E-Mails veröffentlicht

Wie die Assads sich bei Twitter löschen ließen

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Gabriela M. Keller

Foto: dpa / dpa/DPA

Der britische Guardian hat private E-Mails des syrischen Präsidenten Assad, seiner Frau und von Mitarbeitern der beiden veröffentlicht. Daraus ergibt sich das bizarre Bild eines Diktatorenpaares, das sich mit iTunes und luxuriösem Online-Shopping beschäftigt, während Bürgerkrieg herrscht. Auch Twitter spielt dabei eine Rolle.

Kurz nach der bislang blutigsten Nacht der syrischen Revolte hat sich Präsident Baschar al-Assad offenbar an seinen Computer gesetzt, um eine romantische Nachricht an seine Frau Asma zu schreiben. Es ist Sonntag, 5. Februar, der Tag nach dem Beginn einer vernichtenden Militäroffensive in Homs. Panzer haben die Stadt aus allen Richtungen eingekesselt, Raketen fallen auf dicht besiedelte Wohnviertel. Binnen weniger Stunden sind Aktivisten zufolge Hunderte Menschen gestorben. Doch in Assads E-Mail geht es nicht um die Toten.

Er sendet seiner Frau einen Song des US-Countrysängers Blake Shelton, das Lied "God Gave Me You" als Sounddatei gleich dazu. Darin heißt es: "Ich bestehe nur noch aus Herzschmerz,/ Ich bin ganz durcheinander./ Die Person, die ich seit einiger Zeit bin,/ Ist nicht, was ich sein möchte./ Doch du bleibst hier bei mir,/ Siehst zu, wie der Sturm vorüberzieht." Ansonsten mag Syriens Präsident, das legen laut "Guardian" jedenfalls E-Mails nahe, die von Apple Musikdienst iTunes an den privaten Präsidentenaccount sam@lashaba.com gingen, Musik von Chris Brown und "Right Said Fred" . Itunes verschickt nach jedem Kauf automatisierte Bestätigungen per E-Mail. Eigentlich sollte es Assad wegen internationaler Sanktionen nicht möglich sein, bei iTunes einzukaufen. Der Trick: Um die Songs herunterladen zu können, nutzte Assad Namen und Adresse einer Person in den USA.

Sentimentalität und Bürgerkrieg

Sentimentale Lyrik und kitschige Töne inmitten eines Landes, das in Chaos und Gewalt versinkt. Das, was der britische "Guardian" aus einem Konvolut von 3000 privaten E-Mails von Assad und seiner Frau zutage gefördert hat, wirkt wie eine bizarre Politsatire. Die Liebe der Herrschenden in Zeiten des Krieges. Doch die E-Mails scheinen echt zu sein. Zumindest hat die Zeitung einigen Aufwand betrieben, um das zu prüfen.

Eine syrische Oppositionsgruppe, der Oberste Rat der Revolution, soll die Nachrichten von Juni 2011 bis Februar 2012 abgefangen und jetzt dem "Guardian" zugespielt haben. Ein Maulwurf unter den engsten Mitarbeitern des Präsidenten habe Benutzernamen und Passwort des Präsidenten und seiner Frau beschafft. So hätten die Aktivisten monatelang heimlich mitlesen können, was Assad und seine Gattin zu besprechen hatten.

Der Präsident nutzte die E-Mail-Adresse sam@alshahba.com, seine Frau ak@alshahba.com. Alshahba ist nach Informationen des "Guardian" eine Firma mit Sitz in Dubai und einer Niederlassung in London, über die Asma al-Assad angeblich Geschäfte abwickelt. Die E-Mails enthielten zum Teil Familienfotos, einen eingescannten Ausweis des Präsidenten und die Geburtsurkunde eines Familienmitgliedes. Material, das schwierig zu fälschen wäre. Zudem hat die Zeitung den Inhalt mit bekannten Fakten abgeglichen und zehn Empfänger kontaktiert, die den Erhalt der Nachrichten bestätigten.

Einblick ins Innerste des Regimes

Wenn die E-Mails echt sind, geben sie einen Einblick in die Strukturen eines Regimes, aus dem normalerweise keine Informationen nach außen dringen. Demnach hat sich Assad einen Kreis von engen Vertrauten aufgebaut, mit denen er sich direkt über E-Mail austauscht. Zu den Medienberatern des Präsidenten sollen zwei Frauen zählen, Sheherazad Jaafari , die Tochter des syrischen UN-Botschafters, und Hadil al-Ali. Kurz vor einer Ansprache Assads im Dezember erhielt er eine Nachricht von al-Ali. Laut "Guardian" legte sie dem Präsidenten nahe, seine Rede "kraftvoll und brachial" zu formulieren. Mit den Ergebnissen war sie offenbar zufrieden. Ihre Begeisterung fasste sie in einer weiteren E-Mail zusammen: "Wir lieben ihn sooooooo sehr!!! Wir sind so stolz auf ihn und seine Stärke, Weisheit, sein Charisma und natürlich seine Schönheit."

