Hamadi Dschebali

"Keinen Grund, vor der Scharia Angst zu haben"

Der tunesische Regierungschef besteht in Berlin darauf, dass das Land seinen eigenen Weg zu einer islamischen Demokratie findet. Und bietet Diktator Baschar al-Assad Asyl an.

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Als er im tunesischen Foltergefängnis saß, hätte Hamadi Dschebali nie zu träumen gewagt, dass er jemals die deutsche Kanzlerin treffen würde. Dann aber fegte die tunesische Revolution Diktator Ben Ali aus dem Amt, und nur ein Jahr später macht der neue tunesische Regierungschef ihr in Berlin seine Aufwartung.

Seine erste Reise führt ihn nicht etwa nach Paris, sondern nach Deutschland – die „Lokomotive Europas“, wie Dschebali es nennt. Angeführt wird die Regierung von den Islamisten der Ennahda, der auch Dschebali angehört. Wohin sie das Land steuert, wird sowohl im In- als auch im Ausland kritisch verfolgt.

Regierungschef gibt sich weltoffen

Das Ringen um die neue Verfassung hat begonnen, die Tunesier haben in den ersten freien Wahlen eine Versammlung damit beauftragt. Tunesien gilt als Hoffnungsträger unter jenen Ländern im arabischen Raum, die sich ihres diktatorischen Herrschers entledigten. Während die Revolution in Ägypten im Chaos versinkt, schreitet der parlamentarische Prozess in Tunesien voran. Dschebalis Aufgabe ist es seit seiner Berufung im Dezember nicht nur, sein Land in eine neue Zukunft zu führen.

Im Ausland soll er gleichzeitig auch Sorgen um den demokratischen Kurs Tunesiens zerstreuen. Und so gibt sich der Regierungschef bei seinem Besuch erst einmal weltoffen. Das endet jedoch bei der Wahl der Sprache. Der gelernte Ingenieur hatte einst in Paris studiert. Und obwohl sein Französisch passabel ist, besteht er darauf, die Fragen an ihn auf Arabisch zu beantworten. Ihm komme es darauf an, sich „unmissverständlich zur Zukunft seines Landes zu äußern“.

Und so erklärt er gegenüber Morgenpost Online, die neue Verfassung werde ein Gesetzeskanon für alle Tunesier sein. Freiheit des Glaubens, der Meinung, der Versammlung, der Presse – darauf gründe das Land seine Zukunft. „Es gibt jedenfalls keinen Grund, vor dem Wort Scharia Angst zu haben“, so Dschebali. Man begreife das islamische Recht als Freiheit, zwischen mehreren Optionen wählen zu können. Er sehe darin keinen Widerspruch zur westlichen Auffassung von Demokratie, ganz im Gegenteil.

„Die Tunesier haben dafür gekämpft, frei sagen zu dürfen, was sie denken.“ Erstmals haben sie nun eine demokratische Regierung gewählt, die irgendwann auch wieder von einer Opposition abgelöst würde. „Unsere neue Verfassung muss dafür sorgen, dass das so bleibt.“

Die Bemerkung, er klinge bei seinen Ausführungen fast wie ein europäischer Politiker, erfreut den Regierungschef sichtlich. „Glauben Sie nicht, dass ich zu Hause hinter verschlossenen Türen etwas anderes sage!“, kommt er möglichen Kritikern schnell zuvor.

Übernimmt auf dem internationalen Parkett Verantwortung

Nicht nur innenpolitisch hat sich in Tunesien einiges getan, seit Ex-Präsident Ben Ali aus dem Amt gefegt wurde. Auch auf dem internationalen Parkett übernimmt das kleine Land Verantwortung. So machte Tunesien jüngst mit Vermittlungsversuchen im Syrien-Konflikt von sich reden. Um das Blutvergießen zu beenden, bot man Assad sogar Exil in Tunesien an. Dschebali nimmt auch die internationale Gemeinschaft in die Pflicht:

Die syrischen Revolutionäre benötigten dringend Hilfe, denn „vom guten Zureden allein ist noch keine Diktatur gestürzt worden“. Gleichzeitig warnt er vor einer Intervention, die am Ende nur Assad helfen könnte, sich als Opfer ausländischer Mächte zu gerieren.

15 Jahre Gefängnis mit Folter

In der Regel beendet Dschebali jede seiner Antworten mit einem breiten, um Verständnis werbenden Lächeln. Aber das kann auch schnell erlöschen. Etwa wenn Dschebali über seine persönliche Leidensgeschichte spricht. Für das gestürzte Regime war er ein Staatsfeind, 15 Jahre lang saß er deshalb unter Folter im Gefängnis. „Inhaftiert zu sein ist immer schlimm. Aber ich saß in einem Gefängnis im Gefängnis – mir wurde weder ein Buch noch ein Stift zugestanden.

Es ging darum, mich kleinzumachen, darunter litt ich am meisten“, sagt er mit gesenkter Stimme. Vermutlich auch deshalb präsentiert Dschebali sich als vehementer Verteidiger von Meinungsfreiheit. In seiner Vorstellung sollen auch die radikal-islamischen Salafisten ihre Meinung kundtun dürfen – solange sie dabei auf Gewalt verzichteten und sich an die Gesetze hielten. Das Gleiche gelte für die Kleiderordnung – auf der Straße sollen die Frauen tragen dürfen, was sie wollen.

Bildung als Schlüssel zur wirtschaftlichen Reform

An den Universitäten jedoch ist jüngst ein Streit ausgebrochen, was das Recht zur Verschleierung anbelangt. „Ich halte es insbesondere in Prüfungen für höchst unpraktisch, wenn man wegen der Gesichtsschleier nicht sehen kann, wer da vor einem sitzt“, erklärt Dschebali dazu pragmatisch. Überhaupt betrachtet er Bildung als den Schlüssel zur wirtschaftlichen Reform Tunesiens – eine zentrale Forderung, die die jungen Demonstranten vor einem Jahr überhaupt erst auf die Straßen getrieben hatte.

Noch immer sind von knapp zehn Millionen Tunesiern etwa 800.000 arbeitslos, 200.000 davon, obwohl sie gut ausgebildet sind. Dschebali weiß, dass er Hilfe brauchen wird, um Tourismus, Bausektor und der Dientsleistungsbranche auf die Beine zu helfen.

Fordert, eigenen Weg gehen zu dürfen

Auch deshalb führt ihn seine Reise als Erstes nach Berlin, von der Kanzlerin erhofft er sich konkrete Investitionszusagen. „Wir treten dabei nicht als Bittsteller auf, das verbietet uns allein schon unser arabischer Stolz“, sagt er. Außerdem profitiere auch Europa von einem stabilen strategischen Partner an seiner Südgrenze.

Der Auftritt des Regierungschefs zeugt von neuem tunesischem Selbstbewusstsein, das Dschebali nicht als Überheblichkeit missverstanden wissen will. Er fordert aber, dass Tunesien seinen eigenen Weg gehen darf. In seiner Zeit in Frankreich habe er gelernt, dass die Europäer nur diejenigen respektierten, die sich treu blieben und die eigene Identität nicht aufgaben.