Iran

Israel und USA im Atomstreit uneins

| Lesedauer: 7 Minuten

Foto: REUTERS / Reuters

Zwei Partner, keine Strategie: Die USA und Israel wollen das Gleiche - einen Iran ohne Nuklearwaffen. Doch über den Weg dorthin sind sie uneins.

Es ist Vorkriegszeit im Nahen Osten, da wo die Welt gegenwärtig am brennbarsten ist, wo die Religionen aufeinanderstoßen, und wo das große Ölfass im Sand liegt, das das Wohl und Wehe der industriellen Demokratien enthält. Das Oval Office, wo der amerikanische Präsident Staatsgäste empfängt, hat lange nicht mehr so viel großes Drama erlebt wie zu Beginn dieser Woche. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war zu Gast beim amerikanischen Chief Executive Barack Obama, und es ist nicht schwer zu erraten, dass sie von Krieg sprachen. Allerdings, wie die Amerikaner sagen, sangen sie nicht vom selben Blatt.

Zwar wollen Israelis und Amerikaner gleichermaßen verhüten, dass die mörderische Mullah-Diktatur in Teheran in den Besitz von Nuklearwaffen kommt. Aber Obama sieht ein durch die verschärften UN-Sanktionen geöffnetes „Window“ für Verhandlungen mit dem Ziel, die Iraner durch eine Mischung aus Drohung und Belohnung von nuklearer Rüstung abzubringen. Die 16 amerikanischen Geheimdienste lieferten rechtzeitig vor dem Besuch aus Israel eine Analyse, wonach die Frist bis zur Bombe noch Jahre dauert und nicht einmal sicher ist, dass die iranische Führung den Beschluss gefasst hat, tatsächlich Waffen zu bauen. Dieser Tage wurde indes aus anderen westlichen Geheimdiensten gestreut, es habe sich bei den zwei nordkoreanischen Atomtests im vergangenen Jahr wahrscheinlich um mindestens einen iranischen Auftrag gehandelt. Wenn das wahr ist, dann würde das die Uhren in der Region vorstellen.

Fanatische Vernichtungsdrohungen

Jetzt geht es, so stimmen die militärische und die politische Führung des Staates Israel überein, um die Sicherung der Existenz des jüdischen Staates. Nicht, dass die fanatischen Vernichtungsdrohungen, welche die Herrscher des Iran von Zeit zu Zeit gegen den „kleinen Satan“ (Israel) ausstoßen und durch Militärübungen untermalen, in Tel Aviv und Jerusalem zum Nennwert genommen werden – wahrscheinlich ist der Iran, so die überwiegende Hypothese, ein rationales System, das überleben will und notfalls durch Abschreckung einzudämmen ist. Die Israelis fürchten nicht so sehr den einen großen Atomschlag, sondern ein nukleares Wettrüsten in der Region, das früher oder später zur Katastrophe führt. Sie sehen auch voraus, dass der schiitische Kampfverband der Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza sehr viel kühner operieren werden, wenn sie hinter sich eine Atommacht wissen. Endlich und vor allem fürchtet die israelische Führung, dass die Iraner den Israelis mit der nuklearen Drohung das Leben zur Hölle machen.

Zwischen den Prinzipalen im Weißen Haus dürfte, was den Ernst der Lage angeht, Einigkeit bestanden haben, ebenso über das Ziel, dem Iran Nuklearwaffen zu verweigern. Obama will die Israelis von einem Überraschungsschlag abhalten. Zugleich muss er, schon mit Rücksicht auf amerikanische Wähler, Israel letzten Endes Rückversicherung versprechen. Aber er will keinen militärischen Blankoscheck ausstellen und in einen Krieg hineingezogen werden, dessen Ende nicht absehbar, schon gar nicht planbar und kontrollier-bar wäre.

