Julia Timoschenko

Das Spiel mit dem EM-Boykott in der Ukraine

Der politische Druck auf die Ukraine wegen Julia Timoschenko steigt. Mancher will die EM verlegen – oder gleich ganz fernbleiben.

Foto: Tass

Nach zwölf Tagen Hungerstreik wachsen die Sorgen um den Zustand von Julia Timoschenko. Der Ehemann der inhaftierten Oppositionsführerin der Ukraine, Oleksandr Timoschenko, wandte sich an seine Frau „mit der Bitte, den Hungerstreik zu beenden“. Eine dauerhafte Schwächung oder gar ihr Tod könne nur Präsident Viktor Janukowitsch in Kiew gefallen, sagte der Mann, der in Tschechien politisches Asyl erhalten hat.

Auch der orthodoxe Gemeindepriester der Kiewer Wladimir-Kathedrale, Boris Tabatschek, und die Oppositionspartei des Box-Weltmeisters Vitali Klitschko baten Julia Timoschenko, den Hungerstreik abzubrechen. US-Außenministerin Hillary Clinton und der scheidende russische Präsident Dmitri Medwedjew kritisierten den Umgang der Beamten mit der inhaftierten Frau.

Die an einem Bandscheibenvorfall leidende Oppositionsführerin verbüßt in Charkow eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Die Justiz bereitet derzeit einen weiteren Prozess wegen mutmaßlicher Steuervergehen vor. In diesem Fall drohen ihr weitere zwölf Jahre Haft. Die EU kritisiert die Inhaftierung Timoschenkos als politisch motiviert.

Derweil wird in Deutschland weiter debattiert, ob die in Polen und der Ukraine geplante Fußball-EM stattfinden soll. Neben Boykottplänen tauchten Vorschläge auf, die Spiele zu verlegen, etwa nach Deutschland. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wies solche Ideen zurück. „Mit dem Gedanken einer Verlegung nach Deutschland beschäftigen wir uns keine Sekunde. Die Menschen in der Ukraine haben diese EM verdient“, sagte Niersbach. Auch die Uefa als Veranstalter lehnte eine Verlegung kategorisch ab.

Wundern über Deutschland

Nach langem Zögern äußerte sich jetzt die ukrainische Regierung zur Debatte. Sie hoffe, dass deutsche Politiker nicht beabsichtigten, „Methoden wie im Kalten Krieg wieder aufleben zu lassen und den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen“, sagte Außenamtssprecher Oleh Woloschyn. Medienberichte über einen EM-Boykott durch Politiker der Bundesregierung seien hoffentlich falsch.

In Polen, Mitveranstalter der EM, beginnt man, sich über die deutsche Debatte zu wundern. Das Außenministerium sieht „derzeit absolut keinen Grund, über einen Boykott nachzudenken“. Frau Timoschenko habe immer wieder dazu aufgerufen, „ihr zu helfen, ohne der Ukraine zu schaden, und wir wollen dieser Linie treu bleiben“, sagte der Ministeriumssprecher.

Hilft ein Fernbleiben Timoschenko

Pawel Kowal, Chef des EU-Ukraine-Ausschusses im Europaparlament, sagte, es sei inzwischen „in Europa Mode geworden, ohne Sinn und Verstand auf die Ukraine einzudreschen“. Die „geradezu italienisch anmutende Debatte in Deutschland“ erstaune ihn. Wenn „unsere Verbündeten in Brüssel, Berlin und Paris“ einen Boykott der gemeinsamen Fußball-EM diskutierten, müsse auch die Regierung in Warschau reagieren. Natürlich sei Kritik am Umgang mit der Opposition in der Ukraine berechtigt, sagte Kowal, der Timoschenko als einziger Europa-Abgeordneter im Gefängnis besucht hatte. „Aber wird es Julia besser gehen, wenn keine deutschen Politiker in ihr Land reisen?“

Die EM, so der Politiker, sei „das größte Sportereignis in der Geschichte Polens, ganz zu schweigen von der doppelten Dimension zusammen mit der Ukraine“. Ein Boykott würde „Millionen Menschen, die sich darauf vorbereiten, vor den Kopf stoßen“. Es gehe darum, Präsident Janukowitsch „mit Druck hinter den Kulissen andere Wege aufzuzeigen“. Kowal lobte die Strategie der Bundesregierung, die auf eine Freilassung Timoschenkos aus humanitären Gründen setzt. Ein EM-Boykott sei jedoch eine Waffe aus einem anderen Arsenal. „Und wenn wir hier boykottieren, was machen wir dann mit den nächsten Sport- und Kulturveranstaltungen in Weißrussland, Russland und China?“ fragte Kowal.

Boykott führt zu Isolation

Auch prominente Kritiker der Regierung in Kiew wandten sich gegen einen Boykott. Oksana Sabuschko, die bekannteste Schriftstellerin des Landes, sagte: „Ein Boykott würde die Ukraine international isolieren und restlos unter den Einfluss Russlands bringen, wogegen wir ja kämpfen.“ Und: „Er würde die Zone des Autoritarismus im Osten Europas ausweiten. Dagegen würde die EM die Informationsmauer, die unser Land vom Westen trennt, durchbrechen und zu mehr Gemeinsamkeit und gemeinsamer Sicherheit in Europa beitragen.“ Ihr Kollege Juri Andruchowytsch urteilt weniger kategorisch: „Zum Boykott habe ich keine klare Meinung. In die Isolation rutschen wir, Dank dem regierenden Klüngel, sowieso. Ob vor oder nach der EM, macht dann keinen großen Unterschied.“

Bundespräsident Joachim Gauck hatte bereits eine für Mai geplante Reise zu einem Treffen mehrerer mitteleuropäischer Präsidenten in der Ukraine abgesagt. Auch der tschechische Präsident Vaclav Klaus wird wegen Timoschenko nicht dabeisein. Ebenso abgesagt hat der österreichische Präsident Heinz Fischer.