Volksabstimmung

Die Angst der Schweizer vor mehr Urlaub

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Elisalex Henckel

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Gewerkschaften in der Schweiz fordern sechs Wochen Ferien für alle. Doch die Eidgenossen werden wohl dagegen stimmen, denn viele halten mehr Ferien für bedrohlich.

Zuerst sieht das Video aus, als stamme es aus einer Überwachungskamera. Ein Mann sitzt mit seinen Kollegen in einem Gemeinschaftsbüro. Plötzlich beginnt er, auf seine Tastatur einzuprügeln. „Alles furchtbar“, schreit er, dann wirft er seinen Bildschirm zu Boden und trampelt darauf herum. Schnitt. Die Worte „Time Out statt Burn Out“ werden eingeblendet. Dann ist wieder der Mann zu sehen. In Unterhemd und Badehose sitzt er an einem karibischen Strand und zieht am Strohhalm, der in seinem Cocktail steckt.

Der kurze Film soll den Schweizern Lust auf mehr Urlaub machen. „Sechs Wochen Ferien für alle“ fordert der Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse in einer von Grünen und Sozialdemokraten unterstützten Volksinitiative, über die die Eidgenossen am Sonntag abstimmen.

Zurzeit werden Schweizer Arbeitnehmern durchschnittlich fünf Wochen Urlaub gewährt, gesetzlich vorgeschrieben sind lediglich vier. Setzen sich die Arbeitnehmervertreter durch, soll der gesetzliche Mindestanspruch 2013 auf fünf Wochen erhöht werden, bis 2018 käme dann pro Jahr je ein Tag dazu.

Immer mehr Arbeitnehmer werden krank

Es sei ungerecht, dass sich der gesetzliche Ferienanspruch seit einem Vierteljahrhundert nicht verändert habe, sagen die Gewerkschafter: Der hohe Wettbewerbsdruck, die technische Entwicklung und die fortschreitende Globalisierung würden die Wirtschaft immer schneller und härter machen und die Arbeitnehmer krank. Jeder zweite Arbeitnehmende in der Schweiz habe Rückenbeschwerden, immer mehr kämen mit dem Druck nicht zurecht und müssen aus psychischen Gründen für kürzere oder längere Zeit aussetzen.

„Das kommt uns teuer zu stehen“, sagt Travail-Suisse-Präsident Martin Flügel und verweist auf eine Studie, nach der sich die Folgekosten des Arbeitsstresses auf zehn Milliarden Franken (8,3 Milliarden Euro) pro Jahr belaufen. Mehr Ferien seien nicht nur eine gerechte Beteiligung der Arbeitnehmer an der gestiegenen Produktivität sondern eine Investition in „die größte Stärke der Schweiz“ – leistungsfähige, motivierte und innovative Arbeitnehmer.

„Mehr Ferien = weniger Jobs“, warnen hingegen die Gegner des Vorschlags, zu denen mehrere Wirtschaftsverbände und die bürgerlichen Parteien zählen, auf ihren rot-weißen Plakaten. Sechs Wochen Urlaub für alle würde sechs Milliarden Franken (fünf Milliarden Euro) kosten und das sei in Zeiten der Krise nicht drin. Der starke Franken und die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten würden der Schweizer Wirtschaft auch so schon zu schaffen machen. „Mit der Ferieninitiative sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.“

Mehr als 100.000 Unterschriften

Die millionenteure Kampagne der Gegenseite sei „Angstmacherei“, schimpft wiederum Therese Schmid, Sprecherin von Travail Suisse. „Viele Arbeitnehmende macht die steigende Arbeitsbelastung krank. Familienleben und Freizeit kommen unter die Räder.“

Der Gewerkschaftsverband hatte den Volksentscheid durch die Sammlung von mehr als 100.000 Unterschriften erzwungen. „Die Gegner von mehr Ferien haben offensichtlich kalte Füße bekommen und in den letzten Wochen für Inserate noch einmal tief ins Portemonnaie gegriffen“, vermutet die Gewerkschaftlerin.

Regierung und Parlament haben den Wahlberechtigten empfohlen, gegen mehr Ferien zu stimmen. Erholung sei zwar wichtig, sagte Justizministerin Sommaruga zur Begründung, die Initiative biete jedoch keine Garantie, dass Arbeitnehmer tatsächlich entlastet würden. Stellten die Arbeitgeber kein zusätzliches Personal ein, müsse der Einzelne seine Arbeit in kürzerer Zeit erledigen. Tun sie es doch, würden die Lohnkosten um rund zwei Prozent steigen, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schwächen würde.

