Unha-3-Absturz

Das Raketenfiasko kostet Nordkorea Geld und Ansehen

Nach dem misslungenen Raketenstart der nordkoreanischen Diktatur atmet die Welt zunächst auf – aber ernste Fragen bleiben.

Foto: REUTERS

Wochenlang hielt Nordkorea die Welt in Atem. Der angekündigte Start einer Langstreckenrakete hatte eine nicht enden wollende Kette von Spekulationen und Befürchtungen in Gang gesetzt. Was, wenn das Projektil Japan trifft? Was, wenn sich Nordkoreas Militärs zu weiteren nuklearen Aggressionen ermutigt fühlen? Was, wenn die fragile Sicherheitsarchitektur Ostasien ins Rutschen gerät?

Doch am Freitagmorgen endete alles – nicht mit einem großen Knall, sondern eher mit einem kurzen Zischen. Die Rakete soll kurz aufgestiegen und noch in der Nähe der nordkoreanischen Küste auseinandergebrochen und ins Meer gefallen sein. Bilder gab es nicht. Die Welt atmet auf, aber ernste Fragen bleiben.

Immerhin hat das Regime mit dem Test erneut UN-Resolutionen gebrochen. Wird der Weltsicherheitsrat neue Sanktionen gegen Pjöngjang beschließen? Japan und Südkorea dringen darauf, ebenso wie die USA und die Außenminister der G-8-Staaten. China ist der wichtigste Verbündete des weltweit isolierten Nordkorea. Doch ob China im Sicherheitsrat Forderungen nach weiteren Sanktionen mitträgt, oder, wie bei Syrien, von seinem Vetorecht Gebrauch macht, darüber gab es nicht einmal eine Andeutung.

USA will bestehenden Sanktionen verschärfen

Die USA hatten schon Anfang März, nach Nordkoreas Ankündigung des Raketenabschusses, ihre Nahrungsmittel-Sonderhilfe von 240.000 Tonnen Getreide gestoppt. Nun wollen sie die bestehenden UN-Sanktionen verschärfen.

Dennoch halten sie die Tür zum Dialog offen – aber nur, wenn Pjöngjang sich an internationale Verpflichtungen halte, sagte Präsident Barack Obama. Bei den Sechs-Parteien-Gesprächen 2005 hatte sich Pjöngjang verpflichtet, seine nuklearen und ballistischen Raketenprogramme in „vollständiger, nachprüfbarer und unumkehrbarer Weise“ abzuschaffen und seine Urananreicherung einzustellen.

Genau diese Versprechen hat Pjöngjang mit dem Raketenabschuss gebrochen, auch wenn er misslang. Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministeriums zerbrach die dreistufige Langstreckenrakete ein bis zwei Minuten nach ihrem Abheben vom neuen Raketentestgelände an der Westküste Nordkoreas in 151 Kilometer Höhe.

Seouls Verteidigungsministerium bestätigte, dass ihre Trümmer im Umkreis von 100 bis 150 westlich von Südkoreas Hafenstadt Kunsan in internationalen Gewässern niedergegangen.

Pjöngjang: Ein friedlicher Beobachtungssatellit

Pjöngjang hatte von einem Satellitenstart zur friedlichen Nutzung des Weltraums gesprochen. Die 91 Tonnen schwere Rakete sollte einen 100-Kilo-Beobachtungssatelliten auf Erdumlaufbahn bringen. Für die USA war es der kaschierte Test einer Interkontinentalrakete, mit der Nordkorea Asien bis zur US-Küste erpressen und bedrohen könnte, sobald es technologisch in der Lage wäre, seine Raketen atomar zu bestücken. Die Rakete stellt also Grundfragen von Krieg und Friede in der Welt.

