Syrien

Blutverschmierte Massaker-Videos und Gottes Größe

Die syrische Armee stoppt Hilfskonvois nach Homs. Aktivisten befürchten, Assads Regime will so Augenzeugen der Gräueltaten verhindern.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Tag brach gerade an, als die syrischen Streitkräfte das Feuer auf Rastan eröffneten. Seit dem Morgengrauen am Sonntag fielen Raketen in den Siedlungen des Städtchens nieder, das in den vergangenen Wochen unter Kontrolle der Rebellen stand, berichten Augenzeugen.

Sogar Angriffe der Luftwaffe wurden gemeldet. Der syrische Menschenrechtler Wissam Tarif hält dies aber für wenig wahrscheinlich. „Die Leute haben Angst“, sagt er. „Ich vermute, dass sie Drohnen am Himmel sehen und zugleich die Explosionen von Bomben hören, die vom Boden abgeschossen werden.“ Bis zum Nachmittag wurden 24 Tote in Rastan gemeldet.

Erst am Donnerstag war es den Regierungstruppen nach einer verheerenden, fast einmonatigen Offensive gelungen, die Kämpfer der Freien Armee Syriens (FAS) aus der Protesthochburg Homs zurückzudrängen. Das Regime ist offenbar entschlossen, alle aufständischen Städte mit Gewalt zurückzuerobern.

Siedlungen von "bewaffneten Banden säubern“

Der strategisch wichtige Ort Rastan liegt 20 Kilometer nördlich von Homs, an der Hauptstraße, die Damaskus mit Nordsyrien verbindet. Die Rebellen hatten Rastan Anfang Februar zum „befreiten“ Gebiet erklärt – ebenso wie das nahe gelegene Qusair, wo es am Sonntag ebenfalls Raketenangriffe gegeben haben soll.

Im Stadtteil Baba Amro, dem Zentrum des Widerstandes in Homs, setzte die Armee gleichzeitig eine blutige Bodenoffensive fort. Die Regierung hatte angekündigt, die Siedlungen von „bewaffneten Banden säubern“ zu wollen.

Die FAS hatte in der vergangenen Woche ihren Rückzug aus Baba Amro angekündigt. Zuvor hatten die Regierungstruppen das dicht besiedelte Viertel 27 Tage lang bombardiert. Zwei der vier westlichen Journalisten, denen kurz vor dem Ansturm auf das belagerte Viertel die Flucht gelang, haben die erschütternde Not der Bevölkerung in Interviews beschrieben.

Journalist spricht von "gewaltiger humanitärer Krise"

Javier Espinosa, Korrespondent der spanischen Zeitung „El Mundo“, sprach auf BBC von einer „gewaltigen humanitären Krise“. Die Armee habe „systematisch“, von morgens sechs bis abends sechs, mit Raketen auf die Siedlungen geschossen. „Es gibt keinen Ort, um sich zu verstecken, weil es keine Schutzräume gibt“, sagte er. „Du wartest einfach in deinem Haus und hoffst, dass sie dein Haus nicht treffen. Es fehlt an grundlegenden Nahrungsmitteln, an Milch für Babys, an Brot, an Wasser.“

Espinosa zählt zu den Überlebenden eines Raketenangriffs auf ein provisorisches Medienzentrum in Baba Amro vor knapp zwei Wochen. Die amerikanische Journalistin Marie Colvin und der französische Fotograf Rémi Ochlik kamen dabei ums Leben, die französische Reporterin Edith Bouvier und der britische Fotograf Paul Conroy trugen Splitterverletzungen davon.

Bouvier und Conroy wurden inzwischen aus dem Land geschmuggelt und in ihre Heimatländer ausgeflogen. Die Leichen der getöteten Journalisten sind am Wochenende dem Roten Kreuz übergeben worden.

Erfahrener Kriegsreporter spricht von grausamen Zuständen

„Es ist kein Krieg, es ist ein Massaker“, sagte Conroy von seinem Krankenhausbett in Großbritannien aus dem Fernsehsender Sky. „Es ist ein willkürliches Massaker an Männern, Frauen und Kindern.“ Er selbst sei bereits in zahlreichen Kriegsgebieten unterwegs gewesen, habe ein derartiges Bombardement aber noch nie erlebt: „Sie bewegen sich mit Munition, die für Schlachtfelder gedacht ist, durch Wohnsiedlungen.“

Nach Angaben der Organisation Human Rights Watch fielen zeitweise 100 Raketen pro Stunde auf Baba Amro. 700 Menschen sollen während der Offensive getötet worden sein. Schätzungen der UN zufolge sind seit dem Beginn der Proteste im vergangenen März insgesamt mehr als 7500 Zivilisten gestorben.

