Norwegen

Wie Ida Knudsen das Massaker von Utøya überlebte

Am Montag beginnt der Prozess gegen den Attentäter Anders Breivik. Ida Knudsen wird dabei sein. Sie hat das Massaker überlebt.

Foto: Tom A. Kolstad / Aftenposten

Das Leben schien verheißungsvoll und spannend zu sein, als Ida Sandvik Knudsen am 20. Juli 2011 an der Bushaltestelle in Sandvika stand, um nach Utøya zu fahren. Zusammen mit Freunden aus der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF zog sie los, um zum ersten Mal Zeltlager, Politik und Lagerfeuerromantik auf der Insel, die der Arbeiterpartei gehört, zu genießen. Gespräche, Sommer, Sonne, Regen. Vielleicht ein Flirt. Genauso hatte es sich die 17-jährige AUF-Vorsitzende des Distrikts Bærum bei Oslo ausgemalt. Das Leben, ein Spiel. Und so sollte es auch sein – bis zum 22. Juli, kurz nach 17 Uhr.

Ida geht zu diesem Zeitpunkt zusammen mit einem Freund an den Kai auf Utøya, um Håkon zu treffen, ihren stellvertretenden Vorsitzenden des AUF-Distrikts. Er trifft mit derselben Fähre ein, die auch Anders Behring Breivik nimmt. „Den habe ich gar nicht wahrgenommen, ich habe nur Håkon gesehen mit seinem komischen Regenponcho“, lacht Ida. „Es war gut, ihn zu sehen, wir haben uns ein bisschen unterhalten. Danach haben sich unsere Wege getrennt.“

Ein Mann in Schwarz

Plötzlich hört sie Schüsse. Sie steht mit den anderen zwischen den Zelten in Gummistiefeln, Pyjamahose und Kapuzenpulli. Etwa 30 Meter entfernt sieht Ida einen schwarz gekleideten Mann. Sie glaubt, dass es ein Polizist ist, weil er so ruhig und bestimmt geht. Ein Junge läuft ihm entgegen. Der Mann in Schwarz richtet die Pistole auf ihn, hält sie mit beiden Händen fest, zielt und schießt ihn nieder. Panik bricht aus, Menschen rennen wild durcheinander, Schreie hallen über die Insel.

Ida tanzt für ihr Leben gern, sowohl klassisch als auch Jazzdance, sie ist sportlich und athletisch. In der nächsten Stunde wird die junge Frau ihre Stärken benötigen. Sie wird laufen, um ihr Leben rennen, so schnell, wie sie es vorher nie für möglich gehalten hätte. Sie wird ihre Geschicklichkeit brauchen, um sich immer neue Verstecke zu suchen, ihre Ruhe, um nicht zu schreien oder hysterisch zu werden. In der nächsten Stunde wird sie lernen, den Tod zu akzeptieren und den Schmerz fühlen, sich nicht mehr von ihrem Vater, der Mutter, den Schwestern Hedda (10) und Kaja (13) und ihrem Hund Maya verabschieden zu können. Die nächste Stunde wird alles verändern.

„Innerhalb einer Stunde wurde ich erwachsen, das habe ich erst in den vergangenen Monaten verstanden“, sagt Ida. „Ich hänge sehr an meiner Mama und meinem Papa, an der Familie, und weiß zu schätzen, was sie alles für mich tun. In gewisser Weise ist es jetzt einfacher für mich, offen mit ihnen zu reden. Wir sprechen mehr miteinander. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich überlebt und eine neue Chance bekommen habe. Die nutze ich, um für bestimmte Dinge mehr Zeit zu verwenden. Ich stresse mich nicht mehr so sehr mit den Zensuren und dem Leistungsdruck in der Schule. Es ist das Leben, das zählt, am Leben zu sein.“

Ida läuft ans Ufer und sieht, wie sich dort viele ausziehen und ins Wasser gehen, um wegzuschwimmen. Andere springen mit ihren Kleidern in den eiskalten See. Aber Ida ist bereits nass vom Regen und friert, sie traut sich nicht ins Wasser. „Ich dachte, die Insel ist doch rund, da kann ich doch einfach immer im Kreis laufen, herum, herum, bis es vorbei ist. Es musste doch irgendwann vorbei sein …“

Aber der Albtraum hört nicht auf. Ida läuft weiter, fühlt sich gejagt, aber sieht nie zurück. Sie hört Schüsse und trifft Eivind Rindal, der sie zum Kai mitnimmt, wo das kleine Fischerboot „Reiulf“ liegt. Eine Gruppe von zehn bis 15 Jugendlichen drängt sich in das Boot. Sie versuchen, den Motor zu starten, aber der bleibt stumm. Alle legen sich flach auf den Boden, zwei Jungs beginnen zu rudern. „Ich drehte mich um und sah zum Kai, als ich den Täter kommen sah. Er zielte auf uns und begann zu schießen, mehrere Minuten lang. Wir hatten alle Todesangst, manche weinten.“

Die Schüsse hören schließlich auf, und die Jungen rudern weiter. Die Stimmung an Bord ist gereizt, fast bricht ein Streit aus: Manche wollen zurück in Richtung Insel rudern und andere aus dem Wasser retten, andere wollen an Land und Hilfe holen. Letzteres geschieht schließlich. Ida hat immer noch Angst, weiß nicht, was sie glauben soll. Am Fähranleger auf der anderen Seite sehen sie einen bewaffneten Polizisten, sie trauen sich kaum, dorthin zu rudern. Dann fasst Ida Hoffnung. „Uns kamen Boote mit Menschen entgegen, die uns helfen wollten. Instinktiv verstand ich, dass sie gut sind, ich habe es ihnen angesehen. Diese Freiwilligen waren wie Engel. Wir baten sie, an die Rückseite der Insel zu fahren, weil dort noch viele im Wasser Hilfe brauchten.“ Als sie das rettende Ufer erreichen, sinkt die „Reiulf“, getroffen von zehn Kugeln.

