Syrien

Rebellen ziehen sich zurück - Aufgeben wollen sie nicht

Die Rebellen haben nach eigenen Angaben einen „taktischen Rückzug” angetreten. Assads Protokollchef dementiert Fahnenflucht.

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In der syrischen Millionenstadt Aleppo kämpfen die Rebellen mit allen Kräften um jeden Meter gegen die vorrückenden Regierungstruppen. Am Donnerstag vermeldeten sie zunächst leichte Bodengewinne im südwestlichen Stadtteil Salaheddine. Doch wenig später räumten die Aufständischen nach heftigen Bombardements ein, zwei Straßenzüge aufgegeben zu haben, die sich als eine Front in dem weitgehend in Schutt und Asche liegenden Stadtteil herausgebildet hatten. Sie wollten sich neu formieren und dann zum Gegenangriff ansetzen. Die Armee nahm derweil nach Angaben amtlicher Medien die Aufständischen auch im Osten und im Südosten unweit vom Flughafen sowie in einem nordwestlich gelegenen Vorort unter Beschuss. Immer mehr Menschen flohen aus der Stadt. Die türkischen Behörden teilten mit, dass inzwischen mehr als 50.000 Flüchtlinge über die Grenze in das Nachbarland gekommen seien. Vor der Küste Süditaliens wurde ein Fischerboot mit 124 Syrern an Bord abgefangen. Sie kamen in einem Auffanglager unter.

„Sie haben unsere Häuser verbrannt”

„Wir haben es nicht mehr ausgehalten“, sagte der Gemüsehändler Ahmed Schaaban aus Salaheddine, während er sich mit anderen Flüchtlingen durch einen Grenzzaun zwängte und türkische Soldaten versuchten, für Ordnung zu sorgen. „Uns wurde alles genommen. Sie haben unsere Häuser verbrannt und uns unsere Existenz geraubt.“

Seit dem Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad vor 17 Monaten sind nach Angaben der Opposition mindestens 18.000 Menschen getötet worden. Wie viele in Aleppo ums Leben kamen, das seit kurzem im Zentrum der Revolte steht, ist ungewiss. Das Vorgehen der Armee belegt jedoch, dass Assad die Machtprobe in dem Wirtschaftszentrum unbedingt gewinnen will. Nur so kann er seine Autorität landesweit wieder herstellen. Vor allem in den ländlichen Gebieten im Norden Syriens scheinen die Rebellen mittlerweile breite Landstriche zu kontrollieren, seit viele Einheiten zur Unterstützung ihrer Kameraden nach Aleppo verlegt wurden.

„Wir sind hier, um zu Märtyrern zu werden”

Die Rebellen geben sich entschlossen, selbst wenn ihnen nach eigenen Angaben die Munition auszugehen droht. „Wir sind hier, um zu Märtyrern zu werden“, sagte Abu Ali, ein Kommandeur der Aufständischen, zu Reuters-Journalisten in der Stadt. Er habe 400 Mann zusammengezogen, um auf die am Mittwoch begonnene Großoffensive zu reagieren. Abu Ali koordinierte seine Kämpfer über ein Funkgerät, er selbst saß wegen einer Verwundung im Rollstuhl.

In Tel Rifaat wurden Reuters-Reporter Zeugen eines Angriffs der syrischen Luftwaffe auf das 35 Kilometer nördlich von Aleppo liegende Dorf. Ein Kampfjet feuerte im Sturzflug Raketen ab, Bewohner nahmen panisch Reißaus. Aus einem Olivenhain stieg schwarzer Rauch auf, ein Lastwagen stand in Flammen. Eine weinende Frau und sechs Kinder flüchteten aus ihrem Häuschen, eine andere Frau hielt einen Koran über ihren Kopf und küsste ihn. Mehrere Männer reckten verzweifelt ihre Arme gen Himmel. Ein Kämpfer sagte, die Luftwaffe nehme Rebellenstützpunkte in der Region ins Visier. „Vier unserer Basen in und um Tel Rifaat wurden bislang getroffen“, sagte er. Drei Rebellen erwiderten vergebens das Feuer des Kampfjets.

Assad machte derweil Gesundheitsminister Wael al-Halki zum neuen Ministerpräsidenten. Sein bisheriger Regierungschef Rijad Hidschab hatte sich Anfang der Woche nach Jordanien abgesetzt. Es war ein weiterer Rückschlag für den Präsidenten, nachdem es den Rebellen im Juli gelungen war, selbst in der Hauptstadt Damaskus Boden gutzumachen und vier hochrangige Vertreter aus Assads Sicherheitsapparat zu töten.

Zugleich dementierte der Protokollchef Assads, Moheddin Muslimani, zu den Aufständischen übergelaufen zu sein. „Diese Berichte sind ohne Grundlage, ich erfüllen meine Pflicht im Präsidentenpalast“, zitierte ihn die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana am Donnerstag. Wenige Stunden zuvor hatte der saudische Nachrichtensender Al-Arabija berichtet, Muslimani habe sich zu den Rebellen abgesetzt.