Dabei sprechen auch Zahlen dafür, dass die Schweizer zurzeit mehr arbeiten als die meisten anderen Europäer. Das Beratungsunternehmen Mercer hat 2009 Ferien- und Feiertage in mehr als 40 Ländern weltweit zusammengezählt und verglichen. Spitzenreiter sind Litauen und Brasilien mit jeweils 41 Tagen, auf die wenigsten freien Tage kommen Arbeitnehmer in Kanada (19), in den USA gibt es überhaupt keinen gesetzlich fest gelegten Mindestanspruch.

Von den Europäern haben nur die Niederländer mit 28 Tagen – Wochenenden eingerechnet – weniger Ferien als die Schweizer, die auf 29 freie Tage pro Jahr kommen.

Mehrere Vorschläge bereits abgelehnt

Und wie es aussieht, wollen die Eidgenossen es auch dabei belassen. Bei einer Umfrage im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks SRG lehnten 63 Prozent der Teilnehmer Ende Februar mehr Mindesturlaub ab. Es wäre nicht der erste Vorschlag zur Reduktion von Arbeitszeit, den die Schweizer ablehnen. 1985 stimmten 65,2 Prozent der Bürger gegen eine „Verlängerung der bezahlten Ferien“ ab, erinnert der Zürcher „Tagesanzeiger“.

1988 lehnten 65,7 Prozent eine Herabsetzung der Arbeitszeit auf eine 40-Stunden-Woche ab, erst 2002 scheiterte eine Initiative für eine 36-Stunden-Woche. Für mehr Ferien haben die Schweizer dem Bericht nach nur einmal gestimmt: 1993 für einen „arbeitsfreien Bundesfeiertag“ am 1. August.

Calvinistischer Geist

Weniger zu arbeiten scheint den Schweizern geradezu Angst zu machen. „Solche Forderungen haben es immer schwer“, sagt der Basler Soziologe Ueli Mäder. „Zusätzliche Ferien sind für viele bedrohlich.“ Die Angst, wenn es der Wirtschaft schlechter gehe, gehe es allen schlechter, schwinge immer mit, selbst bei sozial Benachteiligten.

Dazu komme das ausgeprägte Arbeitsethos. „Wir haben den calvinistischen Geist stark verinnerlicht und tun uns schwer, wenn die papierne Anerkennung der Erwerbsarbeit wegfällt“, sagt Mäder, „Arbeit bringt nicht nur Geld, Sicherheit und soziale Integration, Arbeit macht mich nützlich.“ Und der Mythos vom kleinen, rohstoffarmen Land, das nur durch Fleiß und Innovationen groß und mächtig geworden sei, nähre diese Haltung.

Nächster Arbeitskampf schon in Sicht

Kein Wunder also, dass sich die Gegner längerer Ferien in Sicherheit wiegen. Die Mehrheit der Schweizer werde sich kommenden Sonntag sicher darauf besinnen, dass „Arbeit an und für sich nichts Schlechtes ist, sondern zum Wesen des Menschen gehört“, und die Initiative ablehnen, meint etwa der Direktor des Waadtländer Arbeitgeberverbands. Schließlich würden sie alle das Bonmot kennen, dass die Ferien das Portemonnaie noch mehr leeren als den Kopf – und wissen, dass man nur ausgeben kann, was man eingenommen hat.

Nicht ausgeschlossen ist aber, dass eine neue Initiative für mehr Ferien es in Zukunft leichter haben wird, vom Wahlvolk positiv beschieden zu werden. Denn je jünger die Befragten, desto größer die Begeisterung für längere Ferien.

Egal, wie die Sache ausgeht – der nächste Schweizer Arbeitskampf per Wahlurne ist schon in Sicht: Die Gewerkschaften wollen einen gesetzlichen Mindestlohn durchsetzen. Was dabei in der Schweiz gefordert wird, dürfte Arbeitnehmer in benachbarten „Billiglohnländern“ wie der Bundesrepublik beeindrucken: 22 Franken pro Stunde (18,50 Euro) halten sie für ein adäquates Minimum. In Deutschland, wo das Volk keine Chance hat, solche Entscheidungen per Referendum zu treffen, verlangen die Gewerkschaften gerade mal 8,50 Euro.

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