Avaaz-Gruppe

Wie Netzaktivisten im Syrien-Konflikt Waffen werden

Ursprünglich organisierte Avaaz Lobbyarbeit und Petitionen, um Syrern zu helfen. Doch nun greift die Gruppe aktiv ein – mit Hilfsgüter im Wert von Millionen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Angefangen hat es mit Satellitentelefonen, Laptops und Modems. Es war im Frühjahr 2011, in den ersten Tagen der syrischen Revolution. Das Regime versuchte, alle Nachrichten zu unterdrücken, und irgendwo in einem New Yorker Büro fiel der Entschluss, etwas dagegen zu tun. "Wir wollten Löcher in den Black-out stechen", sagt Ricken Patel, Geschäftsführer der Kampagnengruppe Avaaz, "damit der Sauerstoff der medialen Aufmerksamkeit ins Land kommen kann."

Für Patel hängt beides zusammen, der Fluss von Informationen und die Durchhaltekraft der syrischen Protestbewegung. Deswegen hat Avaaz Kommunikationstechnologie im Wert von 1,2 Millionen Dollar nach Syrien geschmuggelt.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass es in der südsyrischen Stadt Daraa zu den ersten Demonstrationen kam. Von dort aus haben sich die Proteste über das ganze Land ausgebreitet. Das Regime reagierte von Anfang an mit brachialer Gewalt. Die Armee rückte mit Scharfschützen und Panzern gegen unbewaffnete Demonstranten vor.

Reporter über traditionelle Schmugglerpfade geschleust

Inzwischen sind nach UN-Schätzungen mehr als 8000 Menschen gestorben. Zehntausende wurden verletzt, gefoltert, verschleppt und vertrieben. Und während die Revolte anfangs friedlich verlief, ist längst auch ein bewaffneter Aufstand in Gang gekommen. An einigen Orten herrscht seit Monaten ein offener Bürgerkrieg.

Avaaz reagierte bereits, als sich die ersten Anzeichen einer keimenden Protestbewegung abzeichneten. Zunächst stellte die Organisation im benachbarten Libanon ein Team aus Vollzeit-Mitarbeitern zusammen. Dabei rekrutierte sie auch Wissam Tarif, einen angesehenen syrischen Demokratie-Aktivisten, der zuvor seine eigene Menschenrechtsorganisation geleitet hatte. Kontakte wurden geknüpft, Bürgerjournalisten in Syrien geschult, Transportwege aufgebaut.

Es dauerte nicht lange, da schleuste Avaaz auch Reporter über die traditionellen Schmugglerpfade ins Land. Später begann die syrische Armee, ganze Viertel über Wochen abzuriegeln. Als dort die Vorräte knapp wurden, nutzte Avaaz die entstandenen Strukturen, um Medikamente, Milchpulver, Blutkonserven und sogar Beatmungsgeräte in die Protesthochburgen bringen zu lassen.

"Überwältigender Mut" der Syrer

Doch erst als Avaaz den Fotografen Paul Conroy und drei anderen ausländischen Journalisten im Februar zur Flucht aus der umkämpften Stadt Homs verhalf, wurde deutlich, dass die Organisation mittlerweile eine Schlüsselrolle innerhalb des Konflikts spielt. Damit sind aber auch Zweifel an der Arbeit der Gruppe aufgekommen. Denn bei der Rettung Conroys, die Avaaz koordiniert hatte, kamen 13 syrische Aktivisten ums Leben. Die syrischen Streitkräfte hatten die Gruppe unter Beschuss genommen.

Der Vorfall stelle für ihn jedoch keinesfalls das Engagement infrage, sagt Patel. Der "überwältigende Mut" der Syrer habe nur umso klarer gemacht, wie wichtig es sei, die Protestbewegung zu unterstützen. "Es gibt so viele Nichtregierungsorganisationen, die lieber 1000 Leute sterben lassen, als dass ein Todesfall mit ihnen in Verbindung gebracht wird", sagt er. Für diese Scheu hat der Avaaz-Chef kein Verständnis.

Keine feste Ideologie

Patel ist Kanadier, 35 Jahre alt. Ehe er vor fünf Jahren Avaaz mitgründete, hat er für die International Crisis Group gearbeitet, in Staaten wie Sierra Leone, Sudan und Afghanistan. Mit mehr als 13 Millionen Mitgliedern hat sich Avaaz seither zum größten Internet-Kampagnennetzwerk der Welt entwickelt. Avaaz heißt auf Persisch, Urdu und Türkisch "Stimme".

Die Organisation ist links-liberal geprägt, auch gibt es Berührungspunkte mit den US-Demokraten. Der frühere Kongressabgeordnete Tom Perriello etwa zählt zu den Mitbegründern; Ex-Vizepräsident Al Gore hat sich an einer Avaaz-Kampagne gegen den Klimawandel beteiligt.

Sonst aber richtet sich Avaaz weniger nach einer festen Ideologie, sondern eher nach dem Ziel, "die Lücke zu schließen, zwischen der Welt, in der wir leben, und der Welt, in der wie leben wollen", wie Patel es ausdrückt. Entsprechend treibt Avaaz eine schwindelerregende Vielfalt von Aktionen voran: Es geht um Bienensterben, genverändertes Gemüse, die Murdoch-Medien, Anti-Homosexuellen-Gesetze in Uganda, Nahrungsmittelspekulation bei der Deutschen Bank und europäische Fischfangquoten.?

