Amoklauf in Afghanistan

Die Angst vor Rache der Taliban nach dem Massaker

| Lesedauer: 7 Minuten
Agnes Tandler

Nach dem Massaker eines US-Soldaten in Kandahar wuchern Spekulationen über die Tatumstände. Das Parlament fordert, den GI in Afghanistan zu verurteilen.

In Afghanistan wächst der Hass auf die ausländischen Soldaten. „Die Geduld der Afghanen mit den Willkürakten der fremden Truppen ist am Ende“, erklärte am Montag das afghanische Parlament in Kabul. Nach dem Amoklauf eines amerikanischen Soldaten in einem Dorf im Süden Afghanistans liegen die Nerven blank. Die Nato befürchtet Racheakte der aufständischen Taliban. Der Vorfall könnte die Mission des Westens am Hindukusch weiter komplizieren.

Am Sonntag früh hatte ein US-Soldat unweit seiner Militärbasis westlich der Stadt Kandahar offenbar wahllos mindestens 16 Menschen – darunter neun Kinder – in ihren Häusern im Schlaf erschossen. Es ist der zweite schwere Vorfall innerhalb von drei Wochen.

Erst Ende Februar hatten US-Militärs auf einem Stützpunkt in Afghanistan versehentlich Exemplare des Korans verbrannt und so den Zorn der Afghanen auf sich gezogen. Bei anschließenden tagelangen anti-westlichen Protesten im ganzen Land kamen mindestens 40 Menschen ums Leben – auch sechs US-Soldaten wurden getötet.

Geistliche in Kandahar mahnen Bevölkerung zur Ruhe

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach bei einem Besuch der Bundeswehrtruppen in Masar-i-Sharif, im Norden des Landes, den Afghanen ihr Beileid aus. Die USA und die Nato haben eine umfassende Untersuchung der Tatumstände angeordnet und ihr Bedauern über den „schrecklichen Vorfall“ ausgedrückt.

Sie gehen bislang davon aus, dass es sich bei dem Todesschützen um einen geistig verwirrten Einzeltäter handelt. Das afghanische Innenministerium rief die Bevölkerung indes auf, die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten – offenbar in Sorge, das Massaker könnte wieder eine blutige Protestwelle nach sich ziehen.

Auch Geistliche in Kandahar, der Geburtsstätte der Taliban-Bewegung, mahnten die Bevölkerung zur Ruhe. Vereinzelt kam es dennoch vor Einrichtungen des US-Militär in Afghanistan zu Demonstrationen. Doch insgesamt schienen – anders als bei der Koran-Verbrennung – die Appelle von Politikern und Religionsführern die Wut der Bevölkerung diesmal im Zaum zu halten.

Taliban schwören "amerikanischen Terroristen" Rache

Die Taliban schworen , den Tod jedes einzelnen Opfers der Bluttat zu vergelten. Die „amerikanischen Terroristen“ würden sich für ihr Verhalten entschuldigen wollen, indem sie den Täter als verrückt darstellten, erklärten die radikalen islamischen Taliban auf ihrer Website, und kündigten Rachetaten an.

Gleichzeitig verurteile das afghanische Parlament den Vorfall und brach seine Sitzung aus Protest gegen die Bluttat später ab. Die Abgeordneten forderten, den Täter statt vor ein US-Militärgericht vor afghanische Richter zu stellen . Afghanistans Präsident Hamid Karsai sagte, die Tat sei „mit Absicht“ geschehen. „Das ist Mord, eine absichtliche Tötung unschuldiger Zivilisten und das kann nicht vergeben werden“, sagte Karsai in seinem Statement.

Amoklauf reißt neue Gräben auf

Der Unmut in der afghanischen Bevölkerung über Nachtrazzien und die Tötung von Zivilisten ist groß. Präsident Karsai verlangt seit langem ein Ende der nächtlichen Hausdurchsuchungen durch die ausländischen Truppen, die in den Häusern nach versteckten Taliban-Kämpfern suchen.

Die USA und Afghanistan verhandeln zurzeit über ein Militär-Abkommen für die Zeit nach 2014, wenn die Nato ihre Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen hat. Weil der Plan den Verbleib von einigen wenigen US-Militärbasen vorsieht, betrachtet ihn die afghanische Bevölkerung mit großem Argwohn. Der Amoklauf des US-Soldaten reißt weitere Gräben auf und könnte die Verhandlungen nun erschweren.

