50 Jahren Haft

Kritik aus Afrika an Urteil gegen Charles Taylor

Terror, Mord, Vergewaltigung: Taylor soll für fünf Jahrzehnte hinter Gitter. Das Strafmaß stößt allerdings nicht überall auf Zustimmung.

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Jubel in Sierra Leone für die Richter in Den Haag: Charles Taylor soll für fünf Jahrzehnte hinter Gitter. In der Hauptstadt Freetown verfolgte eine Menschenmenge live die mit Spannung erwartete Verkündung des Strafmaßes.

Viele Menschen, die in dem blutigen Bürgerkrieg Gliedmaßen oder Familienagehörige verloren hatten, begrüßten das Strafmaß. „Ich bin froh, dass Taylor jetzt für das Geschehene leiden muss“, sagte Jacqueline Krumah am Telefon der Nachrichtenagentur dpa. Wie so viele andere wird die 55-Jährige nie über das Trauma des Krieges hinwegkommen: Keiner ihre vier Söhne hat den Konflikt überlebt. „Ich persönlich sehe dies als schönen Tag für Sierra Leone.“

Kindersoldaten finden Strafmaß zu hoch

In Taylors Heimatland Liberia sieht die Sache anders aus. Dort hatten seine Anhänger bis zuletzt darauf gehofft, dass der charismatische Politiker nach Monrovia zurückkehrt. Vor allem zu Beginn seiner Präsidentschaft 1997 war er ein beliebtes Staatsoberhaupt. Ein großer Teil der Bevölkerung verehrte ihn wie einen Rockstar. Einer der Gründe hierfür ist, dass nur wenige Hunger litten, nachdem Taylor die Preise für Reis subventionieren ließ.

Selbst ehemalige liberianische Kindersoldaten, die loyal an Taylors Seite kämpften, finden das Strafmaß zu hoch: „Das Gericht hat gesagt, 80 Jahre seien zu viele, aber Taylor ist ein alter Mann. Für ihn sind 50 Jahre kein Unterschied“, sagte der heute 30-jährige Tallboy Tuesday. „Ich finde die Strafe zu hoch.“

Taylor als Sündenbock

Auch manche Experten meinen, dass Taylor als Sündenbock dienen musste. Denn in Sierra Leone herrschte Krieg, und im Krieg gelten andere Regeln als in Friedenszeiten. Viele haben unvorstellbare Bluttaten begangen – Politiker, Rebellen, normale Bürger, ja selbst Kinder.

Wenn man einzelne Täter herauspicke, erwecke dies den Eindruck, man verfolge persönliche oder politische Ziele, meint der liberianische Menschenrechtsexperte Joseph Sherman. Er fügt hinzu: „Gerechtigkeit hat nichts mit einer einzelnen Person zu tun, sondern muss als Ganzes betrachtet werden. In Liberia und Sierra Leone hat jeder irgendwas Schlimmes getan, das ist eben Krieg.“

Der liberianische Ex-Diktator Charles Taylor ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 50 Jahren Haft verurteilt worden. Dieses Strafmaß verkündeten die Richter des UN-Sondertribunals für Sierra Leone am Mittwoch in Leidschendam bei Den Haag. Die Zeit seit Taylors Festnahme im Jahr 2006 wird vom Strafmaß abgezogen.

Taylors Anwälte wollen die Entscheidung anfechten

Die Richter hatten bereits Ende April entschieden, dass das frühere Staatsoberhaupt eine Mitschuld an Grausamkeiten des Bürgerkriegs im westafrikanischen Sierra Leone trägt. Der damalige Präsident Liberias unterstützte die dortigen Kriegsherren. Bezahlen ließ er sich mit „Blutdiamanten“.

Taylors Anwälte wollen die Entscheidung anfechten, die Staatsanwaltschaft erwägt ebenfalls eine Berufung. Chefanklägerin Brenda Hollis hatte eine Strafe von 80 Jahren Gefängnis gefordert.

Der Richterspruch bedeutet für den 64-jährigen ehemaligen Rebellenführer und Politiker „lebenslang“. Taylor ist das erste ehemalige Staatsoberhaupt, das seit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg von einem internationalen Gericht verurteilt wurde.

Die elf Anklagepunkte, deren Taylor schuldig gesprochen wurde, „sind außerordentlich gewichtig, was die Größenordnung und Brutalität der Taten angeht“, sagte Richter Richard Lussick bei der Verlesung des Urteils.

Mammutprozess mit über hundert Zeugen

In dem mehr als zehnjährigen Konflikt in Sierra Leone mordeten, vergewaltigten und verstümmelten die Milizen die Bevölkerung und zwangen Kinder zum Dienst als Soldaten. Taylor musste sich für seine Rolle im Zeitraum zwischen November 1996 und Januar 2002 verantworten.

Taylors Anwalt Courtenay Griffiths verurteilte die Entscheidung des Gerichts mit harten Worten und sprach von selektiver Rechtsprechung: „Die Starken können tun, was sie wollen aber die Armen und Schwachen müssen sich in Acht nehmen – sonst fühlen sie die volle Wucht der internationalen Strafgesetze“. Er erinnerte an Syriens Baschar al-Assad, der trotz jüngsten Berichten von Massakern weiter im Amt ist.

Der Mammutprozess mit über hundert Zeugen hatte im Juni 2007 begonnen. In den Zeugenstand traten auch Prominente wie der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela, die US-Schauspielerin Mia Farrow und das britische Top-Model Naomi Campbell. Letztere hatte bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Kapstadt Diamanten geschenkt bekommen, die laut Anklage von Taylor stammten. Sie kenne die Herkunft der Edelsteine nicht, sagte Campbell aus