Wahl am Nil

Islamist Mursi ist erster frei gewählter Präsident Ägyptens

Der Kandidat der Muslimbruderschaft hat sich gegen Ex-Minister Schafik durchgesetzt. Doch ein Ende des Machtkampfes ist nicht abzusehen.

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Ein Islamist wird Ägyptens erster frei gewählter Präsident: Der Kandidat der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, setzte sich in der Stichwahl mit knappem Vorsprung gegen den früheren Luftwaffenchef Ahmed Schafik durch.

Damit behaupteten die religiös konservativen Muslimbrüder ihre führende Position auch in der Präsidentenwahl. Nach Angaben der staatlichen Wahlkommission vom Sonntag vereinigte der Kritiker des früheren Mubarak-Systems rund 52 Prozent der Stimmen auf sich. Das neue Staatsoberhaupt soll am 1. Juli sein Amt in dem bevölkerungsreichsten arabischen Land antreten.

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses brachen tausende Anhänger der Bruderschaft auf dem Tahrir-Platz in Jubel aus. Auf dem Platz im Zentrum Kairos begann vor einem Jahr der Volksaufstand gegen den damaligen langjährigen Machthaber Husni Mubarak.

"Der Kampf für ein neues Ägypten fängt gerade erst an"

Mursis Anhänger schwenkten Fahnen und riefen „Allahu Akbar!“ (Gott ist groß). Die Bruderschaft begrüßte das Wahlergebnis in einer ersten Reaktion. Es zeige der Welt, dass die Ägypter ihren freien Willen bekunden könnten, sagte ein Sprecher der Muslimbrüder. „Die friedlichen Proteste werden auf den Plätzen und in ganz Ägypten weitergehen. Der Kampf für ein neues Ägypten fängt gerade erst an“, kündigte ein weiterer Vertreter der Bewegung an.

Der 60-jährige Mursi hatte im Wahlkampf den rund 80 Millionen Ägyptern eine „Renaissance“ auf der Grundlage islamischer Werte in Aussicht gestellt. Er versprach, die Menschenrechte zu achten und das Land in eine neue demokratische Ära mit einer transparenten Regierung zu führen. Mursi studierte Ingenieurswissenschaften in Kairo und promovierte später in den USA. Viele Ägypter und vor allem die christliche Minderheit in dem nordafrikanischen Land misstrauen ihm. Unter der Herrschaft Mubaraks waren die Muslimbrüder lange verfolgt. Viele von ihnen wurden eingesperrt. Auch Mursi wurde mehrmals von Mubaraks Sicherheitskräften im Gefängnis festgesetzt.

Polizei und Militär ist auf Unruhen vorbereitet

Polizei und Militär waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen auf gewaltsame Auseinandersetzungen vorbereitet. Unmittelbar vor der Bekanntgabe des Wahlergebnisses war es auf den Straßen der Hauptstadt still. Die Geschäfte blieben trotz des ersten Werktags der Woche geschlossen und die Menschen in ihren Häusern.

Allerdings dürften auch mit der Entscheidung für Mursi die Machtkämpfe zwischen dem herrschenden Militärrat, den Islamisten und Kräften des arabischen Frühlings nicht aufhören. Die erste freie Wahl eines Präsidenten sollte das Ende der seit sechs Jahrzehnten bestehenden Dominanz der Streitkräfte einläuten. Doch kurz vor Toresschluss beschnitt der Militärrat die Befugnisse des Amtes und ließ das von islamistischen Parteien dominierte Parlament auflösen. Mehr als ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks ist damit das künftige Machtgefüge unklar.

Um Betrugsvorwürfen nachzugehen, hatte die Wahlkommission die ursprünglich für Donnerstag geplante Bekanntgabe des Ergebnisses auf Sonntag verschoben. Hinter der Verzögerung vermuteten viele Ägypter – geprägt durch Wahlfälschungen in rund 60 Jahren Herrschaft durch Militärs – den Versuch der Streitkräfte, sich der Forderung nach Demokratie mit aller Macht zu entziehen.

Mubarak noch immer im Koma

Der frühere General Schafik war der letzte Regierungschef unter dem gestürzten Präsidenten Mubarak. Viele Ägypter sehen den 70-Jährigen als Vertreter des alten Regimes. Wie Mursi hatte er sich im Vorfeld der Bekanntgabe des Wahlergebnisses zum Sieger erklärt.

Der Gesundheitszustand des früheren Machthabers Mubarak hatte sich zuletzt dramatisch verschlechtert. In den Sicherheitsbehörden hieß es, der 84-Jährige falle immer wieder ins Koma, der Zustand stabilisiere sich aber. Viele Ägypter verdächtigen die Generäle jedoch, die Verfassung ihres langjährigen und mittlerweile zu lebenslanger Haft verurteilten Weggefährten zu dramatisieren, um ihm das Gefängnis zu ersparen.