Einzeltäter oder betrunkene Mörderbande?

In Afghanistan gehen derweil die Spekulationen über die Tatumstände weiter. Einige Augenzeugen berichten von einer Gruppe von betrunkenen US-Soldaten, die im Morgengrauen ihre Basis im Pandschwai-Distrikt verlassen hatten, um im nahe gelegenen Dorf Zangabad systematisch auf Menschenjagd zu gehen.

Man habe einen Hubschrauber und Scheinwerfer-Lichter gesehen, sagten sie. Andere wiederum sprachen von einem Einzeltäter, der mit einer Kalaschnikow mit aufmontiertem Raketenwerfer ausgerüstet gewesen sei. Einwohnern zufolge soll der Soldat die toten Opfer in Decken eingewickelt und in Brand gesteckt haben.

Einige der Leichen wiesen gezielte Kopfschüsse auf. Der Distrikt, eine frühere Hochburg der Taliban, ist seit Jahren Kriegsschauplatz zwischen den Taliban und den Nato-Truppen. Die Sicherheitslage ist prekär. Anfang März wurden zwei US-Soldaten von Aufständischen erschossen: Im Februar starben drei amerikanische Truppen bei der Explosion einer Bodenmine.

Amokläufer stammt aus "Problemkaserne"

Immer noch gibt es keine Hinweise auf die Motive des Täters, der sich nach dem Amoklauf selbst gestellt haben soll. Der Soldat werde zurzeit noch vernommen, hieß es. Es soll sich um einen 38-jährigen Feldwebel handeln, der in der Lewis-McChord-Kaserne im US-Bundesstaat Washington stationiert ist.

Der zweifache Vater sollte mit seiner Einheit für die Stabilisierung der Sicherheitslage in den umliegenden Dörfern sorgen. Soldaten in solchen Operation versuchen, enge Beziehungen zu den Bewohnern um ihre Militärbasis aufzubauen, um so das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und den Taliban Rückhalt zu entziehen.

Der Soldat, der seit elf Jahren im US-Militär dient, hatte vor seinem Einsatz in Afghanistan bereits drei Kriegseinsätze im Irak hinter sich. Der Militäreinrichtung, aus der der Täter stammt, sorgt nicht zum ersten Mal für Negativschlagzeilen. Sie gilt Kennern der Lage als Problem-Kaserne .

Vor vier Monaten verurteilte ein Militärgericht dort den Anführer eines „Kill Teams“, das sich in Afghanistan einen Sport daraus gemacht hatte, Afghanen zu erschießen und mit den getöteten Opfern zu posieren. Im vergangenen Jahr begingen zwölf Soldaten der Kaserne Selbstmord. Lewis-McChord ist eine der größten Militäreinrichtungen in den USA mit rund 40.000 stationierten Truppen.

Karsai irritiert mit frauenfeindlicher Richtlinie

Das Massaker könnte ein Wendepunkt für den Krieg der Nato am Hindukusch bedeuten und den Abzug der Truppen beschleunigen. Ein ähnlicher Vorfall im Irak-Krieg 2005, als amerikanische Soldaten in der Stadt Haditha 26 unbewaffnete Zivilisten auf grausame Weise töteten, wurde einer der wichtigsten Beweggründe der USA, die Truppen aus dem Irak abzuziehen.

Die unangenehmen Zwischenfälle, in die US-Soldaten in Afghanistan verwickelt sind, häufen sich. Erst vor wenigen Wochen löste ein Video-Clip im Netz einen Sturm der Entrüstung aus, weil US-Soldaten darin auf tote Taliban-Kämpfer urinieren. Gleichzeitig kühlen auch die amerikanischen Sympathien für den afghanischen Präsidenten Karsai merklich ab.

Dieser sorgte erst am Wochenende mit einer neuen Richtlinie für erhebliche Irritationen, auch bei der deutschen Bundeskanzlerin. Das neue Gesetz kläre nur die Pflichten der Frauen in Afghanistan, so Karsai. Kritiker werfen ihm indes vor, die Richtlinie zementiere die Entmündigung und sexuelle Unterwerfung afghanischer Frauen.

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