China

Bürgerrechtler Chen will mit Clinton in die USA reisen

Weil er um sein Leben und das seiner Familie fürchtet, will Chen Guangcheng unter dem Schutz der US-Außenministerin China verlassen.

Der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng hat der amerikanischen Botschaft in Peking am Donnerstag den Wunsch übermittelt, jetzt doch in die USA ausreisen zu wollen. Wie sein Freund, der Bürgerrechtsanwalt Teng Biao, am Donnerstag über den Kurznachrichtendienst Twitter berichtete, habe der Aktivist der Botschaft am Telefon die Gründe für seinen Meinungswechsel erklärt.

In einem Telefoninterview mit der Pekinger „Newsweek“- und „Daily Beast“-Korrespondentin äußerte Chen Guangcheng die Bitte, unter dem Schutz von US-Außenministerin Hillary Clinton das Land verlassen zu können. „Meine größte Hoffnung ist, dass es für mich und meine Familie möglich wäre, mit Clintons Flugzeug in die USA zu fliegen.“

Er sei in der US-Botschaft unter „enormen Druck“ von US-Vertretern geraten – „nicht denen von der Botschaft, sondern anderen“, fügte er offenbar unter Hinweis auf angereiste Regierungsbeamte hinzu. „Ich war isoliert“, sagte der 40-Jährige. „Dann hörte ich von den Drohungen, dass meine Frau nach Shandong zurückgeschickt würde, wenn ich die Botschaft nicht verlasse. So bin ich gegangen.“

Chen Guangcheng ist nach den Worten von US-Botschafter Gary Locke nicht gezwungen worden, die diplomatische Vertretung der USA in Peking zu verlassen. Er könne eindeutig sagen, dass auf Chen kein Druck ausgeübt worden sei, erklärte Locke am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Chen habe zwei Mal mit seiner Frau telefoniert, bevor er die Botschaft verlassen habe.

Der Dissident fürchtet jedoch nach eigener Aussage um sein Leben und will deshalb die Volksrepublik so schnell wie möglich verlassen. Chen sagte am Mittwoch dem TV-Sender CNN, er fühle sich von der Regierung in Washington im Stich gelassen. In der US-Vertretung sei ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt worden, sagte Chen laut Bericht des Senders. Nach einem Gespräch mit seiner Frau habe er erfahren, wie sie behandelt worden sei. Nun fürchteten beide um ihre Sicherheit.

Das US-Außenministerium bestätigte diese Darstellung: „Amerikanische Gesprächspartner machten deutlich, dass chinesische Offizielle uns gegenüber darauf verwiesen hätten, dass seine Familie nach Shandong zurückgebracht werde und sie die Möglichkeit verlören, eine Wiedervereinigung auszuhandeln, falls Chen sich entscheide, in der Botschaft zu bleiben“, sagte Sprecherin Victoria Nuland.

Zu den länger geplanten Gesprächen sind US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner nach China gereist. Auf chinesischer Seite nehmen der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Wang Qishan und der oberste Außenpolitiker, Staatsrat Dai Bingguo, teil. Im Mittelpunkt stehen neben Handels- und Währungsfragen auch der Konflikt in Syrien, die Atomstreitigkeiten mit dem Iran und Nordkorea sowie die jüngsten Spannungen zwischen China und den Philippinen um strittige Seegebiete im Südchinesischen Meer.

In dem CNN-Interview appellierte der Bürgerrechtler an US-Präsident Barack Obama, „alles zu tun“, um ihn und seine Familie aus China herauszubringen. Nach seiner Flucht aus 19 Monaten Hausarrest habe die Polizei seine Frau zwei Tage lang an einen Stuhl gefesselt. „Dann brachten sie Knüppel und drohten, sie zu Tode zu prügeln.“ Er sei gewarnt worden, dass seine Frau und seine zwei Kinder von Peking wieder in die Heimatprovinz Shandong gebracht würden, wenn er die Botschaft nicht verlasse. „Sie sagten, sie würden sie zurückschicken und Leute würden sie verprügeln.“

Ursprünglich hatte Chen Guangcheng in China bleiben und kein Asyl in den USA beantragen wollen. Chinas Regierung hatte dem 40-Jährigen nach US-Angaben versprochen, mit seiner Familie an einen „sicheren Ort“ umsiedeln und ein Studium aufnehmen zu können. Doch Menschenrechtsgruppen warnten, dass diesen Zusicherungen nicht vertraut werden könne. Chen Guangcheng begründete seinen plötzlichen Meinungswechsel im Krankenhaus mit der Angst um sich und seine Familie. „Es kann alles passieren“, sagte Chen Guangcheng dem US-Sender.