. Dann werden wortwörtlich die Verhaltensregeln in der Christus-Erlöser-Kathedrale verlesen. Gleich zwei Mal liest die Richterin eine ausführliche Liste der beschlagnahmten Gegenstände vor: Laptops, Kleider, Strickmützen mit Augenlöchern, ein Blatt Papier mit einem Gedicht. Die Zuhörer werden müde.

Demonstration vor dem Gericht

Als das Strafmaß von zwei Jahren verkündet wird, verbreitet es sich blitzschnell über das Internet. Von der Straße sind die Sprechchöre der Demonstranten zu hören, die immer wieder „Schande!“ rufen. Die Wege zum Chamowniki-Gericht waren schon früh am Morgen abgesperrt. Gegen Mittag versammelten sich hier Dutzende Unterstützer von Pussy Riot, eine spontane Demonstration begann. Die Menschen riefen „Freiheit für Pussy Riot“ und „Russland ohne Putin“ und sofort begannen die Festnahmen. Auch der oppositionelle Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow und der linke Politiker Sergei Udaltsow wurden abgeführt. Mindestens 20 Menschen wurden am Freitag vor dem Gericht festgenommen. Auch eine Gegen-Demo gibt es: orthodoxe und nationalistische Aktivisten fordern eine harte Strafe.

„Dieses Urteil ist eine persönliche Rache von Putin. Das Urteil ist von Putin geschrieben worden“, sagt der Blogger Nawalny. „Das, was hier im Gericht passiert ist, das ist wild, das ist das heutige Russland, aber es wird nicht immer so bleiben.“ Die Opposition werde weitere Aktionen zur Unterstützung von politischen Gefangenen organisieren. Der Mann von Nadeschda Tolokonnikowa sagt: „Ich habe nur einen Kommentar: Wir brauchen eine Revolution in Russland.“

Genau das wollten die jungen Frauen von Pussy Riot. Die Band entstand zum Teil aus der aktionistischen Kunstgruppe Wojna („Krieg“), als Dmitri Medwedew und Wladimir Putin im September 2011 ihre „Machtrochade“ ankündigten, den wiederholten Tausch von Premierminister-Präsidentenamt. Am 21. Februar 2012 kamen Pussy Riot dann in die größte Moskauer Kirche, die Christus-Erlöser-Kathedrale und sangen neben dem Altar das Lied „Gottesmutter, vertreibe Putin“. Ihr Auftritt dauerte etwa 40 Sekunden, danach führten Sicherheitsleute sie aus der Kirche. Anfang März wurden drei Mitglieder der Band festgenommen.

Die russisch-orthodoxe Kirche bat nach dem Urteil vom Freitag um eine Begnadigung der Frauen. „Ohne die Rechtmäßigkeit des Gerichtsbeschlusses infrage zu stellen, wenden wir uns an die Staatsmacht mit der Bitte, im Rahmen des Gesetzes Gnade walten zu lassen“, hieß es am Freitagabend auf der Internetseite des Moskauer Patriarchats. Diese Bitte sei mit der Hoffnung verknüpft, dass die drei Frauen „künftig von solch gotteslästerlichen Handlungen lassen werden“. Die Anwälte der Band-Mitglieder schlossen allerdings ein Gnadengesuch aus.

Die Stimmung im Gerichtssaal war gereizt

Der Prozess gegen die Punk-Band dauerte acht Verhandlungstage. Die Sitzungen fanden an jedem Arbeitstag statt und dauerten manchmal 10 bis 12 Stunden mit nur kurzen Pausen. Die Angeklagten wurden jeden Tag sehr früh geweckt und kamen erst spät zurück in die Untersuchungshaft, für den Schlaf blieben ihnen nur wenige Stunden. Acht mal forderten die Verteidiger, die Richterin Syrowa wegen Befangenheit auszutauschen, allerdings vergeblich. Die Stimmung im Gerichtssaal war gereizt: oft schrien die Verteidiger, die Richterin und die Anwälte der Nebenkläger einander an.

Die angeklagten Frauen wiederholten mehrmals, dass sie nie irgendwelchen Hass der Religion gegenüber gespürt hatten. Schon am ersten Tag des Prozesses wurden ihre Stellungnahmen verlesen, in denen sie zugaben, nicht aus strafrechtlicher, sondern aus ethischer Sicht einen Fehler begangen zu haben und um Entschuldigung baten, falls sie die Gefühle Gläubiger verletzt hätten.

Die Mehrheit der Russen sieht in dem Prozess nichts Außergewöhnliches. Nach einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada glauben 44 Prozent, dass das Gericht „gerecht, objektiv und unvoreingenommen“ gehandelt habe. Nur 17 Prozent finden, die Richter seien nicht ehrlich. 18 Prozent meinen, das Urteil komme „von oben“.

Die Angeklagten hatten mit einer Haftstrafe gerechnet. In einem schriftlichen Interview mit der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ äußerte Tolokonnikowa am Donnerstag, sie fürchte sich nicht davor, ins Arbeitslager zu kommen. Sie wolle auf keinen Fall einen Begnadigungsantrag an Präsident Putin stellen. „Er soll uns um Begnadigung bitten.“

Merkel kritisiert „unverhältnismäßig hartes Urteil“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Verurteilung der drei Sängerinnen kritisiert. Das „unverhältnismäßig harte Urteil“ stehe „nicht im Einklang mit den europäischen Werten von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“, erklärte Merkel am Freitag. Zu diesen Werten habe sich Russland unter anderem als Mitglied des Europarats bekannt. „Eine lebendige Zivilgesellschaft und politisch aktive Bürger sind eine notwendige Voraussetzung und keine Bedrohung für Russlands Modernisierung“, fügte Merkel hinzu.

Sechs Sympathisanten der Punkband haben sich am Freitag aus Protest gegen den Schuldspruch für die Musikerinnen an den Zaun der russischen Botschaft in Berlin gekettet. Die Polizei schnitt die Demonstranten los und nahm ihre Personalien auf. Wie eine Polizeisprecherin sagte, werden sie wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz angezeigt. Unterstützer von „Pussy Riot“ hatten zuvor vor der Botschaft mit Musik und Strumpfmasken die Freilassung der Band gefordert. mit dpa/AFP