Islamabad

Wie ein Christ in Pakistan für Menschenrechte kämpft

| Lesedauer: 8 Minuten
Agnes Tandler

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/ANSA

Paul Bhatti vertritt die Nicht-Muslime, seit sein Bruder Shahbaz Bhatti, einst Minister für religiöse Minderheiten, ermordet wurde. Auch er sieht sich ständig der Gefahr ausgeliefert.

Ein paar Wochen bevor sein Bruder ermordet wurde, bekam Paul Bhatti einen Anruf. Shahbaz Bhatti, zehn Jahre jünger als er selbst und Pakistans Minister für religiöse Minderheiten, lud ihn ein, nach Pakistan zu kommen. „Ich glaube, es war mehr ein Scherz“, sagt Bhatti.

Er lehnte dankend ab. „Bist du verrückt, habe ich ihm gesagt, ich habe hier meine Klinik und meine Familie, Italien ist meine Heimat.“ Doch vier Wochen später war der Kinderarzt zurück in Pakistan, dem Land, in dem sein Bruder gerade auf kaltblütige Weise umgebracht worden war. „Ich bin selbst ein bisschen erstaunt darüber“, sagt Bhatti und lacht.

Er müsste sich das alles nicht antun: Nicht die fünf Wachen, die mit Maschinengewehren auf dem Schoß gelangweilt vor seiner Bürotür sitzen, nicht die Leibwächter, die ihm überall hin folgen und auch nicht den großen Schreibtisch übersät mit Papieren, Briefen und Bitten. Doch an diesem Tisch saß einst auch sein Bruder. „Ich kann nicht einfach davonlaufen“, sagt Paul Bhatti.

Bhatti hatte seinen Tod vorhergesehen

Aus dem 6. Stock des Hochhauses schaut man auf das grüne, überschaubare Islamabad. Der moderne, von Stadtplanern auf dem Reißbrett entworfene Regierungssitz Pakistans gilt als die sicherste Stadt des vom Terror gepeinigten Landes. Doch genau hier wurde Shahbaz Bhatti, Minister für Minderheiten und einziger Christ der Regierung, Anfang März ermordet.

Unbekannte hatten ihn vor dem Haus seiner Eltern abgepasst und erschossen. Bhatti hatte seinen Tod vorhergesehen: Er sei der nächste auf der Todesliste, hatte er prophezeit. Der Minister hatte sich vehement für die Abschaffung von Pakistans umstrittenem Blasphemie-Gesetz ausgesprochen, das die Todesstrafe nach sich ziehen kann. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Geistliche hatten Muslime aufgefordert, Politiker zu enthaupten

Islamische Geistliche hatten eine Fatwa, einen religiösen Bannspruch, gegen den 42-jährigen Katholiken erlassen und Muslime aufgefordert, den Politiker zu enthaupten. Doch das hatte Shahbaz Bhatti nicht stoppen können. „Wir müssen gegen diese terroristischen Kräfte kämpfen, weil sie das Land terrorisieren“, sagte er Mitte Januar. Kurz zuvor war ein anderer prominenter Politiker und Gegner des Blasphemie-Gesetzes, Salman Taseer, von seinem eigenen Leibwächter erschossen worden. „Ich kann den Sicherheitsmaßnahmen nicht vertrauen“, erklärte Bhatti damals. „Ich glaube, dass Schutz nur vom Himmel kommen kann.“

Sein Bruder erinnert sich noch an diese Zeit. „Ich habe ihn gedrängt, das Land zu verlassen. Aber er wollte das nicht hören“, erzählt sein älterer Bruder über ihn. „Als Taseer von seinem eigenen Leibwächter getötet wurde, war klar, man kann niemandem mehr trauen.“

Paul Bhatti trägt einen grauen Anzug mit farblich fein abgestimmter Krawatte. Sein Italienisch ist perfekt, mit einem eleganten, norditalienischen Akzent. Er passt gut in ein Krankenhaus im beschaulichen Treviso oder in eine Kaffeebar in den Altstadtgassen von Padua. Ein respektierter Arzt Mitte 50 mit seiner eigenen, gut gehenden Praxis, eine gepflegte, angenehme, kultiviert Erscheinung.

