Birma

Aung Sang Suu Kyi – Der Sieg der Unterdrückten

Historischer Erfolg: Die Nobelpreisträgerin gewinnt in Birma einen Parlamentssitz. Das Land hofft jetzt auf weitere Reformen

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Sie ist seit mehr als 20 Jahren Oppositionsführerin, Trägerin des Friedensnobelpreises und bekleidet in Zukunft auch erstmals ein öffentliches Amt in Birma: Aung Sang Suu Kyi gewann bei der Nachwahl in ihrem Wahlkreis und wird als Abgeordnete in das Parlament ihres Landes einziehen, wie ihre Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), meldete.

Suu Kyi liege nach der Auszählung der Ergebnisse aus 82 der 129 Wahllokale in ihrem Bezirk mit 65 Prozent der Stimmen vorn, hieß es. Eine offizielle Bestätigung stand noch aus und könnte auch noch Tage auf sich warten lassen.

Der Sieg der 66-Jährigen wäre – wird er von der Wahlkommission bestätigt – ein Meilenstein für das südostasiatische Land, das bis vor kurzem international noch völlig isoliert war. Jahrzehnte lang herrschte eine mit harter Hand regierende Militärjunta. Und auch für Suu Kyi selbst wäre der Einzug ins Parlament nach rund 15 Jahren Hausarrest eine persönliche Genugtuung, die bis vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte.

Vor der Parteizentrale in der Metropole Rangun brach nach der Bekanntgabe großer Jubel aus. „Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!“ riefen die mehr als 1000 dort versammelten Anhänger Suu Kyis. Einige schwenkten die roten Fahnen der Partei, andere formten mit Fingern das Siegeszeichen. US-Außenministerin Hillary Clinton gratulierte den Bürgern Birmas für ihre Teilnahme an der Wahl.

Suu Kyi gewann laut ihrer Partei, obwohl es bei der Wahl zu „großen Unregelmäßigkeiten“ gekommen war. Allein bis Mittag habe die NLD 50 Beschwerden bei der Wahlkommission eingereicht, sagte Parteisprecher Nyan Win. Einige der Stimmzettel seien beschichtet gewesen, was es schwierig gemacht habe, darauf seinen Kandidaten anzukreuzen. Bei anderen Stimmzetteln habe der Stempel der Wahlkommission gefehlt, was sie ungültig machen könnte.

Weder Strom noch fließend Wasser

Suu Kyi hatte sich im Wahlkreis Wah Thin Kha südlich von Rangun um ein Mandat beworben. Das Dorf ist arm, es gibt weder Strom noch fließendes Wasser oder asphaltierte Straßen. Bislang haben die Bewohner, die größtenteils vom Reisanbau leben, nicht von den jüngsten Reformen profitiert. Sie setzen große Hoffnungen in einen Wahlsieg der prominenten Oppositionsführerin.

Insgesamt waren 45 Sitze im Parlament neu zu besetzen. Die Abstimmungen waren nach den jüngsten Reformen im Land vor allem von großer symbolischer Bedeutung. Am Machtgefüge im Land wird auch der Erfolg Suu Kyi und der NLD nicht viel ändern, weil das 664-köpfige Parlament weiterhin vom Militär und der Regierungspartei dominiert wird.

2011 hatte das Militär eine Zivilregierung eingesetzt und die überraschte dann die Öffentlichkeit mit zahlreichen Reformen: Unter Präsident Thein Sein wurden politische Gefangene freigelassen, Waffenruhen mit Rebellengruppen geschlossen und begonnen, mit Suu Kyi zu reden.

Sie ist die Tochter des 1947 ermordeten Unabhängigkeitshelden General Aung San. Sie war 1988 nach Studien in Indien und Großbritannien, einem Einsatz bei den Vereinten Nationen in New York und jahrelangem Auslandsaufenthalt zu ihrer sterbenden Mutter nach Birma zurückgekehrt. Sie geriet mitten in den Studentenaufstand gegen die Misswirtschaft der seit 1962 regierenden Generäle. Bei einer Massenkundgebung rief sie vor Hunderttausenden in Rangun: „Als Tochter meines Vaters kann ich bei allem, was hier vorgeht, nicht unbeteiligt bleiben. Diese nationale Krise könnte man auch unseren zweiten Unabhängigkeitskampf nennen.“

Eine Volksheldin war geboren. Suu Kyi gründete die Partei Nationalliga für Demokratie (NLD). Die Generäle sperrten sie wenig später ein. In ihrer Verblendung über das eigene Potenzial ließen sie 1990 Wahlen zu. Als die NLD aber haushoch gewann, ignorierten sie das Ergebnis. Suu Kyi blieb unter Hausarrest. 1991 bekam sie den Friedensnobelpreis für ihren gewaltlosen Widerstand gegen das Regime.

Ihren Mann Michael Aris sah Suu Kyi zuletzt 1995, vier Jahre vor seinem Tod. Die Generäle verweigerten dem Krebskranken die Einreise nach Birma. Suu Kyi fuhr nicht zu ihm nach Großbritannien, weil sie wusste, dass sie nie wieder in die Heimat zurückgelassen worden wäre. Zeitweise war der Hausarrest aufgehoben, zweitweise saß sie in Haft. Am 13. November 2010 hoben die Machthaber den Hausarrest endgültig auf. Die neue Offenheit im Land begann.