Proteste

Zehntausende Jugendliche gehen in Spanien auf die Straße

Die "Empörten" demonstrieren wieder - Spanien hält die Keimzelle der "Occupy"-Bewegung mit großem Polizeiaufgebot unter Kontrolle.

Sie sind wieder da. Am Wochenende gingen Zehntausende von Spaniens „Empörten“ in den großen Städten des Landes auf die Straße, um für mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Demokratie und gegen die jüngsten Sozialkürzungen sowie die Allmacht der Banken zu protestieren. Nach Angaben der Veranstalter protestierten allein in Madrid und Barcelona mehrere Hunderttausend Menschen, das Innenministerium bezifferte die Zahl auf 75.000 in den beiden Städten.

In Madrid, wo die „Spanish Revolution“ am 15. Mai letzten Jahres geboren wurde, wachte ein riesiges Polizeiaufgebot über den friedlichen Verlauf der Kundgebungen, deren Dauer von der Stadtverwaltung auf maximal 35 Stunden in vier Tagen begrenzt worden war. „Jetzt wollen sie uns nicht einmal mehr unseren Jahrestag feiern lassen“, schimpfte die Biologiestudentin Elena Ramos (24) über die Auflagen aus dem Rathaus. An der Puerta del Sol wachten 2000 Polizisten, darunter viele Spezialeinsatzkräfte, darüber, dass keine neue Zeltstadt an dem symbolträchtigen Ort errichtet wird. Ab Mitternacht galt sogar ein Versammlungsverbot, was von den Demonstranten mit einem Pfeifkonzert quittiert wurde.

Die Polizei griff erst in den frühen Morgenstunden ein, als die meisten Teilnehmer nach Hause gegangen waren, und ließ den Platz räumen. Es kam zu Schlägereien, insgesamt wurden vier Personen, darunter zwei Polizisten, verletzt, 18 Demonstranten wurden verhaftet. „Sie haben gewartet, bis die Journalisten nach Hause gegangen waren“, so Adrian González, ein arbeitsloser Architekt.

In der Tat haben Spaniens Politiker offenbar Angst vor neuen Negativschlagzeilen im Ausland. Man fürchtet Bilder von Ausschreitungen und brennenden Containern, die an griechische Verhältnisse erinnern könnten, schreibt „El País“. Bei dem Treffen der Europäischen Zentralbank Anfang Mai in Barcelona wurden sogar 8000 Polizisten mobilisiert und das Schengen-Abkommen zeitweilig außer Kraft gesetzt, um anreisende Demonstranten besser kontrollieren zu können.

Vor einem Jahr hatte das improvisierte Zeltlager im Herzen von Madrid international für Schlagzeilen gesorgt und eine Lawine ins Rollen gebracht. Der Protest fand in vielen Hauptstädten rund um den Globus schnell Nachahmer und mündete in der „Occupy“-Bewegung. Am Wochenende kam es zu Solidaritätskundgebungen in vielen Städten der Welt, darunter Brüssel, London, Berlin und Tel Aviv.

„Es hat sich wenig geändert in einem Jahr, nur dass die Aussichten auf einen Job noch schlechter geworden sind“, bilanziert Elena bitter. Da hat sie recht. Inzwischen ist die Arbeitslosenquote bei den unter 24-Jährigen auf 50 Prozent gestiegen, vor einem Jahr waren es noch 45 Prozent. Angesichts der katastrophalen Lage auf dem Arbeitsmarkt zieht es viele junge Spanier ins Ausland, vorwiegend nach Deutschland, England oder Norwegen.

Doch fehlende Sprachkenntnisse setzten dem Experiment oft vorzeitig ein Ende. „Eine ganze Generation droht verschlissen zu werden“, bilanziert der Psychologe Manuel Ruiz. Besonders schwer nachzuvollziehen sei die Sparpolitik der Regierung, die Milliardenkürzungen im Bildungs- und Gesundheitssystem durchsetzt, während wieder neue Milliarden für den angeschlagenen Bankensektor mobilisiert werden.

Bei den Protesten am Wochenende waren diesmal auch viele Menschen mittleren Alters und Rentner dabei. Doch nicht alles sind schlechte Nachrichten. „Die Krise hat auch eine positive Seite“, sagt Isabel Pérez Gallardó (47). „Wir Spanier rücken wieder enger zusammen, und das ist auch eine Revolution.“