Sein altes Leben hat Paul Bhatti aufgegeben

Das alles hat er über Nacht aufgegeben, um in Pakistan die Arbeit seines Bruders weiterzuführen. „Es gibt viele gute Ärzte in Italien“, sagt Bhatti. „Aber hier werde ich gebraucht.“

Paul Bhatti ist sich der Gefahr bewusst, die er mit seiner Entscheidung eingegangen ist. „Ich kann getötet werden und ich will mein Leben nicht verlieren“, sagt er trocken. Seine Mutter hat er nach Kanada zu seiner Schwester geschickt. Es beruhigt ihn, dass sie nicht mehr im Land ist. „Sicherheit in Pakistan bedeutet nichts“, sagt er lapidar, nachdem er erzählt hat, dass er Personenschützer für sein Haus, sein Büro und alle seine Wege hat. Das sei eben das Risiko, fügt er hinzu. „Gandhi, Mandela, sie hatten alle kein leichtes Leben. So ist es eben, wenn man seiner Überzeugung folgt und Veränderungen in der Gesellschaft will.“

Bhatti ist vorsichtiger als sein Bruder. Anders als Shahbaz drängt er nicht öffentlich auf eine Veränderung des Blasphemie-Gesetzes. In Pakistan häufen sich in letzter Zeit Verurteilungen und Festnahmen wegen Gotteslästerung. Im November 2010 war die 40-jährige Christin Asia Bibi wegen Blasphemie-Verdacht zum Tod am Galgen verurteilt worden.

Sein Ton ist verhaltener

Shahbaz Bhatti hatte sich für eine Begnadigung der fünffachen Mutter eingesetzt. Das wurde ihm offenbar zum Verhängnis. Menschenrechtsgruppen fordern schon seit Langen eine Abschaffung des Gesetzes, weil es oft dazu genutzt wird, persönliche Streitigkeiten auszutragen. Meist reicht der bloße Verdacht der Gotteslästerung aus, um jemanden monatelang ins Gefängnis zu werfen.

Paul Bhatti gibt sich zurückhaltend, wenn die Sprache auf eine Abschaffung des Gesetzes kommt: „Selbst wenn wir das Gesetz ändern – wenn die Haltung die gleiche bleibt, dann können wir nicht viel tun“, sagt er. Seine Worte kommen überlegt. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinem Bruder oder von dem ermordeten Gouverneur Salman Taseer. Der hatte die Verordnung als „schwarzes Gesetz“ bezeichnet.

Paul Bhatti will lieber zunächst an der Veränderung der Gesellschaft arbeiten. „Es gibt viele Menschen mit gutem Willen und es gibt Verrückte. Es gibt Fälle, wo Konflikte gut gelöst werden“, sagt er. Sein Bruder hatte hingegen stets auf eine Veränderung des Paragrafen gedrängt. Trotzig sagte er seinen Widersachern: „Ich werde weiter dagegen angehen, diese Fanatiker können mich nicht stoppen.“

Der Mord am Bruder ist noch immer nicht aufgeklärt

Paul Bhatti ist weniger öffentlich sichtbar als sein Bruder. Er hält sich bei seiner Arbeit lieber bedeckt. Dabei hilft, dass es den Ministerposten, den sein Bruder hatte, nicht mehr gibt. Die Regierung hat das Ministerium im Zuge einer föderalen Reform abgeschafft, die Aufgaben sind nun an die fünf Provinzen des islamischen Landes übergegangen. Paul Bhatti ist offiziell Berater für Minderheiten des Premierministers.

„Unsere Regierung tut ihr bestes“, sagt er. Doch er muss zugeben, dass sich die Situation im Land verschlechtert – auch für religiöse Minderheiten. Pakistans Bündnis mit den USA im Kampf gegen den Terror habe zu Feindseligkeit gegen den Westen, aber auch zu einer Zunahme der religiösen Gewalt geführt. All dies mache die Menschenrechtslage schlechter.

Bhatti hofft, dass er das Werk seines Bruders weiterführen kann, der sich für die Minderheiten im Land stark machte. „Wenn ich nützlich bin, werde ich bleiben“, sagt er. Auch seine Mutter habe ihre Zweifel überwunden und ihn schließlich bestärkt: „Du musst weitermachen“, habe sie ihm gesagt. Das mache es ihm leichter zu bleiben, sagt Bhatti. Doch seine Klinik in Italien habe er immer noch, erklärt er auf Nachfrage.

Dass es auch neun Monate nach dem Tod seines Bruders noch keinen Hinweis auf die Mörder gibt und die Ermittlungen der Behörden sich im Kreis drehen, ficht Bhatti nicht an. „Ich kann mich nicht darauf konzentrieren, die Mörder zu finden“, erklärt er. „Es ist nur Zeitverschwendung.“ Bhatti glaubt, dass islamistische Kräfte die Mörder bezahlt haben. Doch in Pakistan werde man nie die Wahrheit finden, sagt er. Es sei wichtig, dass Erbe seines Bruders zu erhalten – „damit sein Opfer nicht umsonst ist“.

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