Ukraine

Berliner Charité-Chef kritisiert Haftumstände Timoschenkos

Ein Charité-Ärzteteam besucht erneut die Oppositionsführerin in Charkow – und erhebt schwere Vorwürfe gegen die ukrainischen Behörden.

Foto: DAPD

Das deutsche Ärzteteam der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko hat schwere Vorwürfe gegen den ukrainischen Justizvollzug erhoben. In einer von Charité-Leiter Karl Max Einhäupl verfassten Erklärung heißt es, die ukrainischen Behörden hätten der ehemaligen Regierungschefin „vom 5. Oktober 2011 bis Mai 2012“ eine angemessene Behandlung verweigert.

Timoschenko sei weiterhin verhandlungsunfähig. Die Politikerin brauche noch mindestens acht Wochen völlige Ruhe, sagte Einhäupl. Das Berliner Ärzteteam, das sich seit Monaten um Timoschenkos Gesundheit kümmert und bislang aus Rücksicht auf deren Privatsphäre kaum Details bekanntgegeben hatte, wehrt sich in der vier Seiten umfassenden Erklärung auch gegen Vorwürfe des ukrainischen Gesundheitsministeriums, die deutschen Ärzte hätten Timoschenko nicht korrekt therapiert und die Behandlungsdauer verzögert. Unterzeichner der Erklärung sind neben Einhäupl auch die Professoren Norbert Haas und Lutz Harms sowie die Ärztin Anett Reißhauer.

Einhäupl, Harms und Reißhauer reisten am Montag nach Charkow. Sie wollten die Erklärung dort den Behörden überreichen. In der Erklärung heißt es, die Haftanstalt habe der 51-Jährigen vorgeworfen, ihre Schmerzen zu simulieren. Diese „von Frau Timoschenko als Behandlungsverweigerung erlebte Unterstellung“ habe ihren Gesamtzustand erheblich beeinflusst. Die chronischen Schmerzen Timoschenkos seien auch psychosomatisch bedingt und verursacht „durch die Überzeugung der Patientin, man wolle sie zermürben und schließlich vernichten“, erläutern die Mediziner.

Durch die mehrmonatige Verzögerung einer angemessenen Behandlung sei „aus einem einfachen Bandscheibenvorfall ein komplexes Schmerzsyndrom“ geworden, kritisieren die Mediziner. Die Gesamtsituation in der Klinik in Charkiw lasse „bei uns Zweifel aufkommen, ob unter diesen Bedingungen eine Restitution überhaupt erreicht werden kann“.

Drei Kameras im Zimmer

In dem 20 Quadratmeter großen Zimmer, in dem Timoschenko liege, seien drei Überwachungskameras installiert und „fünf Rauchmelder an der Decke, deren Funktion von Frau Timoschenko ebenso hinterfragt wird wie die ständige Präsenz einer weiteren Gefangenen im Krankenzimmer“. Bisher habe die Patientin nie allein mit ihren Ärzten sprechen dürfen.

Die Ärzte bescheinigten Timoschenko zudem eine komplexe Hauterkrankung. Es handele sich dabei um eine allergische Reaktion auf Medikamente. Aufgrund der gemeinsamen Behandlung mit den ukrainischen Ärzten könne Timoschenko inzwischen länger sitzen und weitere Strecken mit einer Gehhilfe zurücklegen. Außerdem sei eine „deutliche Besserung der Schmerzen erreicht“ worden.

Timoschenko war 2011 wegen Amtsmissbrauch im Zusammenhang mit Gasgeschäften während ihrer Zeit als Regierungschefin zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Bislang blieben alle Versuche aus dem Ausland fruchtlos, ihre Freilassung zu erreichen.

Unterdessen ist Timoschenko vom wichtigsten Oppositionsbündnis in einem symbolischen Schritt zu seiner Spitzenkandidatin ernannt worden. Die Allianz, der auch Timoschenkos eigene Partei angehört, wählte sie bei einem Kongress am Montag auf den ersten Listenplatz für die Parlamentswahl im Oktober. Timoschenko kann nicht kandidieren, weil sie verurteilt wurde.