Kim Jong-un

Warum Nordkoreas Diktator so gerne Händchen hält

| Lesedauer: 4 Minuten
Johnny Erling

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hat viele Geheimnisse. Selbst ein amtlicher Lebenslauf fehlt für den Diktator. Seine Hand dürfen nur Vertraute halten.

Im totalitären Nordkorea, das sich von der Außenwelt hermetisch abriegelt, ist warmherziges Händchenhalten in. Vorausgesetzt, dass alle Beteiligten zur großen Familie von Führer und Geführten gehören.

Pjöngjangs neuer Diktator Kim Jong-un, der in dritter Generation die dynastische Herrschaft nach dem Tod seines Vaters fortsetzt, hat Händehalten zu seinem Markenzeichen gemacht und lässt einen besonderen Kult darum veranstalten.

Schon während der Trauerzeit um seinen im Dezember gestorbenen Vater Kim Jong-il zeigten Fotos den Nachfolger an der festen Hand von Nordkoreas Generälen. Ein paar Tage später war Kim an der Reihe zum Drücken.

Hartgesottene Panzersoldaten mit Tränen in den Augen

Beim Besuch der 105. Panzerdivision Seoul Ryu Kyong-su traten selbst hartgesottenen Panzersoldaten Tränen in die Augen, meldete Nordkoreas Nachrichtenagentur „KCNA“. Die „Rührung hatte sie überwältigt“, als Kim für ein gemeinsames Foto mit den Truppen dem einen Kämpen seine rechte Hand auf den Arm legte, während er mit seiner Hand die des links von ihm sitzenden Soldaten drückte.

Keinerlei Berührungsängste zeigte Kim am vergangenen Montag. Am Tag des chinesischen Neujahrsfestes, das auch in Nordkorea gefeiert wird, besuchte der „Oberbefehlshaber der Armee und höchste Führer der Arbeiterpartei und des Staates“ die Mangyongdae Revolutions-Schule in Pjöngjang.

Zur Feier des neuen Drachenjahres, drückte er dort zuerst allen Schulbeamten „einem nach dem anderen“ die Hand. KCNA-Reporter schilderten detailreich, wie er sich dann den Schülern zuwandte.

Denen standen die „Tränen in den Augen. Er tätschelte ihre roten Wangen, nahm warmherzig ihre Hände in die seinen. Gütig sanft fragte er sie, warum sie keine Handschuhe bei dem kalten Wetter tragen.“

In asiatischen Gesellschaften ein normaler Anblick

Solche Szenen werden oft missverstanden. Händchenhalten ist im Fall Nordkorea weder ein Zeichen, dass der junge Machthaber am Gängelband seiner Generäle hängt, noch eignet es sich für andere Interpretationen. Junge Männer oder Frauen öffentlich Hand in Hand zu sehen, ist in vielen asiatischen Gesellschaften ein normaler Anblick und ein offen demonstriertes Zeichen kindlicher Vertrautheit.

Auch in China war das noch vor einer Generation gang und gäbe, auch wenn es viele Ausländer genierte. Im globalisierten Reich der Mitte löst heute bei der jungen Generation der immer beliebtere Wangenkuss zur Begrüßung das frühere Händchenhalten ab.

Junge Studenten, die aus Einzelkindfamilien stammen, kennen Händchenhalten überhaupt nicht mehr. Verwundert beschrieben nun ausgerechnet chinesische Erstsemester, die an zwei Universitäten Nordkoreas studieren, für die südchinesische Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“ eine ihrer Beobachtungen beim Studium in Pjöngjang. „Händchenhalten ist unter Studenten weitverbreitet.“

Kein amtlicher Lebenslauf

Selbst Südkoreas Medien fiel das traditionelle Verhalten des Kim Jong-un auf. Vor allem deshalb, weil sie alles für berichtenswert halten, was aus Nordkoreas verschlossener Gesellschaft über den dritten und jüngsten Sohn des gestorbenen Diktator bekannt wird, der vom Vater einen hochgerüsteten, Atomwaffen besitzenden, Elendsstaat geerbt hat.

Noch immer gibt es keinen amtlichen Lebenslauf für Kim. Chinesische Zeitschriften trugen jetzt zur Klärung wenigstens seines Alters bei. Er soll am 8. Januar 29 Jahre alt geworden sein, würde aber für 30 Jahre ausgegeben, heißt es.

Grund für das aufgerundete Alter sei, dass 30 besser passt, wenn Nordkorea 2012 den hundertsten Geburtstag seines Großvaters und Staatengründer Kim Il-song feiert und 70 Jahre seines Vaters Kim Jong-il.

Händeschütteln genauestens geregelt

Des Nachfolgers Hand aber dürfen nur Vertraute halten. Der mit seiner Mutter zur Totenfeier nach Pjöngjang eingeladene Sohn des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, der einst die Aussöhnung mit dem Norden betrieb, berichtete nach seiner Rückkehr, dass das Protokoll auch das Händeschütteln beim Kondolieren genauestens regelte.

Die Angereisten hatten zu warten, sie dürften auf keinen Fall als erste ihre Hand zur Beileidsbekundung dem trauernden Sohn entgegenstrecken. Gar keine Chance zum Händeschütteln bekommt der amtierende Präsident Südkoreas Lee Myung-bak, egal wie lange er wartet. Nordkorea sieht ihn als seinen Erzfeind.

Als Lee kurz nach dem Tod des Vaters dem Sohn und Nachfolger „die Hand“ anbot, um gemeinsam die Beziehungen künftig zu verbessern, holte er sich eine brüske Abfuhr. Pjöngjang Propaganda schoss aus allen Megaphonen: Niemals werde er mit „Verräter Lee“ auch nur reden. Ganz zu schweigen vom Hände schütteln.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos