Aussicht auf Arbeit

Schwäbisch Hall ist das Paradies für Portugiesen

Weil in Schwäbisch-Hall zahlreiche Fachkräfte fehlten, warb die Stadt offensiv um südeuropäische Arbeitskräfte. Seitdem sind rund 14.000 Bewerbungen eingegangen.

Foto: Cira Moro

Als Pedro Agostinho mit dem Auto die spanische Grenze überquerte und nach Frankreich hereinfuhr, dachte er zum ersten Mal, dass er gerade allen Ernstes dabei sei auszuwandern. Dass er seine Familie und seine Freunde möglicherweise mehrere Jahre nicht wiedersehen würde.

Dass er vermutlich einen großen Teil seines Lebens in einem fremden Land verbringen würde, in Deutschland, das er zuvor niemals gesehen hatte und von dem er nur die Klischees kannte. Dass die Leute dort viel Bier trinken und immer pünktlich kommen.

Nur das Nötigste hatte er in seinen Seat gepackt, warme Kleidung, einen schwarzen Anzug für die Arbeit an der Bar, Fotos von seiner fünfjährigen Tochter. „Es ist eben so, dass ich keine Wahl habe“, erklärt Agostinho, während er nun in einem schweren roten Sessel in der Lobby des Hotels „Adelshof“ sitzt, das direkt am barocken Marktplatz der baden-württembergischen Kleinstadt Schwäbisch Hall liegt.

"Alle meine Freunde sind arbeitslos"

„In Portugal gibt es keine Zukunft. Alle meine Freunde sind arbeitslos. Ich bin dazu gezwungen, einen anderen Weg zu finden.“ Die Firma, für die er 18 Jahre lang Möbel exportiert hatte, war pleitegegangen. Dann hatte Agostinho, 37, in der Zeitung gelesen, dass die Deutschen nach Portugiesen rufen.

Am 6. Februar war in der Zeitung „Economico“ ein fünfseitiger Beitrag erschienen mit der Schlagzeile „Eine deutsche Stadt will Portugiesen einstellen“. 5000 freie Stellen und ein Durchschnittsgehalt von 3500 Euro versprach die Überschrift. Rasch verbreitete sich der Artikel mit 100.000 Empfehlungen über Facebook. Sogar „USA Today“ berichtete von einer anstehenden neuen Gastarbeiterwelle.

Noch bevor der nächste Tag angebrochen war, hatte die Haller Arbeitsagentur schon die ersten 2500 Bewerbungen per E-Mail aus Portugal bekommen. Mittlerweile sind es bereits rund 14.000. Sechs Mitarbeiter aus umliegenden Arbeitsämtern sind abgezogen worden, um die meist englischsprachigen Unterlagen zu sichten.

Mit einer solchen Flut hatte auch der Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim (SPD) nicht gerechnet. „Jahrelang haben wir um deutsche Fachkräfte geworben“, sagt Pelgrim und hält eine Zeitungsbeilage aus dem Jahr 2007 hoch, die damals mit hoher Auflage in ganz Deutschland verteilt wurde.

Dazu hatte es Anzeigen, Plakate, Aktionen im Ruhrgebiet und in den neuen Bundesländern gegeben. „Wir brauchen Sie! Wo Arbeitsplätze auf Sie warten: in Schwäbisch Hall und Hohenlohe.“ Darunter sieht man eine lächelnde vierköpfige Familie vor schmucken Fachwerkhäusern.

Es hatte damals rund 30 Bewerbungen gegeben. In Worten: dreißig. Dabei braucht die Kleinstadt damals wie heute mehrere Tausend Ingenieure, Mechatroniker, Metallfacharbeiter, Bauarbeiter, Maurer, Schlosser, Elektriker, Schreiner, Ärzte, Krankenschwestern, Altenpfleger.

Arbeitslosenquote von nur zwei Prozent

Im Landkreis Schwäbisch Hall gibt es jede Menge kleine und mittelständische Unternehmen, von denen viele Weltmarktführer sind, sowie einige große internationale Firmen wie den Schraubenhersteller Würth sowie Recaro, bekannt als Produzent von Flugzeugsitzen, mit mehreren Tausend Mitarbeitern.

Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Arbeitslosenquote mit zwei Prozent so niedrig wie im hübschen Hohenlohischen. „Nach unseren vergeblichen Versuchen, einheimische Arbeitskräfte zu locken, lag es natürlich nah, den Blick in die europäischen Nachbarländer zu richten“, sagt Pelgrim.

Gemeinsam mit dem Goethe-Institut organisierte der Bürgermeister eine Pressereise. Ende Januar besuchten sieben Journalisten das süddeutsche Städtchen: vier Griechen, ein Spanier, ein Italiener und eine Portugiesin.

Die ansässigen Unternehmen erzählten den Pressevertretern von ihren freien Arbeitsplätzen. Und die verkündeten daheim die frohe Botschaft: Der Weg aus der Krise führt nach Deutschland. Aus Griechenland, Spanien und Italien war in den Wochen darauf keine nennenswerte Reaktion gekommen. Doch es vergeht seither kaum ein Tag, an dem nicht ein Portugiese an die Tür des Haller Rathauses klopft und fragt, wo es hier Arbeit gebe.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Zwei Tage nach der Lektüre des Artikels kaufte sich Pedro Agostinho einfach ein Flugticket, Faro–Stuttgart, wild entschlossen, es in Deutschland zu schaffen. Im Rathaus von Schwäbisch Hall schließlich hatte man ihm einen Stadtplan in die Hand gedrückt und den Weg zur Arbeitsagentur erklärt.

Dort hieß es, dass es schwierig werden könne mit einer Anstellung, weil Agostinho kein Wort Deutsch verstehe, geschweige denn spreche. Auf dem Marktplatz in Schwäbisch Hall hatte er ein Auto mit einem portugiesischen Kennzeichen gesehen und Sergio Gorgan kennengelernt, der gerade aus einer Kleinstadt im Norden Portugals angereist war. Gorgan hatte als Kellner auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet und daheim keine Anstellung gefunden.

Dann hörte er von dem Artikel und gab „Schwäbisch Hall“ im Internet ein. Die Bilder von den Fachwerkhäusern gefielen ihm. Er beratschlagte mit seiner Frau – die Hoffnung auf ein besseres Leben entschied. Einige Tage später setzte sich Gorgan ins Auto und fuhr drei Tage lang in Richtung Norden.

Auf dem Haller Marktplatz sahen Agostinho und Gorgan das Schild „Hotel“ und fragten an der Rezeption des „Adelshofs“ nach einer Anstellung. Agostinho arbeitet jetzt an der Bar und Gorgan in der Küche, er putzt Salat, schnippelt Gemüse, hilft bei den Frühstücksvorbereitungen.

Die Kollegen erklären ihm mit Händen und Füßen, was zu tun ist. Gorgan lernt schnell. „Was soll ich machen, ich habe kein deutsches Personal gefunden“, sagt Heike Eggensperger, Inhaberin des „Adelhofs“. „Und für mich ist es in erster Linie wichtig, dass jemand Lust an der Sache hat. Wir werden nun gemeinsam etwas aufbauen.“

"Arbeit zu haben ist für mich das wichtigste"

Eggensperger hat für Agostinho und Gorgan kurzfristig ein Zimmer gefunden in dem Wohnheim, das im Sommer bei den Freilichtspielen die Schauspieler unterbringt. Die Unterkunft müssen die beiden von ihrem Gehalt bezahlen, Eggensperger übernimmt die Kosten für einen Deutschkurs an der Volkshochschule.

Von 13 bis 17 Uhr lernen die beiden nun die für sie so schwer auszusprechenden Wörter, danach beginnt die Arbeit im Hotel. „Ich bin immer noch durcheinander“ sagt Gorgan. „Jeder hier redet diese schwierige Sprache. Aber Arbeit zu haben ist für mich das wichtigste.“ Eggensperger will Gorgan nach und nach als Koch ausbilden.

Deutschland ist für die beiden Portugiesen eine Art Paradies. „Das Leben in Deutschland ist gerechter, hier klappt einfach alles“, so scheint es Agostinho. „Es ist kein Chaos auf der Straße. Die Leute sind sehr höflich.“ Während in Spanien und Portugal junge Familien für bezahlbare Mieten demonstrieren und Griechenland in der Krise versinkt, ist Deutschland zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden.