Aufschlussreich sind auch die Ratschläge des libanesischen Geschäftsmanns Hussein Mortada, der enge Beziehungen zu den islamistischen Machthabern im Iran pflegen soll. Seine E-Mail scheint zu belegen, wie flexibel das Regime in Damaskus nach Bombenanschlägen mit den Schuldzuweisungen umgeht: Mortada drängte Assad, nicht länger das Terrornetzwerk al-Qaida verantwortlich zu machen. "Das wäre ein schwerer taktischer Fehler", zitiert der "Guardian", "wir müssen sagen, die US-Regierung, die Opposition und die Staaten, die Waffen eingeschleust haben, stecken hinter der Operation." Der Geschäftsmann schreibt, er habe sich mit dem Iran sowie mit der militanten Islamistenbewegung Hisbollah abgesprochen, die seine Ansichten teilten.

Beschwerde bei Twitter

Ein Ziel des Assad-Regimes: Twitter. Bei dem Kurznachrichten-Netzwerk gab es eine ganze Reihe von Accounts wie @SyrianPresident, @firstladyasma, @bashiralassad und @FirstLadysyria. Fares Kallas, nach eigenen Angaben “Director of Projects and Initiatives” im Büro von Asma al-Assad, beschwerte sich bei Twitter. Der Twitter-Support führt in einer ersten Antwort aus, dass es Nutzern sehr wohl erlaubt sei, parodistische Twitter-Namen zu nutzen und entsprechende Twitter-Angebote zu betreiben. Dann aber werden die angemahnten Accounts doch gelöscht. Am 8. Januar 2012 schickt Asma al-Assad ihrem Mann eine E-Mail mit der Vollzugsmeldung : "Fares hat all Deine Twitter-Accounts geschlossen."

Der "Guardian" hat eine ganze Reihe von E-Mails im Original beziehungsweise mit einer Übersetzung des Originaltextes veröffentlicht. Insbesondere die privaten Vorlieben von Assads Frau werden dadurch offenbar.

Asma al-Assad unterzeichnet ihre E-Mails mit "aaa"; sie nutzt die E-Mail-Adresse ak@alshahba.com zur Kommunikation mit Familienmitgliedern und Freunden .

Die Frau des syrischen Präsidenten nutzt ihren E-Mail-Account nicht zuletzt, um online einzukaufen. Unter dem Pseudonym Alia Kayali etwa ordert sie bei dem Pariser Designer Herve Van der Straeten unter anderem Bestellt sie per E-Mail unter anderem diese Objekte für 2400 Euro pro Stück Insgesamt bestellt die Diktatoren-Gatin Möbel, Leuchter und anderes für insgesamt rund 35.000 Euro und lässt sie sich nach Dubai schicken .

In einer E-Mail an eine Freundin verschickt Asma Fotos von Schuhen des Designers Christian Louboutin, die nur einem exklusiven Kundenkreis angeboten werden – unter anderem ein Paar mit 16 Zentimeter hohen Absätzen, besetzt mit Kristallen. Die Freundin antwortet: „Ich LIEBE sie wirklich – aber ich glaube nicht, dass sie in nächster Zeit nützlich sein könnten.“

Bei dem US-Einrichter Baker Furnitures bestellt Asma Nachttische und Lampen – mit der Lieferung allerdings geht etwas schief . Außerdem auf der Einkaufsliste: eine Ming-Vasen-Lampe, ein Collier - und ein Fondue-Set von Amazon . In Sachen Fondue-Set fragt sie allerdings zunächst bei Ihrem Mann an, ob der Kauf in Ordnung sei. Der sagt ja und merkt zudem an, dass das britische Luxuskaufhaus Harrod's endlich geliefert habe . Was genau geht aus den E-Mails nicht hervor.

Ihrem Mann schickt Asma mehrere Links zu Anbietern von schussfester Kleidung , unter anderem vom US-Hersteller Bullet Blocker . Bei einer Freundin schließlich fragt sie an, ob die ihr wohl beim nächsten Besuch die DVD des zweiten Filmteils von "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" mitbringen könne.

Fawaz Akhras , Asmas Vater und Assads Schwiegervater, der als Mediziner in London lebt, schickte dem syrischen Diktator E-Mails mit Auszügen aus Medienberichten (die Originale hier und hier ) und politischen Ratschlägen . Akhras munitionierte Assad mit angeblichen Fakten und Argumentationsstrategien. Er bemühte sich, einen britischen Verfassungsrechtler zu gewinnen – Assad soll den Besuch des Rechtsexperten in Syrien dazu nutzen, seine angekündigte Verfassungsreform als ernsthaft erscheinen zu lassen. Und er fragte, ob es tatsächlich eine Neujahrsparty in Damaskus geben solle – und ob das angemessen sei.

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