Popkultur

Wie US-Megakirchen Mitgliederschwund verhindern

In den USA haben "Megakirchen" trotz kritischer Stimmen viel Zulauf. Eine neue Studie bescheinigt den von amerikanischer Popkultur geprägten Kirchen weiter Wachstumschancen.

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In der US-amerikanischen Kirchenwelt wird kontrovers diskutiert über die Zukunftsfähigkeit eines umstrittenen, aber gegenwärtig offenbar erfolgreichen Gemeindemodells. Es geht um die rund 1600 so genannten Megakirchen, Gemeinden mit mehr als 2000 Mitgliedern.

Rund 56 Millionen US-Protestanten besuchen an einem gewöhnlichen Wochenende in den USA einen Gottesdienst, knapp 90 Prozent nehmen an einem Gottesdienst mit weniger als 100 Besuchern teil. Etwa sechs Millionen Amerikaner suchen einen Gottesdienst auf, der 2000 oder mehr Gläubige anzieht.

Mehr als die Hälfte der Megakirchen ist konfessionell nicht gebunden, aber evangelikal ausgerichtet. Neben Gottesdiensten mit Showelementen bieten sie auf ihrem Campus auch Fitnessstudios und Kinderkrippen.

Megakirchen stützten sich auf charismatische Prediger

Das evangelikale Magazin „Leadership Journal“ warnte jedoch kürzlich, dass die „Blase“ der „Megas“ platzen könnte. Megakirchen stützten sich auf charismatische Prediger; und viele Gründer bewegten sich aufs Pensionsalter zu. Zudem müssten Megakirchen kostspielige Gebäude unterhalten.

Schlechte Presse gab es überdies für zwei prominente Megakirchen: Die in Finanznot geratene kalifornische „Kristallkathedrale“ musste im November eben diese Kathedrale verkaufen. Bei der „New Birth Missionary Baptist“-Kirche in Georgia bleiben Gläubige weg wegen beharrlicher Finanz- und Missbrauchsbeschuldigungen gegen den dortigen Pastoren.

Megakirchen-Experte Scott Thumma, Soziologe am Hartford Theological Seminary in Hartford (US-Staat Connecticut), hält Warnrufe vor dem Niedergang für verfehlt. Die Probleme der Kristallkathedrale und von „New Birth“ seien lokaler Natur.

Thumma legte kürzlich eine neue Studie über die Entwicklung der Megakirchen vor. Danach ist deren durchschnittliche Besucherzahl zwischen 2005 und 2010 von 2604 auf 3597 angestiegen. Hingegen verzeichneten die meisten protestantischen Kirchen von den konservativen Südlichen Baptisten bis zur Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika Mitgliedsverluste.

Stehen Megakirchen für "Christentum light"?

Thumma weist auch Spott zurück, Megakirchen präsentierten „Christentum light“ mit Wohlfühlpredigten und emotionaler Musik. Natürlich seien die vor allem in Mittelklasse-Vorstädten angesiedelten Megakirchen gefärbt von amerikanischer Popkultur, sagte Thumma.

Beim mehrmaligem Besuch der Gemeinden erlebe man aber, dass Vorwürfe der Oberflächlichkeit nicht zuträfen. Megakirchen nähmen Besucher mit offenen Armen auf. Dann aber böten sie den „Neuen“ viel Gelegenheit zum Mitmachen, vor allem in Kleingruppen zum Gespräch, zum Bibelstudium und zur Freiwilligenarbeit, so dass aus „Zuschauern schnell Mitglieder werden“.

Das Problem des „Übergangs“ vom charismatischen Gründer zum nächsten Prediger gebe es durchaus, sei aber „lösbar“, ist Warren Bird, Forschungsdirektor des christlichen Beraterfirma Leadership Network, überzeugt. Er wisse von rund 100 Megakirchen, in denen die Pastoren noch nicht einmal 40 Jahre alt seien.

Viele „Megas“, wie die bekannte Saddleback Kirche in Kalifornien mit mehr als 20.000 Mitgliedern, hätten Predigtteams gebildet.

Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen

Megakirchen seien zukunftsfähig, sagte Thumma. In seiner Studie fand er heraus, dass 70 Prozent der Besucher von Megakirchen unter 50 Jahre alt sind. Ein Grund für ihr Wachstum sei auch ihre Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen.

Fast alle Megakirchen nutzten intensiv die neuen Medien und soziale Netzwerke. Der Pastor von Saddleback, Rick Warren, erwartet, dass die Megakirchen der Zukunft weiter wachsen. Viele richteten Satellitenkirchen ein, in denen der Hauptgottesdienst übertragen wird oder separate Gottesdienste abgehalten werden. Mithilfe neuer Technologien könne man „Zehntausende anziehen, ohne riesige Gebäude aufzustellen“, sagte Warren.

Unter kirchlichen Experten wird vermutet, dass die „Megas“ vor allem Aussteiger aus traditionellen Kirchen gewinnen. Die größte US-Megakirche ist nach Angaben des „Hartford Theological Seminary“ die unabhängige Lakewood Kirche im texanischen Dallas mit mehr als 40.000 Mitgliedern.

Warren Bird vom Leadership Network will die Megakirchenthematik nicht auf die USA begrenzen: Das Wachstum der Megakirchen finde in der Dritten Welt statt, vor allem in Südkorea, Afrika und Lateinamerika. Was die Größe und die Anhängerzahl anbelangt, stellten Megakirchen in diesen Regionen selbst die größten US-Megakirchen in den Schatten.