Wertewandel

Neid bestimmt in Amerika den Kampf der Eliten

| Lesedauer: 14 Minuten
Leon de Winter

Foto: Tim Maxeiner

Victor Davis Hanson ist einer der wichtigsten konservativen Denker Amerikas. Er sagt: Den USA droht der Verlust der eigenen Identität.

Am Rande von Selma, einer verarmten Kleinstadt in der ländlichen Mitte Kaliforniens, wohnt Professor Victor Davis Hanson: Altphilologe, Bauer, Kolumnist, Militärhistoriker und Gesprächspartner von George W. Bush. Hanson ist einer der wichtigsten Denker des Konservativismus in Amerika, doch in Europa kennt ihn kaum jemand.

Der Bauernhof, den Hanson bewohnt, ist im 19. Jahrhundert von einem seiner Vorfahren errichtet worden. Um ihn herum erstrecken sich die ebenen Anbauflächen bis an den Horizont – Rebstöcke, so weit das Auge reicht. Es ist keine schöne Landschaft, kein Bordelais oder Burgund.

Hanson tritt aus dem Haus. Ein schlanker Mann mit einem so wettergegerbten Gesicht, als hätte er sein ganzes Leben als Bauer zugebracht. Hat er aber nicht. Er ist Intellektueller, doziert an amerikanischen Top-Universitäten. Es ist Samstag, und er trägt Jeans und Pullover. Hanson bittet hölzern hinein und führt seinen Besuch in den Aufenthaltsraum.

Die Unterhaltung beginnt etwas steif. Ich erkläre, dass ich seit Jahren seine Artikel lese, über die Wandlungsprozesse in Amerika, die langsam, aber sicher zum Verlust der ursprünglichen, der protestantischen angelsächsischen Identität führen. Und ich berichte, dass ich ein Jahr lang über sein Land schreiben werde. Ihn, nicht zuletzt Autor von „Mexifornia“, einem aufsehenerregenden Buch über die Auswirkungen der illegalen Einwanderung von Mexiko nach Kalifornien, wolle ich als Ersten dazu befragen. Doch bevor ich ihm die erste Frage stellen kann, kommt er mir zuvor:

Victor Davis Hanson: Sind Sie einer von diesen Europäern, denen wir so häufig begegnen, die nicht wie Amerika sein wollen, aber beten, dass Amerika bestehen bleiben möge? Die so eine Ahnung haben, dass eine freie Gesellschaft Garant für größeren Wohlstand sein könnte, das aber nicht zugeben können, weil sie damit zugeben würden, dass sie in der falschen Gesellschaft leben?

Leon de Winter: Nein, so einer bin ich nicht.

Hanson: Der europäische Konservativismus ist anders als der amerikanische. Ihr habt nicht so etwas wie die Tea Party oder das Recht, Waffen zu tragen, und dergleichen.

De Winter: Nein. Aber so groß sind die Unterschiede auch wieder nicht. Aber bevor wir darauf näher eingehen, möchte ich Ihnen die Frage stellen, die ich ein Jahr lang jedem meiner Gesprächspartner stellen werde: Was ist schiefgegangen?

Hanson: Sie meinen, was lief schief nach 2008?

De Winter: Nicht nur. Was ist im Westen kulturell schiefgelaufen?

Hanson: Ich hatte einen Vater, der 45 Einsätze mit dem B29-Bomber geflogen ist. Und der Mann, nach dem ich benannt wurde, ist auf Okinawa gefallen. Beide lebten ein einfaches Leben auf dem Bauernhof. Wir kamen aus der Wirtschaftskrise, aus dem Zweiten Weltkrieg, und wir gelangten zu diesem gigantischen Wohlstand.

Europa war am Boden, Japan war am Boden, Russland spielte keine Rolle, und das China unter Mao war dabei, Selbstmord zu begehen. Wir haben die ganze Welt aufgebaut. Dieser Wohlstand wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sehr schnell erreicht. Wir zeugten eine Generation, die jetzt in ihren Sechzigern ist. Diese Menschen haben zwei Antriebe. Erstens: Sie wollen nicht leiden, wie ihre Eltern gelitten haben. Und das ist machbar. Zweitens: Sie wollen konsumieren. Und dabei haben sie eine materielle Auswahl, wie sie keiner in der Geschichte je gehabt hat.

De Winter: Bis zu den Sechzigerjahren war die Kirche noch wichtig. Die Menschen glaubten noch an amerikanische Werte oder taten zumindest so. In den Sechzigerjahren wurde alles umgekrempelt.

Hanson: Was mir heute Sorgen bereitet, ist, dass sich so viele Menschen nicht mehr für die Gemeinschaft verantwortlich fühlen. Und das unabhängig von ihrer Rassen- oder Volkszugehörigkeit. Man erwartet, dass der Staat Mittel und Dienste liefert. In meinem eigenen Umfeld beobachte ich Folgendes: Junge Menschen schieben den Start in ein produktives Leben hinaus. Sie studieren sehr lange, reisen herum. Früher empfand man so etwas wie soziale Scham, wenn man nicht produktiv war. Die ist komplett verschwunden. Heute ist es sogar umgekehrt, wie die Occupy-Bewegung zeigt: Institutionalisierter Neid. Neid und Missgunst als Werte. Das gehört nicht zum wahren Amerika. Aber der jetzige Präsident greift das auf.

