Flucht aus London

Wie Assange den britischen Behörden entwischen könnte

Flucht im Gepäck? Sobald Julian Assange die Botschaft Ecuadors verlässt, muss er damit rechnen, verhaftet und ausgeliefert zu werden.

Foto: DPA

Das diplomatische Tauziehen zwischen Ecuador und Großbritannien geht weiter: Auch einen Tag nach dem positiven Asylbescheid für Julian Assange durch die Regierung in Quito gab es keinerlei Anzeichen, dass Großbritannien den Wikileaks-Gründer schon bald in seine neue Heimat ausreisen lassen dürfte.

Während London es noch am Donnerstag kategorisch ablehnte, dem 41-jährigen Australier freies Geleit zu gewähren, wollte Ecuador am Freitag bei einer Sitzung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) eine Entscheidung herbeiführen, ob es am kommenden Donnerstag (23. August) eine Sitzung zum Fall Assange geben wird.

Dessen Rechtsmittel gegen eine Auslieferung an Schweden sind ausgeschöpft. Dort soll Assange zu Vergewaltigungsvorwürfen befragt werden. Die USA erklärten, sie hielten sich aus dem britisch-ecuadorianischen Streit heraus.

Dabei sind es Assanges Befürchtungen, Schweden könnte ihn in die USA abschieben, die dem Fall besondere Brisanz geben. Assange hatte vor zwei Jahren den Zorn der US-Regierung auf sich gezogen, als seine Enthüllungsplattform Wikileaks Hunderttausende geheime Dokumente über den Krieg im Irak und in Afghanistan veröffentlichte.

Assange, der sich seit dem 19. Juni in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhält, sagte, die Asylentscheidung Ecuadors sei ein „historischer Sieg“. „Unser Kampf hat aber erst begonnen“, sagte er. „Die beispiellosen US-Ermittlungen gegen Wikileaks müssen gestoppt werden.“ Assange erinnerte daran, dass ein Wikileaks-Informant, Bradley Manning, „über 800 Tage ohne Prozess festgenommen ist“.

UNASUR-Vorsitzender beruft außerordentliche Sitzung ein

Ecuador beantragte wegen Assange eine Sitzung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Die USA und Kanada lehnten den am Donnerstag (Ortszeit) in Washington eingereichten Vorschlag ab, andere Mitglieder des ständigen Rates unterstützten ihn. Ob es nun am kommenden Donnerstag (23. August) eine Sitzung über Assange geben wird, sollte am (heutigen) Freitag entschieden werden.

Die zwölf Mitglieder zählende Union Südamerikanischer Staaten (UNASUR) wurde dagegen vom geschäftsführenden Vorsitzenden Peru zu einer außerordentlichen Sitzung einberufen. Sie soll am kommenden Sonntag im ecuadorianischen Guyaquil über die diplomatische Krise beraten.

Eine Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, sagte zu dem Fall: „Das ist eine Angelegenheit zwischen den Ecuadorianern, den Briten und den Schweden.“

Gibt es einen Ausweg für Assange?

Unterdessen kursieren Theorien, wie Assange den britischen Behörden entwischen und nach Ecuador gelangen könnte. Kaum eine Idee scheint zu absurd.

Diplomatische Immunität:

Manche seiner Anhänger möchten, dass Assange ecuadorianischer Staatsbürger und Mitglied des Botschaftspersonals wird, damit er diplomatische Immunität genösse. Der Diplomatenstatus muss jedoch vom Gastgeberland anerkannt werden – was die britische Regierung kaum tun dürfte.

Der britische Rechtsexperte Carl Gardner hat noch eine ausgefallene Möglichkeit angesprochen: Ecuador könnte Assange zu seinem Vertreter bei den Vereinten Nationen ernennen. Damit wäre er vor Verhaftung sicher, wenn er zu UN-Terminen um die Welt reist. Die UN-Vollversammlung könnte ihm seine Rolle aberkennen, doch bis dahin wäre er geschützt.

Stiften gehen:

Die Londoner Polizei bewacht das Botschaftsgebäude, seit Assange sich im Juni dort einquartierte. Er könnte versuchen, sich verkleidet an den Polizisten vorbei zu schleichen und Verfolger vielleicht im Gedränge des nahen Kaufhauses Harrods abzuschütteln. Doch wird er erkannt, droht die Verhaftung.

Eine andere Idee wäre, ihn zu einem Privatflugplatz oder einem abgelegenen Seehafen zu schaffen. Doch Rechtsexperten sind sicher, dass die Polizei sehr wachsam auf eventuelle Fluchtversuche achtet. „Sobald er das Gelände verlässt, selbst mit einem Botschaftsfahrzeug, kann er immer noch verhaftet werden – und das wird er auch“, gibt der auf Auslieferungsrecht spezialisierte Anwalt Julian Knowles zu bedenken.

Herausschmuggeln:

Wie wäre es damit, Assange im Diplomatengepäck aus der Botschaft hinaus zu schmuggeln? Das klingt sehr weit her geholt, hat es aber schon gegeben.

1984 weigerte sich Großbritannien, den in seiner Heimat der Korruption beschuldigten nigerianischen Ex-Minister Umaru Dikko auszuliefern. Dikko wurde daraufhin vor seiner Londoner Wohnung entführt, betäubt und in eine Frachtkiste gepackt, die als Diplomatengepäck nach Lagos gehen sollte. Die Kidnapper vergaßen allerdings, die Kiste als Diplomatengepäck auszuzeichnen. Auf dem Flughafen öffnete der britische Zoll die Kiste und fand Dikko unverletzt. Die britisch-nigerianischen Beziehungen litten über Jahre hinaus unter dem Vorfall.

1964 wurde ein Mann namens Joseph Dahan – in Wahrheit Mordechai Louk, ein in Marokko geborener Israeli und Spion für Ägypten – aus einem Café in Rom verschleppt, betäubt und in einen Schrankkoffer mit der Aufschrift „Diplomatenpost“ gepackt, der an das ägyptische Außenministerium adressiert war. Die Sache flog auf, weil ein italienischer Sicherheitsbeamter auf dem Flughafen es aus dem Koffer stöhnen hörte. Presseberichten zufolge wies der speziell ausstaffierte Koffer reichlich Gebrauchsspuren auf und war offenbar schon früher für solche Transporte benutzt worden.

Doch auch Diplomatengepäck muss einen britischen Hafen oder Flughafen passieren, wie der Anwalt Alex Carlile anmerkt. Und wenn die Zollbeamten dort argwöhnten, dass es nicht „rechtmäßiges diplomatisches Material“ enthalte, seien sie berechtigt, es zu öffnen.