Jewgenija Timoschenko

"Meine Mutter wird in der Haft gefoltert"

Die Tochter der inhaftierten ukrainischen Politikerin Julia Timoschenko schlägt Alarm. Ihre Mutter müsse dringend operiert werden.

Eine Politikerin will sie nicht sein, eine eigene Agenda hat sie nicht. Sie sei, so betont Jewgenija Timoschenko, nur eine besorgte Tochter. Die Tochter einer ebenso berühmten wie umstrittenen Mutter, die sie nicht Mama sondern Julia nennt, wie alle Ukrainer es tun.

Julia Timoschenko war mit ihrem Markenzeichen, dem geflochtenem Kranz aus goldblonden Haaren, die Ikone der demokratischen „Orangenen Revolution“ von 2004. Sie war Regierungschefin, stürzte und wurde gestürzt.

Heute ist sie Oppositionsführerin mit gestutzten Flügeln: Seit Dezember muss sie eine siebenjährige Haftstrafe in der Strafkolonie Nummer 54 von Charkiw absitzen, etwa 500 Kilometer östlich der Hauptstadt Kiew.

Internationale Proteste halfen nichts

Und sie ist ernsthaft krank, weshalb ihre Tochter nicht müde wird, in Europa für die Freilassung ihrer Mutter zu werben und auf ihren ärztlich attestierten bedenklichen Gesundheitszustand aufmerksam zu machen. Ihre Mutter habe, so sagt sie, einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten und vermutlich einen verschleppten Leistenbruch. Sie habe Schmerzen, permanent, und müsse dringend operiert werden.

Julia Timoschenko war für die Überschreitung ihrer Kompetenzen als Ministerpräsidentin durch den Abschluss eines Gasvertrags mit Russland im Jahr 2009 verurteilt worden. Internationale Proteste gegen dieses Urteil und den Prozess, der nach Meinung der EU-Kommission sowie des Europaparlaments von schweren Rechtsbrüchen belastet war, halfen nichts.

Permanent mit Schmerzmitteln behandelt

„Sie wird regelrecht gefoltert“, sagt die 32-Jährige Tochter im Gespräch mit "Morgenpost Online“. „Sie wird rund um die Uhr von Videokameras überwacht, das Licht bleibt tage- und nächtelang an. Man verweigert ihr den Besuch von Menschenrechtsvertretern, ausländischen Politikern und oft sogar ihren Anwälten.“

Julia habe schon ein paar Mal das Bewusstsein verloren und werde permanent mit starken Schmerzmitteln behandelt. Sie leide auch unter extrem niedrigem Blutdruck und werde mit Injektionen und Medikamenten behandelt, deren Wirkung und Zusammensetzung der Familie nicht bekannt seien.

Jewgenija Timoschenko vermutet sogar, dass ihre Mutter im Gefängnis langsam und schleichend vergiftet werde, „so wie es früher in der Sowjetunion üblich“ gewesen sei.

Politische Kämpferin wider Willen

Mit solch drastischen Anklagen ist Jewgenija, die mit dem britischen Rockmusiker Sean Carr verheiratet ist, längst mehr als nur die Tochter einer Wendezeit-Ikone. Sie ist Mahnerin, für Kiews Machtelite unbequeme Anklägerin und lebendes schlechtes Gewissen einer Justiz, der Organisationen wie Transparency International und Freedom House einen extrem hohen Grad an Korruption bescheinigen.

Aus dem apolitischen Mädchen ist eine politische Kämpferin geworden, wider Willen vielleicht, aber letztlich unausweichlich. Längst fordern Julia Timoschenkos Parteifreunde, dass ihre Tochter die oppositionelle „Batkiwschtschina“ (Vaterland) führen möge, solange die Mutter in Haft sei.

Doch so weit ist Jewgenija noch nicht, ihre Kraft gehört zurzeit ganz dem Kampf um die Freiheit der Mutter, ob beim Strafgerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, im Europaparlament oder in den Hauptstädten Europas.

