Fausia Kufi

Die Frau, die Karsai gefährlich werden könnte

In Afghanistan ist die Unterdrückung von Frauen Alltag. Fausia Kufi hat sich davon nie unterkriegen lassen. Ihr großes Ziel: Hamid Karsai die Präsidentschaft abspenstig machen.

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Für Frauen ist Afghanistan das gefährlichste Land der Erde. Dennoch träumt die Parlamentarierin Fausia Kufi davon, einmal an der Spitze des Staates zu stehen. „Ich war immer die Erste“, sagt sie. Sie war die erste Frau in ihrer Familie, die eine Schule besuchte. Sie war die erste Frau, die zur Zeit des radikalen Taliban-Regimes für die Vereinten Nationen arbeitete. Sie war die erste Vizepräsidentin des afghanischen Parlaments. Nun hofft Kufi auf mehr: die erste Präsidentin Afghanistans zu werden – 2014, wenn eine neue Wahl ansteht.

Ausgerechnet in Afghanistan: Zwangsheirat , Gewalt , Kinderehen, Ehrenmord und sanktionierter Mädchenhandel gehören zum Alltag. In vielen Gemeinschaften dürfen Frauen und Mädchen das Haus nie verlassen. Ein Großteil der Frauen wird im Alter zwischen zehn und 13 Jahren verheiratet. Die Müttersterblichkeit ist die höchste der Welt. Eine von elf Frauen stirbt an den Folgen einer Geburt. Die erzkonservative Gesellschaft macht es für Schwangere schwer, eine Ärztin oder Hebamme zu finden oder gar ein Krankenhaus zu besuchen.

Ihre Mutter wollte die gerade geborene Fausia sterben lassen. Sie war das 19. von 23 Kindern in der Familie. Doch Fausia Kufi überlebte und ist heute eine angesehene Politikerin in Afghanistan. „Man muss Tabus brechen“, sagt die 37-Jährige und lacht. Kufi lebt allein mit ihren zwei Töchtern im Karte-Sei-Viertel in Kabul.

Kufi wettert gegen die "Talibanisierung" ihres Landes

Gerade haben die obersten Religionsführer Afghanistans neue Leitlinien für das Verhalten von Frauen herausgegeben, die viele an die Gesetze des harschen Taliban-Regimes erinnern, das von 1996 bis 2001 herrschte: Frauen sind den Männern untergeordnet, sie sollen weder bei der Arbeit noch auf dem Bazar oder in der Schule und Universität mit Männern zusammentreffen und auch nicht ohne einen männlichen Begleiter einen Bus besteigen. Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat die Regeln der Ulema, des Religionsrates von Afghanistan, als richtig und islamisch korrekt verteidigt.

Diese neuen Richtlinien der Religionsführer seien „ein grünes Licht für die Talibanisierung“, kritisiert Fausia Kufi. Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen den gewünschten Friedensverhandlungen mit den aufständischen Taliban und den geplanten Beschränkungen der neu gewonnenen Rechte der Frauen.

Kufi stammt aus Badakshan, einer abgelegenen, grünen Provinz im Norden des Landes. Sie weiß nur zu gut, was es heißt, aus einem konservativen Umfeld auszubrechen. „Ein Mädchen wird doch heiraten, haben meine Brüder gesagt. Doch meine Mutter wollte, dass ich zur Schule gehe“, erzählt sie. Badakshan ist eine arme Version der Schweiz. Abgelegen und isoliert von hohen Bergen, müssen schwangere Frauen oft zwei Wochen lang laufen, um in einem Krankenhaus zu entbinden.

Ihr Vater wurde von Islamisten erschossen

Hier wurde Fausia an einem heißen Hochsommertag geboren. Ihre Mutter – eine von sieben Frauen ihres Vaters – ließ das Kind einfach in der Sonne liegen. Sie sei einfach erschöpft von der schweren Entbindung ohne medizinische Hilfe gewesen, erzählt Kufi.