Man braucht nur in die traditionellen Medien, die großen Zeitungen zu schauen. Man braucht sich nur die Hollywoodfilme anzuschauen. Überall die gleiche Botschaft: dass der Staat Mittel und Dienste liefern muss, und dass man als Bürger Anspruch darauf hat.

De Winter: Die Konfrontation von Ansichten und Ideologien ist doch aber gleichgewichtiger geworden. Nicht zuletzt dank moderner Technik.

Hanson: Gewiss. Heutzutage kann man nichts mehr so einfach totschweigen. Ein Beispiel: Ich kenne kein Land in der Geschichte, das nicht seine eigenen natürlichen Bodenschätze ausgeschöpft hätte. Wir haben gigantische Öl- und Gasvorkommen in Alaska, Utah, Colorado, Kalifornien, Bakersfield, im Golf von Mexiko, vor der Küste von Virginia. Und wir haben einen Präsidenten, der sagt: Du musst Luft in die Reifen pumpen, dann verbrauchst du weniger Benzin. Der Energieminister will über alles reden, nur nicht über Benzin. So, wie wir heute leben, sind wir auf Erdöl angewiesen. Doch sie wollen nicht darüber reden. Es geschieht aber trotzdem. Dank der modernen Technik.

De Winter: Kalifornien war früher einmal der Spitzenstaat der USA. Beispielhaft für die ganze Welt. Sie haben viel über den Untergang des goldenen Kalifornien geschrieben.

Hanson: Als ich zur Schule ging, waren 60 Prozent meiner Mitschüler mexikanischer Abstammung. Man setzte uns zusammen und sagte, wir sollten Englisch miteinander reden. Das geht heute nicht mehr. Wenn man das verlangt, ist man ein Rassist. Genauso läuft das in punkto Umwelt, Krieg und Frieden. Moralischer Relativismus und kultureller Pazifismus haben uns in die Knie gezwungen. Aber ich hoffe auf eine Renaissance, denn so kann es nicht weitergehen. In der Hinsicht war Obama gut für Amerika. Niemand hätte gedacht, dass es einer mit seinem Hintergrund zum Präsidenten schaffen würde. Aber die Chance, für den ersten schwarzen Präsidenten zu stimmen, konnte sich keiner entgehen lassen. Es wird interessant mit Obama. Der Benzinpreis müsse auf europäisches Niveau ansteigen, sagt sein Energieminister. Illegale Einwanderer müssten sich über ihre Arbeitgeber beschweren können. Solche Themen sind jetzt an der Tagesordnung.

De Winter: Will Obama das Modell des europäischen Wohlfahrtsstaates einführen?

Hanson: Traditionell war Scham eine Bremse für die Ausnutzung des Versorgungsstaates. Ich bin in einer homogenen Gesellschaft aufgewachsen – jedenfalls was die Werte betrifft, denn meine Familie ist von ihrer Abstammung her völlig gemischt –, und da gab es das Wort Versorgung nicht. Man bekam „Stütze“, wenn man irgendwelche sozialen Leistungen bezog. Das war beschämend, es sei denn, es war unumgänglich, weil man zum Beispiel ein Bein verloren hatte oder aufgrund anderer Umstände nicht für sich selbst sorgen konnte. Wenn man nicht produktiv war, war man ein Schmarotzer. Den Scheck mit dem Sozialhilfebetrag ließ man niemanden sehen. Das änderte sich nach den großen Einwandererströmen. Da kam der Opfergedanke auf. Man verlangte staatliche Unterstützung, weil man ein Opfer war. So ist ein ganzes System entstanden, eine ganze Opferhierarchie.

De Winter: In Europa kommt es teilweise vor, dass Einwanderer aus Nordafrika alles Mögliche von unserem Wohlfahrtsstaat verlangen. Und gleichzeitig machen sie sich darüber lustig, dass wir so dämlich sind, ihnen zu geben, was sie verlangen.

Hanson: Diese Opferhaltung führt so weit, dass sich unser Präsident für die Verbrennung einiger Exemplare des Korans entschuldigt, die islamische Gefangene selbst entweiht hatten, weil sie etwas hineingeschrieben hatten. Die Aufwiegler verabscheuen uns, weil sie spüren, dass wir kein Selbstvertrauen haben und unsere Werte nicht verteidigen.

Man stelle sich mal vor, General Patton wäre 1942 in Tunesien auf jemanden getroffen, der gesagt hätte: Wir werden einen von deinen Soldaten töten, weil der einen Koran verbrannt hat. Was meinen Sie wohl, wie Patton darauf reagiert hätte! Kann dieses Verhalten so weitergehen? Ich denke nicht. Diese Dinge haben eine begrenzte Haltbarkeit.

