17 Jahre nach Bosnien-Massaker

Wenn ein Muslim und eine Serbin Nachwuchs bekommen

8000 Muslime wurden 1995 in Srebrenica von bosnisch-serbischen Truppen ermordet. Im Februar kam dort das erste Kind eines serbisch-muslimischen Paares zur Welt – doch Vorbehalte bleiben.

Foto: Thomas Roser

Srebrenicas Kind der Hoffnung ist blond, 42 Tage jung, gähnt und blinzelt routiniert in die Kamera. Von unzähligen Journalisten sei ihr kleiner Jusuf schon beäugt worden, berichtet Mutter Dusica mit stolzem Lächeln. Ihr Sohn sei ja der Beweis, dass auch in Bosnien-Herzegowina Muslime und Serben zusammenleben könnten: „Das Einzige, was zählt, ist die Liebe. Sie gewinnt immer.“

Zwischen von Einschusslöchern zersiebten Ruinen grasen die Ziegen. Unter den weißen Grabstelen auf dem nur wenige Hundert Meter entfernten Gedenkfriedhof von Potocari liegen auch Angehörige von Almir Salihovic begraben. Sechs Onkel verlor der heute 32-Jährige bei der Einnahme der damaligen Muslimenklave Srebrenica im Juli 1995 durch die bosnisch-serbischen Truppen des Generals Ratko Mladic.

Mehr als 8000 muslimische Männer wurden in den Tagen nach dem Fall der Enklave von den Eroberern exekutiert und in Massengräbern verscharrt. Nur sein besonders jugendliches Gesicht rettete den damals 16-jährigen Almir: Gemeinsam mit seiner Mutter konnte er in dem von den UN eskortierten Buskonvoi für Frauen und Kinder die Stadt verlassen.

Flüchtlingskinder fanden beim Schafehüten zusammen

Die Wirren der Jugoslawienkriege hatte in den 90er-Jahren auch die Familie von Dusica Rendulic entwurzelt. Geboren wurde die Serbin im kroatischen Dorf Sveti Rok. An die Vertreibung ihrer Familie im Kroatienkrieg hat die heute 23-Jährige keine Erinnerung mehr. Bis zu ihrem 15. Lebensjahr wuchs sie in einem Flüchtlingslager in der Nähe der westserbischen Provinzstadt Valjevo auf, bevor sie zu Angehörigen in der bosnischen Kleinstadt Pozarnica nahe Tuzla kam. Dort lernte die Landarbeiterin im Herbst 2010 den Schäfer Almir kennen: „Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste gleich, dass er der Richtige ist.“

Der Krieg hatte das Leben ihrer beider Familien zerstört, doch seine Folgen brachten die Flüchtlingskinder beim Schafehüten zusammen. Ihre unterschiedliche Herkunft haben den im letzten Jahr nach Srebrenica zurückgekehrten Muslim und die Serbin mit dem kroatischen Pass nie gestört, sagen sie. „Wir verstehen uns gut, wir leben sehr schön zusammen“, sagt Dusica.

Weniger begeistert reagierten zunächst Almirs Angehörige. Doch als sie Dusica kennengelernt hätten, sei die Skepsis rasch verflogen, sagt der junge Familienvater. „Spätestens seit der Kleine da ist, kommt Almirs Familie uns sehr gerne besuchen“, sagt Dusica lächelnd.

"Merkwürdige Reaktionen" im Internet

Die Geburt des ersten Kindes eines serbisch-muslimischen Paares in Srebrenica seit dem Krieg sorgte in allen Ländern des zerfallenen Jugoslawien für aufgeregte Schlagzeilen. Die Nachricht wurde von Lesern und Redaktionen zwar meist positiv kommentiert. Doch Vorbehalte leben fort.

Gemischte Ehen würden die Nation der muslimischen Bosniaken „zerstören“, fürchten die Macher der Internetseite „Wir erinnern an den bosnischen Völkermord“ und warnen vor einer drohenden „Assimilierung“. Serbische Surfer wiederum monieren, dass Jusuf als Muslim erzogen werden soll. „Die Islamisierung der Serben hält an“, erregte sich auf der Site des serbischen Boulevardblatts „Kurir“ ein anonymer Marko.

Nur im Internet habe es „etwas merkwürdige Reaktionen“ gegeben, berichtet Dusica. Sie selbst sei in Srebrenica gut aufgenommen worden, versichert sie: „Es ist zwar schon ein trauriger Ort. Aber die Leute hier sind völlig in Ordnung.“ Was man rede, interessiere ihn nicht, sagt Almir: „Ich lebe mein Leben, und andere sollen ihres leben.“

Alle christlichen und muslimischen Festtage werden gefeiert

Zwar fehlen Dusica noch die Scheidungspapiere nach ihrer vorherigen Ehe, weshalb sie mit Almir noch in wilder Ehe zusammenlebt. Doch auch von den Nachbarn hört man kein böses Wort: „Die beiden leben sehr harmonisch zusammen und streiten sich nie.“

Ob Bajram oder Weihnachten – in der Familie sollten alle muslimischen und christlichen Festtage gefeiert werden, sagt Dusica: „Almir respektiert meinen Glauben und ich seinen: Sobald Jusuf etwas größer ist, will ich auch endlich einmal eine Moschee besuchen.“

Zur Geburt erhielt die mittelose Rückkehrerfamilie von der österreichischen Hilfsorganisation Bauern helfen Bauern eine großzügige Starthilfe: ein Holzhäuschen mit Stall und drei Ziegen. Der meckernde Familienbesitz hat sich schon verdoppelt.

"Alle die gleichen Menschen"

Dennoch blickt Almir eher sorgenvoll in die Zukunft. In Srebrenica lebten einmal 37.000 Menschen, heute sind es noch 7000. „Muslime, Serben, Roma, alle haben hier dasselbe Problem: keine Arbeit.“

An die begehrten Stellen bei der Gemeindeverwaltung oder in den wenigen Fabriken komme man nur mit politischen Beziehungen. Hofft er, dass Jusuf hier einmal ein besseres Leben führt? Almir zuckt mit den Schultern: „Niemand weiß, was wird.“

Mit Landbau will Almir seine Familie über Wasser halten, auch wenn ihm dazu noch Geräte fehlen. Über Bosniens Politiker, die nicht zuletzt aus eigenem Interesse die Animositäten zwischen den Volksgruppen fleißig am Köcheln halten, hat der sonst so gutmütige Jungbauer keine guten Worte übrig: „Die sind nur an ihren Posten interessiert – und sonst an nichts.“

Klar werde man in Srebrenica oft an den Krieg erinnert. „Aber man muss sich über die Vergangenheit auch hinwegsetzen können, nach einer besseren Zukunft streben. Muslime und Serben sprechen die gleiche Sprache und sind die gleichen Menschen.“