Doch als es der Mutter nach ein paar Stunden besser ging, habe sie es bereut, das Baby dem sicheren Tod auszusetzen, und es zu sich zurückgeholt. „Sie hat die anfängliche Ablehnung später durch ihre ganze Liebe wettgemacht“, sagt die Parlamentarierin. Sie habe es allein ihrer Mutter zu verdanken, dass sie zur Schule gehen durfte.

Damals ahnte niemand in der Familie, dass ausgerechnet das Mädchen, das eigentlich sterben sollte, das politische Erbe ihres Vaters antreten würde. Der war Parlamentarier unter dem letzten König. Er starb, bevor Fausia vier Jahre alt war. Als Mitglied der von der damaligen Sowjetunion unterstützten Volksvertretung in Kabul wurde er von den Mudschahedin, islamistischen Aufständischen, erschossen.

Krieg, Konflikt und Politik sind in Fausia Kufis Leben eng miteinander verwoben: Zwei ihrer Brüder kamen im Bürgerkrieg um. Ihr Mann, Hamid, wurde ins Gefängnis geworfen, als die Taliban 1996 die Macht in Kabul übernahmen, und starb später an den Folgen der grausamen Haft. Kufi floh zurück in ihre Heimat in Badakshan, eine Gegend, die nie von den Taliban kontrolliert wurde. Dort arbeitete sie für die Vereinten Nationen und kümmerte sich um Kriegsvertriebene.

"Am Anfang wollte ich die ganze Welt verändern"

Nach dem Sturz der Taliban kehrte Kufi nach Kabul zurück und beschloss, sich als Abgeordnete für ihre Provinz zu bewerben. 2005 wurde sie ins neue Parlament Afghanistans gewählt. Kufi war voll von Elan: „Am Anfang wollte ich die ganze Welt verändern“, erinnert sie sich. Doch allein die Probleme Afghanistans seien riesig gewesen.

Kufi hofft nun auf mehr. „Viele Menschen kennen mich“, sagt sie. Sie würde dies gern nutzen, um auf das höchste Staats- und Regierungsamt hinzuarbeiten. „Es ist etwas, worüber wir nachdenken sollten.“ Es sei vielleicht Zeit für Afghanistan, eine Präsidentin zu bekommen. „Männer haben die Unruhen hier begonnen, den Aufstand und den Bürgerkrieg. Also lasst uns etwas Neues versuchen.“

Kufi hofft auf den Rückhalt der internationalen Gemeinschaft. Gleichzeitig versucht sie jedoch auch, für konservative Kreise akzeptabel zu sein. Die Scharia, islamisches Recht, solle das Leben Afghanistans bestimmen, so Kufi. Die Einführung der harschen, religiös begründeten Gesetze ist auch eine Kernforderung der aufständischen Taliban.

Kufi: Nicht die Scharia ist das Problem

Doch Kufi hält die Scharia nicht für frauenfeindlich. „Frauen in Afghanistan leiden nicht, weil das Land islamisch ist, sondern weil die Sitten so sind.“ Der Koran und die religiösen Vorschriften würden stets von Männern ausgelegt. Doch im heiligen Buch der Muslime gebe es weder Zwangsheirat noch Kinderehen. Wenn man islamisches Recht richtig auslegen würde, würden Frauen in Afghanistan davon profitieren.

Doch bei allem Optimismus sieht Kufi den Plan des Westens mit Sorge, bis 2014 alle Kampftruppen vom Hindukusch abzuziehen. Sie habe Zweifel, ob Verhandlungen mit den Taliban zu einem Frieden für das Land führen könnten.

Es sehe so aus, als wolle die internationale Gemeinschaft hier „alles stehen und liegen lassen und sich davonmachen.“ Bislang gebe es keine Garantie dafür, dass die Rechte der Frauen nicht zurückgedreht würden, wenn der Westen Afghanistan den Rücken kehrt.