Russland

Punk-Band Pussy Riot beschwört in Plädoyers die Freiheit

Die drei Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot greifen zum Prozessende das System Putin an - und ernten den Applaus ihrer Unterstützer.

Auf ihrem blauen T-Shirt steht „No Pasarán“ – „Sie werden nicht durchkommen.“ Entschlossen reckt Nadeschda Tolokonnikowa eine Faust in die Luft, als sie aus dem Polizeibus steigt. Im nächsten Moment verschwindet sie im Gebäude des Chamowniki-Gerichts in Moskau. Heute wird sie kämpfen. Heute ist der letzte Tag im Prozess gegen die Punk-Band Pussy Riot. Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samutsewitsch und Maria Alechina haben das letzte Wort.

„In diesem Gericht wird nicht über Pussy Riot, sondern über das russische Rechtssystem verhandelt“, beginnt Tolokonnikowa ihre Rede. „Wer ist am Konzert in der Christus-Erlöser-Kathedrale schuld? Das autoritäre System. Was wir machen, ist eine Art Kunst in Zeiten, in denen Freiheit unterdrückt wird. Dieses politische System ist autoritär. Aber ich sehe gerade, wie dieses System an uns scheitert. Immer mehr Menschen glauben an uns, sie glauben, dass wir nicht hinter Gitter gehören.“

Sie steht vor dem kleinen Fenster des braunen Aquariums im Gerichtssaal und schaut offen die Anklage und das Publikum an. „In diesem Prozess haben wir uns nie verstellt. Die andere Seite dagegen verstellte sich zu oft. Die Menschen fühlen das, die Menschen fühlen die Wahrheit. Mit jedem Tag wird die Wahrheit mehr und mehr triumphieren, obwohl wir hinter Gitter sind und wahrscheinlich noch lange hier bleiben müssen“. Manchmal bebt ihre Stimme etwas vor der Aufregung, dann wird sie wieder ruhiger.

„Aus Stalin-Terror nichts gelernt“

„Wir sind freier als die Menschen, die uns gegenüber auf der Seite der Anklage sitzen. Sie sagen nur das, was die politische Zensur ihnen erlaubt. Sie dürfen nicht die Zeilen aus unserem Lied aussprechen, in denen es um unser politisches System geht. Vielleicht glauben sie, dass wir dafür bestraft werden sollen, dass wir gegen Putin und sein System rebellieren. Aber das dürfen sie nicht sagen, ihre Münder sind zugenäht. Das Christentum, so wie ich es verstehe, unterstützt die Suche nach Wahrheit“, sagt Tolokonnikowa. „Wer konnte ahnen, dass wir aus der Geschichte, dem Stalin-Terror nichts gelernt haben. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, dass es im russischen Rechtsystem zugeht wie bei der Inquisition im Mittelalter.“

Die Sängerin der Band vergleicht sich mit den Dissidenten aus Zeiten der Sowjetunion: „Wie Alexander Solschenitzyn glaube ich, dass das Wort am Ende den Beton durchbricht. Wir sitzen in einem Käfig, aber ich glaube nicht, dass wir verloren haben. Auch die Dissidenten haben nicht verloren. Während sie in psychischen Anstalten und Gefängnissen saßen, sprachen sie das Urteil über das Regime.“

Jubel im Saal, Richterin mahnt

In ihrer Ansprache erinnert die 22-Jährige auch an Sokrates und den heiligen Stefan, die für ihre Ansichten verfolgt wurden. Im Saal bricht Applaus aus. Die Richterin Marina Syrowa sagt: „Wir sind hier nicht im Theater.“

Nun ist Maria Alechina an der Reihe. Sie kommt ans Fenster des Aquariums und beginnt ruhig und entschlossen: „Die Macht wird sich für diesen Prozess noch lange schämen müssen. In einer gesunden Gesellschaft wäre ein solcher Prozess unmöglich. Wenn wir über Putin sprechen, meinen wir nicht nur Wladimir Putin persönlich, sondern das von ihm geschaffene System. Seine Machtapparat nimmt keine Rücksicht auf die Meinung von Menschen, vor allem jungen Menschen.“ Die 24-Jährige spricht über die Bildungsinstitute, die wie in der Sowjetunion den Menschen beibringen, keine eigene Meinung zu haben. Sie wundert sich, dass viele in Russland nicht glauben, dass sie die Macht beeinflussen können und deshalb lieber gehorsam sind.

Die junge Frau, um deren fünfjährigen Sohn sich nun die Oma kümmern muss, wird nun eindringlich: „Der Staatsanwalt sprach von der „sogenannten zeitgenössischen Kunst“. Für mich hat dieses Verfahren den Status eines ‚sogenannten Prozesses'. Ich habe keine Angst vor euch! Ich habe keine Angst vor schlecht kaschiertem Betrug im Urteil des sogenannten Gerichts. Denn ihr könnt mir nur die sogenannte Freiheit entziehen – nur solche Freiheit gibt es hier in Russland. Meine innere Freiheit kann mir niemand nehmen“.

Grimmige Gerichtsdiener

Der Applaus im Saal wird von der eisernen Stimme der Richterin unterbrochen. Die Gerichtsdiener schauen grimmig. Als letzte bekommt Jekaterina Samutsewitsch, die dritte Angeklagte, das Wort. Die Rede der 29-jährigen Fotografin ist kurz. Sie spricht davon, wie der Staat und die orthodoxe Kirche in Russland zu einem Gebilde verschmolzen sind. „Wir rechnen mit einem Schuldspruch. Im Vergleich zur mächtigen Justizmaschine sind wir niemand, wir haben verloren. Anders betrachtet aber haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht, dass die Vorwürfe und das Verfahren fabriziert sind. Das System kann nicht den repressiven Charakter dieses Prozesses verheimlichen.“

Applaus brandet auf, als die junge Frau schließt. Als das Klatschen verhallt, setzt die Richterin an. Das Urteil werde am 17. August verlesen. Tolokonnikowa, Alechina und Samutsewitsch werden in Handschellen aus dem Glaskasten geführt.