Gewalt in Syrien

Assad-Gegner berichten von toten Kindern in Homs

Seit einem Jahr demonstrieren Syrer gegen Präsident Baschar al-Assad. Das brutale Vorgehen des Regimes gegen die Opposition hat Tausende Menschen das Leben gekostet - darunter auch viele Kinder. Ein Ende der Gewalt scheint trotz internationaler Bemühungen nicht in Sicht.

Foto: dpa / dpa/DPA

Milizionäre der Regierung haben nach Angaben von syrischen Aktivisten in der umkämpften Stadt Homs mindestens zwölf Menschen getötet. Die staatlichen Medien bestätigten die Todesfälle in Homs, machten jedoch „bewaffnete Terroristen“ verantwortlich.

Das Syrische Observatorium für Menschenrechte mit Sitz in London erklärte, am Sonntagabend seien mindestens zwölf Menschen getötet worden. Die Örtlichen Koordinationskomitees (LCC) sprachen sogar von 45 Ermordeten. Beide Gruppen erklärten, unter den Opfern seien auch Kinder. Aktivisten stellten Bilder ins Internet, die Kinderleichen und tote Erwachsene zeigten. Die LCC und das Observatorium erklärten, der Angriff sei von sogenannten Schabiha, bewaffneten Banden im Dienst des Regimes, verübt worden.

Das Observatorium rief die Vereinten Nationen zur Bildung eines unabhängigen Untersuchungsausschusses auf, um jene zu ermitteln, „die die Massaker begangen haben und sie zur Verantwortung zu ziehen“. Die staatlichen Medien in Syrien machten hingegen bewaffnete Gruppen in Homs für die Entführung und Tötung von Menschen verantwortlich. Damit solle die Regierung vor dem Ministertreffen im Weltsicherheitsrat am Montag in ein schlechtes Licht gerückt werden.

Autobombe vor Schule in Syrien explodiert – Eine Tote

Bei der Explosion einer Autobombe sind darüber hinaus vor einer Schule in der syrischen Stadt Deraa ein Mädchen getötet und 25 weitere Menschen verletzt worden. Die Bombe sei um neun Uhr am Morgen vor einer höheren Mädchenschule im Viertel al-Kaschef detoniert, sagte ein Vertreter der Opposition. Schülerinnen der Bildungsstätte hätten wiederholt gegen Präsident Baschar al-Assad demonstriert.

In der an der Grenze zu Jordanien liegenden Stadt Deraa kam es in der Vergangenheit vereinzelt zu Straßenkämpfen zwischen regimekritischen Aktivisten und Regierungstruppen. Assad geht seit einem Jahr mit massiver Gewalt gegen die Opposition vor. Nach Angaben der UN wurden dabei mehr als 7500 Zivilisten getötet.

Russland „auf der falschen Seite der Geschichte“

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte zuvor angekündigt, bei dem Treffen in New York auf die Vertreter von China und Russland einzuwirken, damit es zu einer Syrien-Resolution kommt. „Wir müssen Russland davon überzeugen, dass es auf der falschen Seite der Geschichte steht, wenn es weiter eine Resolution im Sicherheitsrat verhindert“, sagte Westerwelle der Zeitung „Die Welt“. Allerdings seien die Signale des russischen Außenministers noch nicht wirklich ermutigend. Natürlich habe Moskau strategische Interessen in der Region, aber „Russland sollte verstehen, dass es uns nicht um seine Schwächung in der Region geht“, sagte Westerwelle weiter.

Unterdessen wurde in den USA die Beisetzung der in Homs getöteten Journalistin Marie Colvin vorbereitet. Die Trauerfeier für die Reporterin der „Sunday Times“ sollte am Montag in der katholischen Kirche St. Dominic in Oyster Bay auf Long Island stattfinden. Die 56-Jährige war am 22. Februar bei einem Artillerieangriff der syrischen Regierungstruppen auf die belagerte Stadt Homs ums Leben gekommen.

Ein Jahr blutige Unruhen in Syrien

Seit einem Jahr demonstrieren Syrer gegen Präsident Baschar al-Assad. Das brutale Vorgehen des Regimes gegen die Opposition hat Tausende Menschen das Leben gekostet. Ein Rückblick:

18. März 2011: Ermutigt von den Aufständen in anderen arabischen Ländern demonstrieren in Damaskus und weiteren syrischen Städten tausende Menschen. Es gibt erste Tote. Im April hebt Assad trotzdem den seit 48 Jahren geltenden Ausnahmezustand auf.

22. April: Mehr als 100.000 Menschen gehen auf die Straße. Das Regime antwortet mit Gewalt. Mindestens 112 Demonstranten werden getötet.

23. Mai: Die EU verhängt ein Einreiseverbot gegen Assad. 31. Juli: Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen. Die Stadt war bereits 1982 nach Protesten Schauplatz eines Massakers gewesen, bei dem über 10.000 Menschen getötet wurden.

2. Oktober: Die syrische Opposition bildet in Istanbul einen Nationalrat.

19. Dezember: Die UN-Vollversammlung weist Syrien mit großer Mehrheit zurecht. Zuvor hatte die Arabische Liga Wirtschaftssanktionen gegen Assads Regime verhängt.

22. Dezember: Die ersten Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Das Assad-Regime hatte die Mission aufgrund internationalen Drucks akzeptiert. Am 28. Januar stoppt die Liga den Einsatz ihrer Beobachter wegen der Eskalation der Gewalt.

4. Februar: Russland und China blockieren mit ihrem Veto erneut eine Syrien-Resolution im Weltsicherheitsrat. Nur wenige Stunden vor der Abstimmung wird aus der Protesthochburg Homs das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

7. Februar: Bei einem Besuch in Syrien zeigt Russlands Außenminister Sergej Lawrow Verständnis für das Vorgehen des Assad-Regimes.

13. Februar: Empört weist das Regime den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum.Die neue Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft, nach offiziellen Angaben gab es 89 Prozent Zustimmung. Die Baath-Partei verzichtet damit auf ihre Vormachtstellung, an Assads Macht ändert das nichts.

16. Februar: Die UN-Vollversammlung verurteilt die Gewalt des syrischen Regimes mit großer Mehrheit. Assad bleibt unbeeindruckt.

24. Februar: Die Vereinten Nationen und die Arabische Liga ernennen den früheren UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan zum gemeinsamen Sondergesandten für die Syrien-Krise.

25. Februar: In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien. Russland und China bleiben fern.

27. Februar : Die EU-Staaten einigen sich auf ein Bündel von Maßnahmen gegen das Regime. Unter anderem wird das gesamte Vermögen der syrischen Nationalbank in der EU eingefroren.

1. März: Die Lage in Syriens Oppositionshochburg Homs spitzt sich weiter zu. Nach wochenlangem Dauerbeschuss rücken Assads Truppen vor und stürmen das Viertel Baba Amro. Der UN-Menschenrechtsrat verurteilt die Angriffe auf Zivilisten und droht mit strafrechtlichen Konsequenzen. Russland, China und Kuba lehnen die Resolution ab.

5. März: Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos reist nach Damaskus. Zuvor hatte die Führung tagelang die Einreise verweigert.

8. März: Ranghohe Funktionäre wenden sich von Assad ab. Auf der Internet-Plattform YouTube erklärt der Vize-Ölminister Abdo Hossam al-Din seine Unterstützung für den Aufstand gegen das Regime.

10./11. März: Kofi Annan setzt sich bei Treffen mit Assad in Damaskus für ein Ende der Gewalt ein. Doch das Blutvergießen geht weiter.