Ida ruft zu Hause an und sagt, dass sie in Sicherheit sei. Es ist 22.30 Uhr, Ida sieht noch eine Stunde fern, dann geht sie schlafen, 16 Stunden lang. Erst gegen 14.30 Uhr wacht sie am nächsten Tag auf und schließt ihre Eltern in die Arme.

Albtraum nach dem Tod der Freunde

Und wie ging es weiter? Nach dem Albtraum, nach dem Tod ihrer Freunde Margrethe, Diderik, Bano und Fredrik und den anderen Bekannten? Nach Gedenkstunden, Begräbnissen, Tränen und Therapien? „Es ist so ungerecht, dass die anderen tot sind. Aber ich fühle keine Schuld, niemand sollte sich schuldig fühlen, zu leben“, sagt Ida. Sie macht weiter als AUF-Vorsitzende bis Ende Juli. Aber der AUF ist nicht mehr derselbe für Ida. „Wir bekamen ja so viele neue Mitglieder. Natürlich ist das positiv für eine Organisation, aber vorher kannte ich fast alle.“

An diesem Montag beginnt der Prozess gegen Anders Behring Breivik. Wieder werden Ida und viele andere auf eine harte Probe gestellt. „Ich habe mich nicht besonders vorbereitet. Aber ich werde so oft wie möglich im Gericht sein.“ Wie wichtig ist der Prozess? „Sehr wichtig. Ich will die Erklärung des Angeklagten hören, seine Seite der Sache. Seit dem 22. Juli haben sich ja alle möglichen Experten geäußert. Ich will mir einen eigenen Eindruck verschaffen.“ Und die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit? „Persönlich glaube ich, dass er unzurechnungsfähig ist. Eine gesunde Person kann nicht das tun, was er getan hat. Trotzdem will ich seine Begründungen für die Untaten hören.“

Polizei setzt Granten ein

Dann ist Ida für einen Moment still und in ihren Gedanken ist sie wieder im Boot „Reiulf“. „Nachdem der Täter aufgehört hatte, auf uns zu schießen, versteckte er sich hinter einem weißen Lieferwagen, der auf der Insel geparkt war. Dann sah ich ihn in Richtung der Häuser gehen, kurze Zeit später stieg dort Rauch auf. Da dachte ich, dass er jetzt die Häuser angezündet hat. Plötzlich wirkte er unsicher, wo er doch vorher so selbstbewusst war.“

Der Rauch stammte von einer Granate, die die Polizisten des Sondereinsatzkommandos in seine Richtung feuerten. Breivik verlor seine Sicherheit, wusste nicht, wohin er gehen sollte. Schließlich ließ er sich festnehmen. „Es ist diese Unsicherheit, an die ich mich erinnere, das Verlieren der Kontrolle. Ich hoffe, das zeigt er auch im Prozess“, sagt Ida.

Seit August, als das neue Schuljahr begann, hat Ida immer wieder Auszeiten genommen. Die Schulleitung hat das akzeptiert. „Meine Eltern und ich arbeiten gut und eng mit der Schulleitung zusammen. Ich werde mit meinen Freundinnen zusammen mein Abi machen, das ist schön.“

Danach möchte Ida in Tromsø mit ihrer besten Freundin Lovise studieren, Politik, Philosophie und Wirtschaft. Danach nach London. Und irgendwann wird sie vielleicht mal Staatssekretärin … Warum nicht Ministerpräsidentin?

Ida hat ein gutes Netzwerk. Viele Freunde, Familie und einen Psychologen, den sie „mein menschliches Tagebuch“ nennt. Aber Ida hat Dinge gesehen und erlebt, die selbst nach neun Monaten kaum zu fassen sind. Die Bilder und Geräusche werden vielleicht nie verschwinden. „Ich bin nicht die ganze Zeit traurig. Es gibt viel, worüber ich mich freue, und mir geht es gut“, sagt Ida. „Aber es gibt auch schwere Phasen. Ich träume, schlafe nachts schlecht, muss mich tagsüber ausruhen, bin kaum imstande, jemanden zu treffen oder etwas zu machen. Es ist schwierig, das Böse hinter sich zu lassen. Aber ich werde es schaffen, und wenn ich Schlaf bekomme und Freunde treffe, wird alles gleich so viel besser.“ Ida geht auch viel mit ihrem Hund Maya spazieren. Am liebsten am Abend, in der Dunkelheit. „Die Dunkelheit gibt mir einen ganz anderen Raum für meine Gedanken. Alle sagen immer, die Zeit der Jugend ist die beste. Für mich ist das so nicht wahr geworden.“