Ukrainische Ärzte, so ein weiterer Vorwurf der blonden, flüssig Englisch parlierenden jungen Frau – Resultat ihrer Ausbildung in einem britischen Elite-Internat sowie einem Studium an der renommierten London School of Economics –, bescheinigten ihrer Mutter immer wieder, dass sie gesund und vernehmungsfähig sei. Dabei habe sie die Behandlung durch ukrainische Ärzte abgelehnt, weil sie falsche Diagnosen stellten.

Kiew arbeitet an neuer Strafprozessordnung

Viel Wind, viel Ärger für Kiews Regierung, die sich Europa nähern will, politisch und wirtschaftlich.

Präsident Wiktor Janukowitsch erklärte gerade im Fernsehen, falls die Haftstrafe seiner Widersacherin nach Umsetzung eines an europäischen Rechtsnormen orientierten Gesetzentwurfs noch in Kraft sei, würde er jeglichem Gnadengesuch von ihrer Seite stattgeben. Ihm sei an der „richtigen Lösung“ nach „europäischen Normen“ gelegen.

Kiew arbeitet an einer neuen Strafprozessordnung, deren Einführung im Rahmen der Pro-EU-Agenda des Landes alte Rechtsnormen ersetzen soll. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge könne er sie aber rein rechtlich nicht begnadigen, sagte Janukowitsch. Erst der Abschluss des Gerichtsverfahrens und die Einführung neuer Gesetze gebe ihm Spielraum für eine Begnadigung, nachdem ein entsprechendes Gesuch von ihr eingegangen sei.

"Menschenunwürdig und kriminell"

Aber so weit ist es längst noch nicht und zumindest Timoschenkos Tochter bezweifelt, dass ihre Mutter noch so viel Kraft und Zeit habe, darauf zu warten. „Ich habe sie am Dienstag besucht. Sie lag auf einer Art Spezialbett, weil sie nicht sitzen geschweige denn gehen kann. Wir mussten uns in einem Befragungsraum unterhalten unter Aufsicht“, sagt die Tochter. Es gebe weder Internet noch Telefon für die Gefangene. Das sei „menschenunwürdig und kriminell“.

Der Neurologe Karl Max Einhäupl und der Orthopäde Norbert Haas vom Berliner Universitätsklinikum Charité hatten Julia Timoschenko gemeinsam mit kanadischen Kollegen untersucht und festgestellt, dass sie ernsthaft und dauerhaft unter Rückenschmerzen leide und operiert werden müsse.

Jewgenija Timoschenko zweifelt nicht an der Kompetenz der Ärzte, gibt aber zu bedenken, dass ihnen etwa eine Blutentnahme verweigert worden sei, was eine wirklich umfassende Diagnose unmöglich mache.

Ihr Vater kämpft von Tschechien aus

Der Druck auf Familie und Freunde, so berichtet die junge Frau, sei extrem hoch. Viele würden in Sippenhaft genommen, ihr Vater habe bereits in Tschechien um Asyl nachgesucht und kämpfe nun von Prag aus um seine Frau.

„Ich gehe davon aus, dass ich abgehört und überwacht werde“, sagt Jewgenija. „Aber ich werde trotzdem nach Kiew zurückkehren, weil ich im Moment das einzige Familienmitglied bin, das Julia nahe sein kann.“

Privater Feldzug Janukowitschs?

Enge Freunde der Timoschenko-Tochter sind sich indes nicht so sicher, dass nicht auch sie akut gefährdet sein könnte. Denn Janukowitsch führt offenbar einen privaten Feldzug und lässt systematisch politische Gegner inhaftieren. Seit Dezember 2010 ist auch Ex-Innenminister Jurij Luzenko in Haft, auch ein führender Kopf der „Orangenen Revolution“.

Er habe sich wegen der schlechten Ernährung und der Verweigerung von Medikamenten eine Leberzirrhose zugezogen, beklagt Luzenko, der gerade zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sein Vergehen: Er hatte seinem Fahrer ein zu hohes Gehalt und eine zu große Dienstwohnung genehmigt.

Jewgenija Timoschenko verdrängt, dass auch sie womöglich auf der schwarzen Liste steht. Sie muss weiter auf ihrer Mission, die Mutter zu retten. In Brüssel warten Europaparlamentarier auf ihre Berichte aus erster Hand. Eine fast scheues „Bye“ – und weg ist sie.