Ins Meer gestürzt

Sorge vor neuem Atomtest nach Raketen-Panne in Nordkorea

Allen internationalen Protesten zum Trotz hat Nordkorea seine Rakete gestartet. Nach dem Debakel wächst die Angst vor einem neuen Test.

Der groß angekündigte Raketenstart endete für die kommunistische Führung in Nordkorea in einem Debakel: Statt kurz vor dem 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-ung einen Satelliten ins All zu schießen, stürzte die Rakete am Freitag kurz nach dem Start ins Meer. Die Panne hat die Gefahr eines weiteren nordkoreanischen Atomwaffentests nach Meinung von internationalen Beobachtern sogar noch vergrößert.

Die spektakuläre Bruchlandung im Gelben Meer sei für die Führung in Pjöngjang „das zweitschlechteste denkbare Ergebnis“ gewesen, schreibt Marcus Noland vom Peterson Institute for International Economics in Washington. „Das schlechteste wäre gewesen, China zu treffen.“ Den Nordkoreanern sei es mit dem missglückten Raketenstart „auf einen Schlag gelungen, den UN-Sicherheitsrat, die USA und sogar ihre Schutzmacht China herauszufordern, und gleichzeitig ihre Unfähigkeit zu demonstrieren“.

Schmerzlicher Rückschlag für Kim Jong-un

Besonders schmerzlich sei der Flop für den neuen Machthaber Kim Jong-un, sagt der Nordkorea-Experte Toshimitsu Shigemura von der Waseda-Universität in Tokio. „Was dem jungen Führer am meisten fehlt, ist Legitimität“, erklärt der Professor. Zwar sei er der Enkel des verehrten Staatsgründers Kim Il-sung und der Sohn des im Dezember gestorbenen langjährigen Machthabers Kim Jong.il. Er habe aber selbst noch nichts geleistet. Um ihm mehr Legitimität zu verschaffen, „hätte er einen erfolgreichen Satelliten- oder Raketenstart gebraucht“. Stattdessen habe er öffentlich einen „Misserfolg“ eingefahren.

Dass die Führung in Pjöngjang das Scheitern anders als in der Vergangenheit schon kurz nach dem Absturz der Rakete im staatlichen Fernsehen einräumte, ist für Beobachter keine Überraschung. Den missglückten Raketenstart vor den Nordkoreanern zu verheimlichen, sei unmöglich gewesen, meint Shigemura.

Das sonst streng abgeschottete Land hatte zu dem Raketenstart und den pompösen Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Kim Il-sung nicht nur 200 ausländische Journalisten eingeladen – so viele wie noch nie zuvor. Shigemura verweist zudem auf zehntausende chinesische Touristen und Geschäftsleute, die sich in Nordkorea aufhalten – und ihre Handys dabei haben.

Ein Ablenkungsmanöver ist zu erwarten

Schon in den kommenden Tagen werde es in Pjöngjang Gerüchte geben, „dass der junge Führer nicht beeindrucken konnte und nichts taugt“, prophezeit der Japaner. Dieser Gesichtsverlust könne zu einer ernsthaften Gefahr für die kommunistische Führung werden. Kim Jong-un und seine Gefolgsleute müssten daher nun durch „eine wirklich Leistung“ von der Raketenpanne ablenken, „entweder indem sie Lebensmittel beschaffen oder neue Wohnhäuser bauen“.

Nach Einschätzung des US-Experten Noland könnte eine solche Leistung aber auch ein Atomwaffentest sein – er hält ihn sogar für praktisch „unausweichlich“. Schon vor dem Raketen-Reinfall sei ein dritter nordkoreanischer Atomtest „wahrscheinlich“ gewesen, nun werde es wohl mit Sicherheit dazu kommen.

Beobachter verweisen auf Satellitenbilder, die angeblich belegen, dass die Vorbereitungen für einen Atomtest schon im Gange sind. Außerdem hatte Nordkorea schon bei seinen Atomwaffentests 2006 und 2009 erst Raketen und dann die Bombe getestet. Nach Einschätzung von Experten hat Nordkorea bislang Plutonium für sechs bis acht Atombomben, außerdem soll das Land an einer Uran-Bombe arbeiten.

Auch der Australier Rory Medcalf geht von einem weiteren Atomwaffentest aus. „Die Wahrscheinlichkeit ist heute größer als gestern“, sagt der Experte für internationale Sicherheit beim Lowy Institute in Sydney. Nach Einschätzung seines Kollegen Jingdong Yuan von der Universität Sydney ist mit einem Atomtest allerdings nicht in den kommenden Tagen zu rechnen: Eine weitere peinliche Panne würde die Feiern zum 100. Geburtstag von Kim Il-sung endgültig ruinieren.

Deutsche Außenpolitiker besorgt über nordkoreanischen Raketentest

Der jüngste nordkoreanische Raketentest wird auch in Deutschland mit großer Besorgnis gesehen. Die Bundesregierung wertete den Start der Langstreckenrakete als Provokation. Außenminister Guido Westerwelle warnte vor einer Eskalation der angespannten Lage. „Das ist eine flagrante Verletzung internationaler Verpflichtungen und wird die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel weiter verschärfen“, sagte der FDP-Politiker in New York. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wollte dort noch am Freitag zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Regierungssprecher Georg Streiter sagte in Berlin, Nordkorea habe gegen die Vorgaben des UN-Sicherheitsrats verstoßen und sich damit weiter isoliert. Er fügte hinzu: „Wir rufen das Land dazu auf, keine weiteren ballistischen Raketen zu starten und seinen internationalen Verpflichtungen nachzukommen und sein Atomwaffenprogramm aufzugeben.“

Unübersichtliche Lage

Westerwelle verlangte, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müsse sich „umgehend mit der Angelegenheit befassen und eine deutliche Antwort auf diese Völkerrechtsverletzung geben“. Der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich sieht allerdings kaum Chancen für UN-Sanktionen gegen Nordkorea. Im Südwestrundfunk verwies Mützenich auf die schwierige humanitäre Lage in dem Land, „wo es im Interesse der Menschen auch zu Hilfen kommen sollte“. Nordkorea bekommt unter anderem von den USA Lebensmittelhilfen.

Mützenich nannte die Lage in Nordkorea unübersichtlich. Der Raketentest zeige, dass selbst die Chinesen und Russen es nicht geschafft hätten, das Land von seinen Versuchen abzubringen. Es müsse daher weiter davon ausgegangen werden, dass Nordkorea über Waffensysteme verfüge, die auch Nuklearsprengköpfe tragen könnten.