Inzwischen halten sich keine Journalisten mehr in Baba Amro auf; Aktivisten vor Ort sind kaum noch zu erreichen. Offenbar haben in den zerbombten Wohnsiedlungen Razzien und Verhaftungswellen begonnen. Die Soldaten durchkämmen Haus für Haus, Block für Block. Zugleich sollen angrenzende Siedlungen unter Beschuss genommen worden sein, in die Tausende Zivilisten geflohen sind.

Internationale Kritik wird schärfer

In Bab al-Sibaa, Khalidiyeh, Jobar und Kader sind Berichten zufolge am Wochenende Granaten eingeschlagen. Menschenrechtler sind seit Tagen bereits nicht mehr in der Lage, Zahlen der Todesopfer in Homs zu ermitteln. „Wir haben keine Verbindung mehr nach Baba Amro“, sagt Fadi, ein Aktivist im Viertel Waer im Westen der Stadt. „Die Kommunikation ist abgerissen. Es gibt keinen Strom, kein Telefon. Wir müssen Regenwasser auffangen, um noch etwas zu trinken zu haben.“

Derweil hat die internationale Kritik an der blutigen Niederschlagung des Aufstandes deutlich schärfere Töne angenommen. Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy nannte die Ereignisse in Syrien einen „Skandal“. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte in Washington, Assad weise Merkmale eines Kriegsverbrechers auf.

China forderte am Samstag einen sofortigen Waffenstillstand in Syrien und Gespräche zwischen Regierung und Opposition. Peking zählt neben Moskau zu den engsten Verbündeten von Damaskus. Eine Resolution gegen das Regime ist im Weltsicherheitsrat bisher am Widerstand der beiden Veto-Mächte gescheitert.

Transporte wurden aufgehalten

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief das Regime vor der UN-Vollversammlung auf, „ohne Vorbedingungen“ Hilfsorganisationen in die betroffenen Gebiete zu lassen. „Wir erhalten weiterhin grauenhafte Berichte über standrechtliche Erschießungen, willkürliche Festnahmen und Folter“, sagte Ban. Nach wie vor wird dem Roten Kreuz der Zugang nach Baba Amro versperrt, wo die Menschen bei Minus-Temperaturen eingeschlossen sind.

Zuvor hatte das Regime der Organisation zwar die Genehmigung erteilt, Lebensmittel, Decken und Medikamente in das Viertel zu bringen. Doch dann wurden die Transporte aufgehalten. „Es ist inakzeptabel, dass Menschen, die seit Wochen auf Nothilfe angewiesen sind, diese noch immer nicht erhalten“, sagte Jakob Kellenberg, der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Der Konvoi bleibe vor Ort in Homs, in der Hoffnung, Baba Amro bald erreichen zu können.

Die Regierung gab als Grund für den Stopp der sieben Rot-Kreuz-Lastwagen an, erst müssten in Baba Amro Minen geräumt werden. Syrische Aktivisten hingegen befürchten, dass die Sicherheitskräfte keine Zeugen für die Gräueltaten wollen, die sich derzeit in Baba Amro abspielen sollen.

Im Internet kursieren verstörende Amateurvideos

Die Rede ist von Vergewaltigungen, Morden und Massenexekutionen. „Jeder männliche Anwohner ab 14 Jahren wird verhaftet oder hingerichtet“, sagt Menschenrechtler Tarif. „Sie nehmen Rache an der Bevölkerung. Sie wollen, dass die Menschen wieder Angst vor dem Regime haben.“ Die Berichte lassen sich derzeit nicht prüfen.

Im Internet kursieren äußerst verstörende Amateurvideos, die in den vergangenen Tagen in Baba Amro aufgenommen worden sein sollen. Eines davon zeigt 17 Leichen auf der Ladefläche eines Lasters. Schneeflocken fallen auf ihre starren, blutverschmierten Gesichter. „Gott ist groß“, ruft die Menge ringsum.

Regimetreue Milizionäre sollen die Männer getötet haben. „Diese Männer gehören zu meiner Familie, es sind meine Onkel und Cousins“, schreibt Abu Bakr, ein Aktivist aus Baba Amro, über Skype. „Ich kann gerade wirklich nicht reden, ich bin so traurig und die Internetverbindung ist schlecht.“