Massaker

Syrisches Regime tötet laut Clinton absichtlich Zivilisten

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Gabriela M. Keller

Foto: AFP

Der Angriff auf Treimseh war wahrscheinlich das heftigste Massaker des syrischen Regimes. Die US-Außenministerin findet deutliche Worte.

Noch ist nicht klar, wie viele Menschen bei dem Angriff auf das westsyrische Örtchen Treimseh starben. Derzeit gehen Schätzungen von Oppositionellen von rund 200 Todesopfern aus, vielleicht noch mehr. Wenn sich diese Zahl bestätigt, wäre es das bisher blutigste Massaker seit Beginn des Aufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad vor 16 Monaten. „Wir sind noch dabei, die Toten zu bergen“, sagte ein Aktivist in Treimseh, der sich Ibrahim al-Hamwi nennt. „Bis zu diesem Moment finden wir noch immer neue Leichen. Sie liegen in den Häusern, in den Feldern und im Fluss.“

Bisher haben die Dorfbewohner 80 Tote mit Namen dokumentiert. Die Erfassung geht nur langsam voran, Details gelangen erst allmählich an die Öffentlichkeit. Treimseh, ein kleines sunnitisches Dorf nordwestlich der Stadt Hama, 10.000 Einwohner, liegt in einer abgelegenen, ländlichen Region. Internetanschlüsse gibt es kaum, selbst Aktivisten in anderen Städten fällt es schwer, Informationen zusammenzutragen. Ibrahim al-Hamwi zählt zu den wenigen, die dort zu erreichen sind. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Aktivisten, die sich in den vergangenen Monaten als glaubwürdig erwiesen haben, stammt Ibrahim al-Hamwi aus Treimseh und hält sich nach wie vor in dem Dorf auf. Dennoch lässt sich das, was er sagt, nicht zweifelsfrei prüfen.

Clinton: „unbestreitbare Beweise“

Laut US-Außenministerin Hillary Clinton gibt es „unbestreitbare Beweise“ für den absichtlichen Mord von Zivilisten durch das syrische Regime bei dem Blutbad.

„So lange das Regime von (Präsident Baschar al-)Assad den Krieg gegen das syrische Volk fortführt, muss die internationale Gemeinschaft den Druck erhöhen“, sagte sie. Der UN-Sicherheitsrat müsse deutlich handeln und dem Regime mit klaren Konsequenzen drohen. „Die Geschichte wird diesen Rat beurteilten“, sagte sie. „Seine Mitglieder müssen sich selbst fragen, ob sie als Vermächtnis hinterlassen wollen, dem Assad-Regime die Fortsetzung der unaussprechlichen Gewalt gegen das eigene Volk erlaubt zu haben.“

In der Provinz Hama stationierte UN-Beobachter hätten bestätigt, dass es am Donnerstag in der Region um Treimseh zu Kämpfen gekommen sei, sagte der Leiter der Mission, Robert Mood. Dabei seien Artillerie, Panzer und Helikopter zum Einsatz gekommen. Die Blauhelme „stünden bereit“, den Tatort zu untersuchen, „falls und wenn es eine glaubwürdige Waffenruhe gibt“. Die rund 300 UN-Beobachter hatten ihren Einsatz vor einem Monat wegen zunehmender Gewalt unterbrochen, halten sich aber weiter in Syrien auf.

Zugleich äußerte auch der UN-Sondergesandte Kofi Annan ungewöhnlich scharfe Kritik an der Führung in Damaskus: „Ich bin geschockt und entsetzt über die Nachrichten, die aus dem Dorf Treimseh kommen. Das ist eine klare Verletzung der Verpflichtung der Regierung, den Einsatz schwerer Waffen in besiedelten Gebieten einzustellen.“ Die Bundesregierung forderte eine Untersuchung. Die syrische Regierung müsse den UN-Beobachtern „unverzüglich“ Zugang zu dem Ort Treimseh gewähren, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag.

Nach Angaben von Aktivisten begannen Regierungsstreitkräfte bei Tagesanbruch, sich um Treimseh zusammenzuziehen. „Um fünf Uhr früh erhielten wir erste Informationen, dass Assads Truppen einen Angriff vorbereiten“, sagt Ibrahim al-Hamwi. „Sie kreisten Treimseh von Norden, Süden, Westen und Osten ein und eröffneten um sechs Uhr das Feuer. Alle Wege waren abgeriegelt, niemand konnte entkommen.“ Die Armee habe den Ort mit Panzergranaten bombardiert. Hubschrauber kreisten zwar am Himmel, aus ihnen sei aber nicht geschossen worden. Die Angriffe sollen sich auf eine Grundschule konzentriert haben, die von Kämpfern der Freien Armee Syriens (FSA) als Basis genutzt wurde. Allerdings seien auch die umliegenden Siedlungen wahllos beschossen worden.

In dem Ort soll es etwa 250 bewaffnete Rebellen gegeben haben. Als die Armee gegen elf Uhr von Norden und Westen in das Dorf vorrückte, sei es zu schweren Gefechten mit den Rebellen gekommen. Dann zogen sich die Aufständischen zurück. Nachdem die Anwohner dem Ansturm nichts mehr entgegenzusetzen hatten, drangen Schabiha-Milizionäre aus den benachbarten Alawiten-Dörfern Al Safsafia und Tel Skien in Treimseh ein, sagt al-Hamwi. „Sie brachen in die Häuser ein, steckten Gebäude in Brand und richteten die Menschen regelrecht hin.“

Das Assad-Regime dagegen verbreitet eine ganz andere Fassung der Geschichte: Dutzende von „Terroristen“ hätten Treimseh überrannt, rund 50 Anwohner sowie drei Soldaten getötet und Häuser in die Luft gesprengt, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Sana.

Zuvor hatte sich der UN-Sicherheitsrat in New York versammelt, um das weitere Vorgehen in Syrien zu diskutieren. Dabei legten sowohl die USA als auch Russland Entwürfe für eine UN-Resolution vor. Der Entwurf aus Washington droht mit strengen Sanktionen, sofern das Regime sich nicht innerhalb von zehn Tagen an eine Waffenruhe hält und seine Armee abzieht. Der russische Entwurf dagegen sieht vor, die Mission zu verlängern – ohne Sanktionen. Eine Einigung muss gefunden werden, ehe die Mission am 20. Juli ausläuft.

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