Last-Minute-Geste

Gouverneur begnadigt Mörder und Schwerverbrecher

An seinem letzten Amtstag hat US-Gouverneur Haley Barbour 204 Häftlinge begnadigt – darunter vier Mörder. Warum tat er das?

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Der Staat Mississippi sucht nach vier verurteilten Mördern und einem Einbrecher, denen nicht mehr vorzuwerfen ist, als dass sie das Glück hatten, von ihrem Gouverneur ohne Warnung und Begründung begnadigt zu werden. Die Männer sind, zum Entsetzen der Angehörigen ihrer Opfer, die Racheakte fürchten, nach Recht und Gesetz frei und nicht verpflichtet, sich den Behörden zu stellen.

Was Gouverneur Haley Barbour (64), einen Law-and-Order-Republikaner, der in acht Jahren nur zehn Begnadigungen ausgesprochen hatte, bewog, an seinem letzten Amtstag in einer imperialen Geste 204 Häftlinge zu begnadigen, ist Gegenstand fassungsloser Spekulation der Bürger von Mississippi.

Vorladung muss persönlich zugestellt werden

Dem Eingreifen eines Richters, der auf Veranlassung des (demokratischen) Justizministers Jim Hood handelte, ist es zu verdanken, dass die Entlassung von 21 Häftlingen ausgesetzt wurde. Den vier am vergangenen Sonntag entlassenen Mördern und dem wegen Einbruchs Verurteilten stellte Green die Bedingung, in einer Anhörung am 23. Januar nachzuweisen, dass sie gesetzliche Voraussetzungen zur Begnadigung erfüllt haben.

Dazu zählt, den Antrag eines Häftlings 30 Tage lang öffentlich bekannt zu machen. Sollten sie die Bedingungen nicht erfüllt haben, könnte die Begnadigung für nichtig erklärt werden. Allerdings muss diese Vorladung den Männern persönlich zugestellt werden; niemand weiß, wo sie sind.

Haley Barbour, populärer Gouverneur und im Frühjahr ein möglicher Bewerber der Republikaner für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, fühlt sich missverstanden. In mehr als 90 Prozent der Fälle, sagt er, sei er den Vorschlägen der Kommission für Bewährung und Begnadigungen gefolgt; 189 der 208 Verurteilten seien in Freiheit gewesen.

Mit den Begnadigungen, Entlassungen aus Gesundheitsgründen und Bewährungsumwandlungen habe er den Verurteilten helfen wollen, wieder Arbeit zu finden, und "zur Wahl zu gehen.“ Er habe sein Recht ausgeübt, murrte Haley Barbour, und verstehe die Aufregung nicht. Hier könnten die Angehörigen der Mordopfer nachhelfen.

Revolver auf Frau mit Kind gerichtet

David Glenn Gatlin richtete 1993 einen Revolver auf seine Frau Tammy, die ihr acht Wochen altes Baby auf dem Arm trug, und schoss ihr in den Kopf; auch auf Randy Walker, einen Freund der Familie, schoss er aus nächster Nähe. Tammy starb, Randy überlebte.

Gatlin wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft und zusätzlich zu 30 Jahren wegen anderer Verbrechen verurteilt. Offenbar gelang es ihm, sich wegen guter Führung als sogenannter „trusty“ von November 2009 an für Arbeiten in der Amtsvilla Haley Barbours engagieren zu lassen.

Crystal Walker, die Ehefrau Randys, sagt, sie und ihre Familie lebten seit Gatlins Entlassung in Angst. Noch am Tag vor der Begnadigung hätten sie einen Brief der Justizbehörden enthalten, in dem bestätigt wurde, dass ein Antrag Gatlins auf Entlassung auf Bewährung abgelehnt worden sei. Tags darauf kam die Nachricht von der Begnadigung; Tammys Familie habe noch mehr Angst: „Nun könnte er neben uns wohnen, wir könnten ihm im Walmart begegnen. Man schaut dauernd über die Schulter.“

Alle arbeiteten in der Amtsvilla Barbours

Jeder der fünf Begnadigten, nach denen Mississippi nun händeringend sucht, arbeitete als „trusty“ in der Amtsvilla Barbours. Ein beispielloser Vertrauensbeweis für Mörder. Überhaupt fällt der hohe Anteil von 80 Gewaltverbrechern bei den Begnadigungen auf.

Neben den vierzehn Mördern erhielten Männer Gnade, die wegen Vergewaltigung, Beihilfe zu Mord, schwerer Körperverletzung und fahrlässiger Tötung durch Autounfälle einsaßen. Für 32 von ihnen bedeutete die Begnadigung nicht nur die Freiheit, sondern das Löschen ihres Vorstrafenregisters.

Die Straftaten, darunter auch Bagatellen wie Drogenbesitz (Marihuana) und Ladendiebstähle, lagen zwischen einem und 51 Jahren zurück. Unter den Begnadigten findet sich Ernest Favre, der ältere Bruder des berühmten Football-Quarterbacks Brett Favre. Er hatte 1996 betrunken den Unfalltod eines Freundes verursacht und war zu 15 Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Als Favre seine Auflagen verletzte, indem er fischen ging, landete er im Gefängnis.

Massenbegnadigung wirkt verheerend wie Massenverurteilung

Bei mehr als der Hälfte der Begnadigten sollen die Angaben zu Straftaten, Haft und Aufenthaltsort lückenhaft aussehen. Die ganze Aktion muss in größter Hast von der Staatskanzlei angeordnet worden sein. Warum, weiß niemand: was hatte Barbour davon, der nun als Großlobbyist nach Washington zurückkehrt?

Einig sind sich die meisten Bürger in ihrer Wut darüber, dass eine Massenbegnadigung so verheerend wirkt wie eine Massenverurteilung. In vielen Einzelfällen mag es gute Gründe geben, man hätte sie über Wochen in Ruhe prüfen können.

Das Gnadenrecht kann sinnvoll sein, wenn Gouverneure Fehlurteile und unnötige Härten korrigieren. Sie sind die letzte Hoffnung von Schuldigen wie Unschuldigen in den Todeszellen Amerikas. US-Präsidenten nutzen ihr Begnadigungsrecht gern als Last-Minute-Geste. George Bush, der ältere, ließ im Dezember Gnade vor Recht für fünf Beamte ergehen, die in der Iran-Contra-Affäre Gesetze verletzt hatten.

Bill Clinton verschenkte an seinem letzten Tag im Weißen Haus 100 Verurteilten seine Gnade, darunter einem treuen Wahlspender. Immer ist die Empörung über Missbrauch und Willkür groß, immer legt sie sich rasch.