„Hier kann man ein gutes Leben führen“, sagt Gorgan. Das Land, in dem die Menschen einst als so verbissen galten, ist zur Verheißung geworden. Regeln und Ordnung schrecken nicht mehr ab. Ein Leben in Deutschland, dem Land der Sicherheit, ist erstrebenswert geworden.

Die Nachfrage ist sprunghaft angestiegen

Das Goethe-Institut in Schwäbisch Hall kooperiert mit der Niederlassung in Barcelona. Dort gibt es bereits Sprachkurse speziell für Ingenieure, die das entsprechende Fachvokabular lernen und im Anschluss in Haller Unternehmen Betriebspraktika absolvieren. Die Nachfrage ist in den vergangenen Monaten sprunghaft angestiegen.

Der griechische Maschinenbau-Ingenieur Achillefs Roussos hat auf diese Weise seinen Weg nach Schwäbisch Hall gefunden und hofft nun auf einen Job. Fünf Jahre will er bleiben, mindestens. „Für mich kommt der Job an erster Stelle, nicht das Wetter“, sagt er.

Deutschkenntnisse sind laut Einschätzung der Haller Arbeitsagentur nur rund bei der Hälfte der offenen Stellen in der Region unbedingte Voraussetzung. Bei den großen internationalen Unternehmen sind gute Englischkenntnisse wichtiger.

Der tschechische Ingenieur Robert Hornych etwa arbeitet seit vier Monaten bei der Firma Ziehl-Abegg, die Antriebsmotoren für Fahrstühle herstellt und damit auch den neuen Flughafen in Berlin ausrüsten wird. Deutsch kann Hornych nicht. Aber für die Entwicklung von Computer-Software braucht er auch keines.

Ziehl-Abegg hat seinen Umsatz in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, Produktionsstätten und Niederlassungen in China, Ungarn, Frankreich und den USA aufgebaut.

Anteil der Ausländer im Betrieb steigt

„Wir brauchen qualifizierte Leute“, sagt Vorstandschef Peter Fenkl. „Ob sie aus Tschechien, Portugal oder Hamburg kommen, spielt für uns keine Rolle. Wir legen nur Wert darauf, dass sich unsere Mitarbeiter dauerhaft bei uns niederlassen und heimisch werden.“ Der Anteil der Ausländer im Betrieb steigt.

Es gibt Mitarbeiter aus Jordanien, Südafrika, Spanien und Frankreich. Hornych schwärmt vom guten Arbeitsklima, das um einiges höflicher sei als in Tschechien. Von den rund 2000 Bewerbungen, die das Unternehmen aus Portugal bekommen hat, könnten rund 100 interessant sein. Endlich gibt es qualifizierte Angebote. „Wir haben 50 Stellen zu vergeben“, sagt Fenkl.

Nach der Bewerbungsflut aus Portugal könnte die Kleinstadt nun mit einem Schlag ihren gesamten Fachkräftemangel beheben. „Wir müssen natürlich schauen, dass wir die Nationalitäten ein bisschen mischen“, sagt Guido Rebstock, Leiter der Haller Arbeitsagentur.

Wohnraum für die neuen Arbeitnehmer

„Für Stellen in den mittelständischen Unternehmen ist es wichtig, Deutsch zu sprechen.“ Doch er betont noch einmal, wie qualifiziert die eingegangenen Bewerbungen seien, mit Lebenslauf und Arbeitszeugnis.

Dennoch hofft er, dass nicht mehr viele Portugiesen nun einfach bei ihm ohne Anmeldung vor der Tür stehen, auch wenn erst gestern wieder eine Mitarbeiterin einen Portugiesen, der mit Rucksack vor der Tür stand, zu einer Spedition begleitet hat, wo er ab sofort als Fahrer arbeitet.

„Am besten lernen die Bewerber erst in Portugal etwas Deutsch, bevor sie kommen“, sagt Rebstock. Dann ließe sich alles besser koordinieren. Oberbürgermeister Pelgrim hat schon angekündigt, Wohnraum für die neuen Arbeitnehmer bauen zu lassen. Im gastfreundlichen Schwabenland soll niemand sagen, es werde nicht alles für die Neuankömmlinge getan.