Avaaz finanziert sich ausschließlich aus Spenden; die Höchstsumme pro Person ist auf 5000 Dollar begrenzt. Von Parteien, Institutionen oder Unternehmen werden keine Gelder angenommen. Welche Themen das Netzwerk aufgreift, legten die Mitglieder fest, sagt Patel.

Der Wille der Community werde in Online-Umfragen und Spendenaufrufen ermittelt. Die Prioritäten der Mitglieder seien auch der Grund für den derzeitigen Fokus auf Syrien: "Das Ausmaß des Wunsches, dem syrischen Volk beizustehen, ist phänomenal", sagt Patel. "Die Leute haben Millionen von Dollar für Syrien gespendet. Deswegen haben wir die Kapazität für das Projekt."

Ergebnisorientiertes Arbeiten

Bisher hat sich Avaaz vor allem mit Online-Petitionen einen Namen gemacht. Die Mitglieder können auf der Website der Organisation zur Aktion ihrer Wahl per Mausklick vorgefertigte Emails verschicken. Kritiker haben Avaaz daher "Klicktivismus" vorgeworfen, eine Art von Aktivismus also, der bequem vom Schreibtisch aus machbar ist – und damit den aufrichtigen Drang der Menschen, sich für etwas zu engagieren, ins Leere laufen lässt.

Jetzt allerdings erntet das Netzwerk aus den gegenteiligen Gründen Kritik: Ihr Engagement in Syrien hat die Frage aufgeworfen, ob eine Nichtregierungsorganisation grundsätzlich so direkt in einen gewaltsamen Konflikt eingreifen soll. "Für uns zählt nur eines", sagt Patel. "Was wollen die Menschen in Syrien? Und was können die Leute tun, um zu helfen?"

Zudem sei ein Netzwerk wie Avaaz in der Lage, deutlich wendiger und ergebnisorientierter zu arbeiten, als große etablierten Organisationen. Das Rote Kreuz zum Beispiel musste tagelang warten, ehe die Helfer für 45 Minuten in das Viertel Baba Amro der Stadt Homs vorgelassen wurden.

Avaaz hingegen beantragt keine Genehmigungen. Die Gruppe hat im Laufe der vergangenen Monate Hilfsgüter im Wert von 1,8 Millionen Dollar in die belagerten Städte schleusen lassen, zum Teil mit Hilfe von professionellen Schmugglern. "Wir haben uns offen dafür entschieden, syrische Gesetze zu brechen", betont Patel. Mit solchen unkonventionellen Methoden aber ist das Netzwerk tief in den Konflikt hineingezogen worden.

Schon kurz vor der Evakuierung des Fotografen Conroy gab es einen tödlichen Zwischenfall: Sieben Aktivisten, die mit Avaaz zusammenarbeiteten, starben bei dem Versuch, medizinische Hilfsgüter nach Homs einzuschmuggeln. Ihre Leichen wurden auf der Straße kurz vor dem Viertel Baba Amro gefunden, mit Schusswunden und auf den Rücken gefesselten Händen. Auf dem Asphalt ringsum lagen die Medikamente verstreut.

Zugleich ist die Bedeutung der Gruppe steil angestiegen: Mit rund 200 Bürgerjournalisten hat die Organisation ein Informationsnetzwerk aufgebaut, dass viele Journalisten nutzen. Nach eigenen Angaben hat Avaaz dabei geholfen, etwa 30 Prozent des Bildmaterials zu beschaffen, das auf CNN und BBC gezeigt wird. Auch der Einfluss von Avaaz als politische Lobbygruppe hat zugenommen: In den vergangenen Monaten hat Avaaz zu allen internationalen Syrien-Konferenzen Vertreter geschickt.

"Ziviles Leben schützen"

"In Tunis zum Beispiel hat sich unser Team mit allen Außenministern getroffen", sagt Patel. Zudem riefen derzeit im Durchschnitt drei Regierungen an, um die Avaaz-Mitarbeiter nach Rat oder Informationen zu fragen. Inzwischen sucht die Weltgemeinschaft ernsthafter nach einer Lösung, wie das Blutvergießen in Syrien beendet werden kann.

Arabische Staaten wie Katar und Saudi-Arabien, die selbst nicht demokratisch regiert werden, hatten lange geschwiegen. In den vergangenen Monaten aber haben auch Syriens Nachbarländer den Druck auf Damaskus deutlich erhöht. Im Nahen Osten wächst die Furcht, die Gewalt aus Syrien könnte auf die ganze Region übergreifen.

Errichtung der Schutzzone

Avaaz hat zuletzt von der Arabischen Liga die Errichtung einer Schutzzone gefordert, die "mit allen notwendigen Mitteln zu verteidigen" ist. Also eine militärische Intervention. "Der Grundgedanke ist, dass die Internationale Gemeinschaft eine Verantwortung hat, ziviles Leben zu schützen", sagt Patel.

Die politische Arbeit ist für ihn eine zwingende Folge des humanitären Engagements. "Bei vielen Nichtregierungsorganisationen gibt es eine seltsame Kultur, diese Vorstellung, dass Politik irgendwie schmutzig ist. Doch die meisten wichtigen Kämpfe werden in der Politik verloren und gewonnen. Wer sich da raushält, scheidet von vornherein aus dem Spiel aus."