Doch während die Pekinger Führung noch laviert, plädieren auch einflussreiche innerchinesische Stimmen für mehr Härte gegenüber Nordkorea. Zu ihnen gehört der Nordkoreaexperte an der Parteihochschule, Zhang Liangui. Der Morgenpost sagte er, dass die internationale Gemeinschaft Nordkoreas neuem Führer Kim Jong-un eine „rote Linie“ zeigen müsse. „Das muss ernst gemeint sein“, sagt Zhang, „auch im Blick darauf, dass er als Nächstes einen dritten Atomwaffentest anordnen könnte.“

Lehren aus der Vergangenheit ziehen

Alle Beteiligten hätten bei dem jetzigen Fehlschlag der Rakete „großes Glück“ gehabt. Die Rakete hätte auf chinesisches, südkoreanisches oder japanisches Gebiet abstürzen können. Oder sie hätte abgeschossen werden können. „All das hätte zu schweren Krisen geführt und China gezwungen, Farbe zu bekennen.“ Ein gelungener Raketentest hätte die Spannungen ebenfalls verschärft. Im Umgang mit Nordkorea sei es nötig, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

Die frühere „Appeasement-Politik“ habe den im Dezember verstorbenen Diktator Kim Jong-il auch nicht von seinem Atommacht-Kurs abbringen können. Er höre in China Argumente, dessen Sohn während der Übergangszeit „nicht zu reizen, sondern nur zu beobachten“. Aber das, so meint Zhang, „ist nur so lange richtig, wie man sehen will, wohin jemand geht. Aber nicht, wenn es zur Maxime für Untätigkeit wird.“

Wie geplant traf sich am Freitag die Oberste Volksversammlung, die nordkoreanische Simulation eines Parlamentes, um Kim unter Hoch- und Hurrarufen zum Ersten Vorsitzenden der Staatlichen Verteidigungskommission zu wählen. Die Rakete war kein Thema. Der frischgebackene Vier-Sterne-General Kim ist mit 29 Jahren, nur knapp vier Monate nach dem Tod seines Vaters, Partei- und Armeechef in einer Person.

Formal hätte er genug Macht, um die Weichen neu zu stellen. Er könnte etwa den missglückten Raketentest zum Anlass nehmen, um die unheilvolle Oberherrschaft der alten Militärs über Nordkorea aufzubrechen. Aber Kim hätte – wenn er dergleichen denn wollte – keine Verbündeten im Land.

Erst viereinhalb Stunden nach dem Start bestätigte die Führung von Nordkorea den Fehlschlag. 24 Millionen Menschen, die mit Hunger und Entbehrungen in ihrem heruntergewirtschafteten Staat für die Aufrüstung und eine 1,1-Millionen-Soldaten-Armee zahlen müssen, erfuhren, dass die PR-Aktion missglückt war. Eine Sprecherin verlas dazu im Staatsfernsehen: „Ein Satellit zur Erdbeobachtung konnte nicht in den Orbit gebracht werden. Wissenschaftler, Techniker und Experten erforschen nun die Gründe des Fehlschlags.“

Nordkorea ist auf internationale Nahrungsmittelhilfe und chinesische Energie- und Öllieferungen angewiesen. Es steht nach seinen unterirdischen Atomwaffen-Testversuchen 2006 und 2009 unter verschärften UN-Sanktionen. Chinesische Experten rechneten damit, dass es, wie schon früher nach Raketenabschüssen auch diesmal wieder einen Atomtest plant, seinen dritten, bei dem es Atomwaffenmaterial aus angereichertem Uran testet.

Revolutionslieder per Satellit funken

Nach Erkenntnissen von Militärexperte James Hardy von der renommierten Fachzeitschrift „Jane's Defence Weekly“ zeigten jüngste Satellitenaufnahmen, wie Baukolonnen seit Anfang März in einem nordkoreanischen Berggebiet der Provinz Nord-Hamgyong große Erdarbeiten für einen Tunnel leisteten. Ähnliche Tunnel hatte Nordkorea 2009 gegraben, als es im April zuerst eine Rakete und Ende Mai unterirdisch eine Atomwaffe testete.

Vor dem Scheitern seiner Rakete hatte Pjöngjang verkündet, seinen Minisatelliten nicht nur zum Zweck der Wetterforschung und Erntebeobachtung einsetzen zu wollen. Zweck der Mission sei, den 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-sung zu würdigen, den Nordkorea mit Massenfeiern am Sonntag begehen will. Der Satellit sollte aus 500 Kilometer Höhe die Melodien zweier Revolutionslieder zur Ehre Kims und seines Sohns Kim Jong-il zur Erde funken. Nun schweigt das All.