Syrien

Widerstandsnester fallen, Zivilisten trinken Schnee

In einem Stadtteil im syrischen Homs haben sich die Rebellen zurückgezogen, die syrische Armee kontrolliert den Bezirk. Die Menschen leiden, das Nötigste fehlt.

Foto: AFP

Nach wochenlanger Belagerung und heftigen Kämpfen mit Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad haben sich die Rebellen aus dem Stadtviertel Baba Amr in Homs zurückgezogen. Aktivisten mit Kontakten zu den Kämpfern berichteten am Donnerstag, nur noch wenige Rebellen seien in Baba Amro geblieben, um den „taktischen Rückzug“ ihrer Kameraden abzusichern.

Die letzten „Widerstandsnester“ seien gefallen, erfuhr die Nachrichtenagentur AFP aus Sicherheitskreisen in Damaskus. Die Opposition rief die Weltgemeinschaft zum Einschreiten auf, um ein „Massaker“ zu verhindern.

Bei den Kämpfen wurden nach Angaben von Aktivisten am Donnerstag mindestens 17 Zivilisten getötet. Soldaten nähmen Hausdurchsuchungen vor, zudem gebe es Festnahmen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London.

Sicherheitskreise melden, Soldaten verteilten Brot

Der Syrischen Nationalrat (SNC) rief die internationale Gemeinschaft und die arabischen Staaten auf, „sofort“ in Baba Amr einzuschreiten, „um ein mögliches Massaker an Tausenden Kindern, Frauen und alten Menschen zu verhindern“.

Aus den Sicherheitskreisen in Damaskus hieß es dagegen, die Soldaten verteilten in Baba Amr Lebensmittel und brächten Verletzte in Sicherheit. Zudem suchten sie nach den dort festsitzenden französischen Journalisten, unter ihnen die am 22. Februar schwer verletzte Edith Bouvier.

Dem SNC zufolge befand sich Bouvier am Mittwoch an einem „sicheren Ort“. Den Koordinationskomitees vor Ort zufolge weigert sich Bouvier, Baba Amr zu verlassen, solange nicht alle verletzten Zivilisten aus dem Stadtviertel in Sicherheit gebracht seien.

Schneefall verlangsamt Offensive

Die Oppositionellen gründeten unterdessen einen Militärrat, um die Kämpfe gegen Assad besser zu koordinieren. Die Sicherheitskräfte belagerten Baba Amr 26 Tage lang und beschossen das Viertel nach Berichten der Opposition auch am Donnerstag.

Schneefall habe die Offensive verlangsamt, aber auch die Lage für die eingeschlossenen Zivilisten verschlimmert. Es fehlten Wasser, Nahrungsmittel, Treibstoff und Elektrizität, berichteten Aktivisten. Sie forderten Hilfsorganisationen auf, den 4000 Bewohnern zu helfen, die in ihren zerstörten Häusern ausharrten.

Die Regimegegner meldeten am Donnerstag, die Bewohner der Stadt hätten am Mittwoch nach der Unterbrechung der Wasserversorgung damit begonnen, Schnee zu sammeln. Sie veröffentlichten im Internet Videoaufnahmen, die zeigen, wie Menschen auf der Straße Töpfe aufstellen, um darin Schneeflocken aufzufangen.

Kämpfer warnen Regierungstruppen vor Racheakten

Die Kämpfer warnten die Regierungstruppen in einer Erklärung vor Racheakten an der Bevölkerung. Das Regime sei für die Sicherheit der Zivilisten verantwortlich, hieß es. Ein Oppositioneller berichtete, die Soldaten seien nach dem Rückzug der meisten Rebellen aus allen Richtungen in Baba Amr eingerückt und verfolgten verbliebene Kämpfer. Mindestens 17 Rebellen seien getötet worden. Berichte aus Homs lassen sich nur schwer überprüfen, weil die syrische Regierung die Berichterstattung aus dem Land streng kontrolliert.

Aus libanesischen Kreisen, die der Regierung in Damaskus nahestehen, verlautete, Assad wolle in jedem Falle die Kontrolle über Homs zurückgewinnen. Die Regierung wolle die Stadt einnehmen und werde sich dabei nicht zurückhalten, ungeachtet der Kosten. Mit einer Niederlage in Homs hätte die Opposition keine Hochburg mehr, hieß es. Assad sei zuversichtlich, an der Macht zu bleiben.

Die syrische Opposition kündigte unterdessen die Gründung eines Militärrates an. „Wir werden wie ein Verteidigungsministerium sein“, sagte der Chef des Nationalrates, Burhan Ghaliun, auf einer Pressekonferenz in Paris.

Syrer kritisieren Nationalrat

Der Gründung hätten alle bewaffneten Kräfte in Syrien zugestimmt. Die Demokratiebewegung habe sich über Monate friedlich verhalten, müsse wegen eines brutalen Vorgehens der Regierung jetzt aber einen Militärrat gründen, sagte Ghaliun.

Der Nationalrat, der eine Vereinigung von Oppositionellen ist, wurde von manchen Syrern kritisiert, weil er den Kampf gegen Assad nicht offen unterstützte. Die Rebellen haben sich in Syrien lose unter dem Dach der Freien Syrischen Armee zusammengeschlossen. Sie besteht aus Deserteuren und bewaffneten Zivilisten.

Assad ist zwar international weitgehend isoliert, hat aber wichtige Verbündete. So stimmten Russland und China sowie Kuba gegen eine Resolution des UN-Menschenrechtsrates, in der das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Regierungsgegner verurteilt wird.

37 Staaten stimmten in Genf für den Beschluss, in dem der Regierung die systematische Verletzung von Menschenrechten vorgeworfen wird. In der Resolution wird davor gewarnt, die Gewalt könne sich zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausweiten.

Golfstaaten fordern Bewaffnung der Rebellen

Um ein Ende der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Oppositionellen zu erreichen, will der russische Außenminister Sergej Lawrow in der kommenden Woche mit Vertretern der arabischen Golfstaaten zusammenkommen. In Riad sollten alle Aspekte des Konflikts erörtert werden, sagte ein kuwaitischer Parlamentarier.

Vor allem die Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar fordern eine Bewaffnung der syrischen Rebellen. Die sunnitischen Machthaber sind zwar von den Aufständen in der arabischen Welt alarmiert. Doch sowohl die Regierungen als auch die Bevölkerungen in diesen Staaten stehen eher auf der Seite der sunnitischen Mehrheit in Syrien. Assad gehört der Minderheit der Alawiten an und hat wichtige Posten mit Angehörigen seiner Glaubensgruppe besetzt.

Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan will indes die Friedensbemühungen vorantreiben. Er kündigte an, bald nach Damaskus zu reisen. Der frühere UN-Generalsekretär rief Assad auf, das gewaltsame Vorgehen gegen die Opposition zu beenden. Die Sicherheitskräfte haben in dem Konflikt nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 7500 Zivilisten getötet. Die Regierung macht für die Kämpfe vom Ausland gesteuerte Terroristen verantwortlich