Liste der Schande

UN-Bericht wirft grausames Bild auf Lage syrischer Kinder

Menschliche Schutzschilde: Die Vereinten Nationen haben das Los von Kindern in Syrien untersucht – und furchtbare Details enthüllt.

Ein UN-Bericht hat ein erschreckendes Bild auf die Lage der Kinder in Syrien geworfen. Erstmals haben die Vereinten Nationen das Land auf eine Liste mit Staaten gesetzt, in denen Kinder in bewaffneten Konflikten getötet, sexuell angegriffen und rekrutiert werden. Ebenfalls neu auf der „Liste der Schande“ sind Jemen und der Sudan, teilte die UN-Sondergesandte für Kinder und bewaffnete Konflikte, Radhika Coomaraswamy, am Montag in New York mit. Schwere Vorwürfe erhob am Montag auch das US-Außenministerium, das der Regierung in Damaskus vorwarf sich „neuer schrecklicher Taktiken“ zu bedienen.

Sowohl reguläre syrische Truppen als auch die mit ihnen verbündete Schabiha-Miliz hätten sich Übergriffe auf Kinder zuschulden kommen lassen, hieß es in einem am Montag in New York vorgelegten Bericht. Selbst neunjährige Jungen und Mädchen seien unter den Opfern, seien getötet, verstümmelt, willkürlich verhaftet, gefoltert, sexuell misshandelt und als menschliche Schutzschilde missbraucht worden. „In fast allen aufgezeichneten Fällen waren Kinder unter den Opfern von Militäroperationen der Regierungstruppen - einschließlich der Streitkräfte, der Geheimdienste und der Schabiha-Miliz – im Konflikt mit der Opposition“, schreiben die Autoren des UN-Berichts über 2011, der von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vorgelegt wurde.

In dem Report schildert ein Zeuge den Angriff auf das Dorf Ayn l'Arus in Provinz Idlib am 9. März dieses Jahres. Dabei seien mehrere Dutzend Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 13 Jahren gewaltsam aus ihren Häusern geholt und „von Soldaten und Milizangehörigen als menschliche Schutzschilde benutzt worden, indem man sie an den Fenstern von Bussen platzierte, die Streitkräfte zum Angriff auf das Dorf transportierten“.

Die Welt führt Buch über Gewalt

Schulen würden regelmäßig angegriffen, als Militärbasen und Gefängnisse genutzt. Als Gefangene würden Mädchen und Jungen geschlagen, ausgepeitscht und Elektroschocks ausgesetzt.

Nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen wurden seit Beginn des Konflikts im März 2011 mindestens 1200 Kinder in Syrien getötet. Die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London sprechen von insgesamt 14.000 Toten.

In dem von der UN-Beauftragten für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy, erstellten Bericht werden 52 verschiedene Gruppierungen und Konfliktparteien genannt, die in etlichen Ländern Minderjährige misshandeln, missbrauchen oder gar töten. 32 dieser Gruppierungen werden bereits seit fünf Jahren auf dieser „Liste der Schande“ genannt – unter anderem weil sie Kinder rekrutieren, töten, verletzten oder sexueller Gewalt aussetzen.

Erstmals werden mehrere Organisationen genannt, die Schulen oder Krankenhäuser angegriffen haben. Die Liste wird jedes Jahr auf der Basis einer 1998 vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution zur Verfolgung des Missbrauchs von Kindern in bewaffneten Konflikten zusammengestellt.

„Wir müssen Druck auf diese Gruppierungen ausüben – durch Sanktionen oder andere Aktionen des Sicherheitsrates und durch engere Kooperation mit nationalen und internationalen Gerichten“, forderte Coomaraswamy.

Zu Syrien sagte sie: „Die Welt führt auch exakt Buch über Gewalt, die in Syrien gegen Zivilisten verübt wird, und ich bin zuversichtlich, dass diese Verbrechen nicht unbestraft bleiben.“

USA befürchten weiteres Massaker

Ban zeigte sich tief besorgt über die „inakzeptable hohe und wachsende Zahl“ langjähriger staatlicher Gewalt gegen Kinder.

Coomaraswamy sagte, die Konflikte im vergangenen Jahr in Syrien und Libyen hätten dort Leid über viele Kinder gebracht. In anderen Teilen der Welt sei die Gewalt gegen Jungen und Mädchen beendet worden. Aber die sogenannte Liste der Schande sei immer noch viel zu lang.

Derweil äußerte sich das US-Außenministerium am Montag besorgt über Berichte, wonach das syrische Regime in der Provinz Latakia „möglicherweise ein weiteres Massaker organisiert“. UN-Beobachtern war zuvor der Zutritt verwehrt worden. Aktivisten berichteten am Montag von mehr als 50 Toten bei Kämpfen in den Provinzen Homs, Idlib und Latakia.

In der ostsyrischen Stadt Deir el Sur kamen nach Angaben von Aktivisten am Dienstag bei einem Mörserangriff auf eine Gruppe von Demonstranten mindestens zehn Menschen ums Leben. Die Kundgebung habe sich gerade aufgelöst, als sich der Angriff ereignete, teilten die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte und die Örtlichen Koordinationskomitees mit. Erst am Montagabend waren in Deir el Sur nach Angaben der Aktivisten mehr als zehn Menschen bei der Explosion einer Autobombe getötet worden.