De Winter: Was ist denn nun genau schiefgelaufen? Lag es am Aufkommen von Ideologien, die den Freiheitsgedanken anderen Konzepten untergeordnet haben, wie zum Beispiel der sozialen Gerechtigkeit?

Hanson: In den Fünfzigerjahren war Erfolg etwas, was man sich hart erarbeiten musste. Sie müssen sich mal anschauen, wie schwer damals das Pensum an den Universitäten war. Man heiratete mit 21, bekam schnell drei Kinder. Man arbeitete lange, musste sich am Arbeitsplatz viel gefallen lassen und versuchte, darüber nicht zum Alkoholiker zu werden. Die Generation, die in den Sechzigerjahren erwachsen wurde, verweigerte sich all dem, wollte dieses Hamsterrad nicht mehr. Und die neue Wohlfahrt ermöglichte das auch. Man konnte viel bekommen, ohne dafür leiden zu müssen. Man beanspruchte es einfach. Und man begann das, was war, strukturell zu kritisieren. Der Planet sei überbevölkert, Autos verschmutzten die Umwelt und so weiter. Es kam zu einem Umbau der intellektuellen Architektur. Die extrem linke Ideologie wurde zum Mainstream.

De Winter: Und auf diese Weise wurde die Auffassung, dass die meisten Konflikte in der Welt durch sozioökonomische Verhältnisse bedingt sind, zum Allgemeingut.

Hanson: Menschen ziehen auch aus anderen als nur ökonomischen Gründen in den Krieg. Stolz zum Beispiel, Missgunst, Ehre. Argentinien brauchte die Falklandinseln nicht, aber sie waren wichtig für sein Selbstbild. Wenn Europäer denken wollen, dass sozioökonomische Gründe bei Konflikten die wichtigste Rolle spielen, steht ihnen das frei. Aber andere müssen sich dem nicht unbedingt anschließen. Der militärische Schutzschirm der Amerikaner hat Europa vor der Konfrontation mit anderen bewahrt. Aber ich fürchte, dass die Konflikte des 19. Jahrhunderts wiederkehren werden. Europa kann sich nicht selbst schützen, und Amerika hat kein Geld mehr dafür. Warum hat ein Land wie Pakistan Kernwaffen und Länder wie Deutschland oder die Niederlande nicht? Was passiert, wenn der amerikanische Schutzschirm zugeklappt wird?

De Winter: An sich positive Entwicklungen wie Wohlstand, Mobilität, Bildung haben also seit den Sechzigerjahren gegenläufige Folgen gehabt?

Hanson: Nehmen wir die Bildung. Die Hälfte unserer Bevölkerung besuchte oder besucht ein weiterführendes College oder die Universität. Nicht mehr vier Jahre lang, sondern sechs oder acht. Wir haben eine Studienschuld von einer Billion Dollar angehäuft. Das bedeutet auch, dass immer mehr Menschen vom Arbeitsmarkt abgezogen werden. Wir nehmen sie aus dem Arbeitsprozess heraus, während sie studieren, und dabei lernen sie immer weniger. Ich sah bei den Demonstrationen der Occupy-Bewegung eine Frau mit einem Schild, auf dem stand: „Ich bin Absolventin der Brown University, und ich habe keinen Cent.“ Sie wollte damit sagen: Ich kann denken, ich kann dir genau sagen, warum wir nicht die Bombe auf Hiroshima hätten abwerfen dürfen, ich kann dir genau sagen, warum wir keine fossilen Energieträger verbrennen sollten. Ich bin gebildet, ich bin klüger als ein Lkw-Fahrer, also stehen mir Geld und Ansehen zu. Ich will mir nicht die Hände in einem Schnellimbiss schmutzig machen, ich bin keine Versicherungsvertreterin, verstehst du denn nicht, was ich brauche? Darum ging es bei dieser ganzen Occupy-Bewegung.

De Winter: Die Bewegung war also heillos narzisstisch?

Hanson: Dabei handelte es sich um einen internen Konflikt von Vertretern der privilegierten Klasse. Die eine Gruppe sagte zur anderen: Ihr von der Wall Street habt euch zu viel genommen, aber wir sind zusammen zur Schule gegangen! Wir sind geistig ebenbürtig, aber wir haben nichts – das ist doch nicht fair. Und auch hier gilt die Frage: Wohin soll das alles führen? Das Frankreich des 18. Jahrhunderts lief auf Napoleon hinaus. Die Weimarer Republik auf Hitler. Solche Entwicklungen ziehen für gewöhnlich immer eine Gegenreaktion nach sich.

Hansons Frau tischt uns unverhofft ein warmes Essen auf, Steak und Gemüse. Die Verkrampftheit vom Beginn der Begegnung ist verflogen, die Schilderung seiner Sorgen hat Hanson sichtlich gute Laune gemacht.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hanni Ehlers

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