Netanjahu dagegen will nicht nur amerikanische Aufklärungsergebnisse, Überflugerlaubnis und Hilfe aus nahen amerikanischen Depots am Golf, namentlich auch Luftbetankung, sondern auch politische Unterstützung, militärische Garantien und Nachschubversprechen, was intelligente Munition und Ersatzteile angeht. Während das Weiße Haus mit Rücksicht auf Europäer, Russen und Araber den Eindruck vermeiden will, Israel zu ermutigen, will Netanjahu den mächtigen Verbündeten auf seiner Seite haben. Die Amerikaner hätten es zur Zeit des Holocaust versäumt, Auschwitz zu bombardieren – so der israelische Premier.

Israel hat zweimal Atomanlagen in Nachbarstaaten zerstört: 1981 zerschmetterten israelische F 16 den aus Frankreich gelieferten Atomreaktor Osirak des Saddam Hussein, 2007 die aus Nordkorea gelieferte Plutoniumfabrik des Syrers Assad. Jedes Mal nutzte die Luftwaffe mit dem Davidstern das Überraschungsmoment. Aber diesmal ist die Lage viel schwieriger: Von der Negev-Wüste bis zum Iran sind es mehr als tausend Kilometer. Man braucht Luftbetankung, wovon die Israelis nicht genug haben, und man muss in immer neuen Wellen über schwieriges Gelände fliegen. Niemand weiß genau, ob die Iraner inzwischen die gefürchteten sowjetischen S-300-Luftabwehrraketen haben oder bedienen können.

Der Iran ist ein intelligenter Feind. Man hat dort gelernt zu tarnen, zu verstecken und zu verdoppeln und möglichst viel Technik in Tunnels unterzubringen, die selbst amerikanische „bunker-buster“ nicht zerschmettern können. Die Israelis haben andere Wege gesucht, und sie deuten an, dass sie auch noch Überraschungen haben. Vor zwei Jahren wurde der Stuxnet-Computervirus eingesetzt, um die Zentrifugen für Urananreicherung in Richtung Waffenfähigkeit zu zerstören. Iranische Experten wurden Opfer gezielter Anschläge: „Unnatürliche Ursachen“, lautete der Kommentar aus Israel. Ende Dezember 2011 explodierte ein Depot für Mittelstreckenraketen unweit Teherans. Das alles bedeutet, dass ein Luftwaffeneinsatz gegen den Iran an die Grenze des technisch Möglichen geht, die Marge der Sicherheit für Israel gering ist und amerikanische Rückversicherung lebenswichtig bleibt.

Überlegene Technik

Was wäre der Worst Case? Israel hat bisher den Mangel an strategischer Tiefe und physischer Durchhaltefähigkeit durch schnelle Mobilisierung, überlegene Technik und Elektronik und die Andeutung ausgeglichen, man habe „nach ausländischen Presseberichten“ Nuklearwaffen. Tatsächlich verfügt Israel über etwa 200 Gefechtsköpfe, land- und luftgestützt. Zur israelischen Sicherheitskonferenz in Herzliyah vor fünf Wochen ging man einen Schritt weiter: Es wurde über Israels „Zweitschlagskapazität“ Klartext berichtet, was Code ist für nukleare Waffen außer Reichweite des Gegners. Kernstück sind drei U-Boote der Delfin-Klasse aus deutscher Produktion, ein viertes im Zulauf, zwei weitere im Bau. Sie haben einen für Sonar unhörbaren Elektroantrieb, können lange tauchen und sind für flache Randmeere wie den Golf besonders geeignet, vor allem aber nehmen die Torpedorohre nuklear bestückte Cruise-Missiles auf. Reichweite etwa 1200 Kilometer. Sie wurden geliefert, so die Bundesregierung, „für die Stabilität am Golf“.

Netanjahus Besuch in Washington lässt vieles offen, am meisten die Reaktion in Teheran. „Ich lasse mich nicht auf Eindämmung ein“, sagt Obama, womit er, wenn Teheran nicht einlenkt, Präemption meint: Mit Israel oder, wenn es geht, wie 1990 ohne Israel. Wie auch immer die Krise weitergeht, für Europa wird das alles kein Zuschauersport.

( Michael Stürmer )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos